Guido Bader führt seit vorigem Jahr die DAV. Foto: DAV

DAV-Chef im Interview

„Hohe Garantien sind nicht mehr darstellbar“

DAS INVESTMENT: Der Höhepunkt der Corona-Krise liegt inzwischen mehr als ein Vierteljahr zurück. Welches Fazit ziehen Sie aus Sicht des Versicherungsvertriebs?

Guido Bader: Das ist sehr davon abhängig, ob der jeweilige Vertriebsweg bereits vor der Krise digital gut aufgestellt war oder nicht. In den beiden Vorkrisenmonaten Januar und Februar hielt zunächst noch der Trend zu einem starken Geschäft mit Lebensversicherungen gegen Einmalbeitrag an. Und in den Folgemonaten hat sich der Vertrieb der Versicherungsbranche vielfach sehr schnell umgestellt: Die Mitarbeiter waren umgehend aus dem Homeoffice aktiv. Daher dürften die Zahl und das Volumen der neu abgeschlossenen Lebensversicherungsverträge im ersten Halbjahr 2020 in etwa auf dem Niveau des Vergleichszeitraums im Vorjahr liegen. 

Das Neugeschäft zeigt sich damit also erstaunlich robust. Nur in der betrieblichen Altersvorsorge ist es infolge der Corona-Krise ernsthaft eingebrochen. Denn die Unternehmen stellen derzeit einerseits weniger Leute neu ein, für die ein Vertrag abgeschlossen werden kann. Das gilt insbesondere für die schwer getroffenen Branchen Gastronomie und Touristik. Aber auch in der Autoindustrie zeigen sich deutliche Schleifspuren der Krise. Andererseits verhinderte die Kontaktsperre das persönliche Beratungsgespräch in den Räumlichkeiten der Arbeitgeber. Der rein persönlich arbeitende Vertrieb leidet also zwar durchaus unter der Corona-Krise, die Anbieterseite aber weniger.

Was meinen Sie genau? Wie sind die Produktgeber Ihrer Erfahrung nach durch die Krise gekommen?

Mit Blick auf die Punkte Sterblichkeitsstatistik, Stornoverhalten und Kapitalmarktentwicklung würde ich heute zusammenfassend sagen, dass die Branche relativ gut durch die Krise gekommen ist. Zum ersten Punkt kann ich berichten, dass wir bei der Stuttgarter Lebensversicherung nur leicht erhöhte Todesfallzahlen registriert haben. Die Versicherungsleistungen sind daher nicht wesentlich angestiegen.

Die langfristigen Folgen für den Bestand der deutschen Lebensversicherer sind aber heute noch nicht abschätzbar. Denn wir haben bei vielen Anbietern Beitragsfreistellungen gesehen. Diese sind im März und April zunächst stark gestiegen, dann aber wieder abgeflaut. Es bleibt jedoch fraglich, wie viele von den für drei oder oft auch sechs Monate gestundeten Zahlungen am Ende zu gekündigten Verträgen führen.

Und zum dritten Punkt: Die Börsen haben sich zwar bereits relativ schnell wieder von den heftigen Einschlägen der ersten Wochen der Corona-Krise erholt. Doch die Aussicht auf wieder steigende Zinsen ist aufgrund der expansiven Notenbankpolitik weiterhin nicht gegeben. Als Folge der Hilfsmaßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie beobachten wir sogar eine weiter verschärfte Lage bei der Zinsentwicklung.

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