Diese zehn Titel bewegen den Dax am stärksten (Foto: John Macdougall/AFP/Getty Images. Quelle: Finitmat.de)

Diese zehn Titel bewegen den Dax am stärksten (Foto: John Macdougall/AFP/Getty Images. Quelle: Finitmat.de)

Dax-Rekord

Wie es nach dem Sprung über die Marke von 10.000 Punkten weitergeht

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Für Max Otte war schon im Vorfeld klar, wie er die fünfte Stelle begrüßen würde: „Mit einem Manhattan-Cocktail zu, Fly me to the moon, let me play among the stars‘ von Frank Sinatra.“ Der Wirtschaftsprofessor und unabhängige Fondsmanager feiert gern, und dass Deutschlands führender Aktienindex schon bald Gelegenheit dazu geben würde, war für ihn bereits im Frühjahr 2013 ausgemachte Sache. Damals stand der Dax noch bei 7.500 Punkten.

Es ist nicht das erste Mal, dass Otte sein gutes Gespür für die Märkte unter Beweis stellt. Die Finanzkrise 2008 hat er bereits in seinem 2006 erschienenen Buch „Der Crash kommt“ vorhergesagt. Nach dem massiven Kursrutsch war er dann einer der Ersten, die zum Kauf von Aktien rieten. Und er wechselt auch jetzt nicht die Seiten.

„Es ist empirisch bewiesen, dass Rekordstände große Anziehungskraft auf neue Investoren haben“, so der Manager des PI Global Value Fund (WKN: A0N E9G) und des Max Otte Vermögensbildungsfonds AMI (A1J 3AM). Steige die Nachfrage, stiegen auch die Kurse

Nur ein Strohfeuer?


Noch halten sich neue Investoren allerdings zurück. Nur wenige Wochen, nachdem der Dax am 5. Juni erstmals die magische Marke von 10.000 Punkten überschritten hatte, fiel er sogar kurzfristig noch einmal unter 9.800 Punkte.

Alles also nur ein Strohfeuer, das letzte Aufbäumen vor dem Absturz? Zumindest fundamental gibt es dafür keine Hinweise. Zu teuer ist der Dax noch nicht. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der 30 größten und umsatzstärksten Unternehmen liegt derzeit bei 13, gerechnet auf die Gewinne der kommenden zwölf Monate.



Der langjährige Durchschnitt liegt bei einem KGV von 15. „Bei 9.500 Punkten ist der Dax in etwa fair bewertet. Und Überbewertungen von 10 oder 20 Prozent sind bei Indizes noch keine Alarmsignale, höchstens ein Grund zur Vorsicht“, so Otte.

Und selbst wenn der Dax überbewertet wäre, gäbe es keinen Grund zur Besorgnis, ist Jens Ehrhardt überzeugt: „Eine fundamentale Überbewertung ist fast nie der Auslöser einer Talfahrt“, so der Gründer und Vorstandschef der DJE Kapital aus Pullach bei München.

Eine ungleich größere Gefahr seien dagegen euphorisierte Aktienkäufer, die sich gierig und häufig ohne jede Erfahrung in das Abenteuer Börse stürzten. Davon könne derzeit keine Rede sein: „Von einer Hausfrauen- oder Taxifahrer-Hausse sind wir weit entfernt.“

Das belegen die jüngsten Zahlen des Deutschen Aktieninstituts. So trennten sich allein im vergangenen Jahr rund 600.000 Menschen von ihren Aktien oder Aktienfonds. Insgesamt sank die Zahl der direkten oder indirekten Aktionäre in Deutschland von 12,8 Millionen im Jahr 2001 auf nur noch 8,9 Millionen Ende 2013. Ehrhardt: „Die Aktie gilt breiten Anlegerschichten noch immer als riskant – nicht nur Kleinsparern, sondern vor allem auch den Großen wie Versicherungen.“

Rekordhoch? Welches Rekordhoch?

Hinzu kommt: Der Dax ist der einzige Index der Welt, der als Performance-Index veröffentlicht wird. Gezahlte Dividenden werden mit einberechnet. Das frisiert die Performance ganz ordentlich. Betrachtet man den reinen Kurs-Index ohne Dividenden, ist das deutsche Börsenbarometer noch weit von einem Allzeithoch entfernt. Der Kurs-Dax steht derzeit gerade einmal bei 5.085 Punkten, ein Abstand von 1.115 Punkten zu seinem Rekordhoch im März 2000 (siehe Chart).

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Quelle: Bloomberg


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Für Höhenangst besteht also allein der absoluten Höhe wegen kein Grund. Was aber könnte den Dax kippen lassen? Nach Ehrhardts Beobachtungen vor allem drei Dinge: steigende Zinsen, eine schrumpfende Geldmenge M1 und eine harte Landung in China. Zumindest Ersteres sieht ein anderer Großer der deutschen Vermögensverwalter-Szene in weiter Ferne. „Die Furcht vor einem baldigen Ende der lockeren Geldpolitik in den USA ist übertrieben.

Die Wachstumsperspektiven der US-Wirtschaft sind nach wie vor verhalten und rechtfertigen keinen radikalen Schwenk von der Nullzinspolitik zu steigenden Zinsen“, sagt Bert Flossbach, Mitgründer und Vorstand von Flossbach von Storch in Köln. Und die Europäische Zentralbank (EZB) werde zunehmend zum Gefangenen der hoch verschuldeten Euro-Staaten.

Flossbach: „Sie wird ihre lockere Geldpolitik beibehalten, um die Eurokrise 2.0 zumindest noch einige Zeit hinauszuzögern.“ Erst im Juni dieses Jahres hat EZB-Chef Mario Draghi den Leitzins erneut gesenkt, auf 0,15 Prozent. Den Einlagenzins für Banken hat er sogar auf minus 0,1 Prozent gesetzt.

Damit müssen die Kreditinstitute künftig zahlen, wenn sie ihr Geld bei der EZB parken, anstatt Kredite an Unternehmen und Haushalte zu vergeben. Flossbach zufolge müssen die Notenbanken ihre Schleusen noch lange offen halten, „und sie können sie möglicherweise gar nicht mehr schließen“. Die Geldflut fließt in den Immobilien- und Aktienmarkt, was die Kurse weiter massiv stützt. Von dieser Seite droht also kaum Gefahr.

Das Wachstum der Geldmenge M1, also das umlaufende Bargeld plus der täglich kündbaren Einlagen, flacht sich in der Euro-Zone allerdings deutlich ab. Jüngst legte sie im Vergleich zum Vorjahr um 5,6 Prozent zu, vor einem Jahr waren es noch knapp 9 Prozent. Ehrhardt: „Das Wachstum der Geldmenge M1 ist einer der besten Börsenindikatoren, die ich kenne.“

Es laufe den Kursen um sechs Monate voraus. „Vorbei ist die Party damit zwar noch nicht, aber ich rechne in den kommenden Monaten mit einer Pause“, so Ehrhardt weiter. Wirklich bedrohlich klingt auch das noch nicht.

Risikofaktor China

Und China? „Droht vom Treiber zum Risikofaktor für deutsche Aktien zu werden“, so Ehrhardt. Er glaube zwar nicht an eine harte Landung, aber China sei der drittwichtigste Markt für die deutsche Wirtschaft. Deutschland sei damit deutlich abhängiger von Asiens Wachstumsmotor als etwa die USA. Ehrhardt: „Das macht den Dax wesentlich riskanter als die großen US-Indizes.“ Auch Flossbach sieht hier Ungemach: „Die Frage ist nicht, ob die Überinvestition und der Verschuldungszyklus in China enden werden, sondern wie und wann.

Je länger sich das rasante Kreditwachstum fortsetzt, desto gefährlicher wird die Fallhöhe.“ Eine deutliche Abkühlung der chinesischen Wirtschaft würde allerdings die Notenbanken ermutigen, noch stärker auf das Gaspedal zu drücken. Was sich wiederum positiv auf die Preise von Finanzanlagen auswirke. Flossbach: „Die Tiefzins-Politik der Notenbanken ist und bleibt die dominante Einflussgröße an den Kapitalmärkten.“


Foto: John Macdougall/AFP/Getty Images · Quelle: Finitmat.de

Bis auf Weiteres also grünes Licht für Fonds, die in deutsche Dividendenwerte investieren. Zum Beispiel für den DWS Deutschland (849 096) von Tim Albrecht, der auf Sicht von drei, fünf und zehn Jahren stets unter den fünf besten Deutschlandfonds zu finden ist. Ein Kunststück, das sonst nur Albrechts Kollegen Henning Gebhardt mit dem DWS Aktien Strategie Deutschland (976 986) und Hendrik Leber mit dem Acatis Aktien Deutschland ELM gelang. Alle drei Erfolgsmanager kaufen dabei nicht nur die großen Dax-Werte, sondern sind auch im Segment der Nebenwerte unterwegs.

Das hat sich gelohnt. Der kleine Bruder M-Dax – Ende Dezember 1987 ebenso auf 1.000 Punkte festgesetzt wie der Dax – hat im Juni dieses Jahres bereits die Marke von 17.000 Punkten überschritten. In den vergangenen fünf Jahren hat er fast doppelt so viel Performance erzielt wie der Dax (siehe Chart oben). Ist er also das bessere Investment? „Langfristig glaube ich an die Überlegenheit der Nebenwerte, einfach weil die Unternehmen fokussiert sind und mehr Wachstum aufweisen“, sagt Albrecht.

„Man muss allerdings laufend an seiner Nebenwerte-Quote feilen, sonst geht man ein hohes Risiko ein.“ Derzeit bevorzugt er Standardwerte. Knapp 71 Prozent seines Portfolios stecken in großen Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von über 10 Milliarden Euro. „Wir kaufen bevorzugt gute Dividendenzahler“, so der DWS-Manager. Zu seinen Top-Positionen zählen Bayer, BASF und Daimler. Albrecht: „Nebenwerte haben derzeit eine Prämie von 20 bis 30 Prozent im Vergleich zu Standardwerten. Es ist darum eher ein guter Zeitpunkt, um Gewinne mitzunehmen.“

Erst wenn das Aufgeld auf den Dax auf 10 Prozent sinken würde, würde Albrecht von Groß in Klein umschichten. In der Regel kauft er ein Drittel Nebenwerte und zwei Drittel Dax-Titel. Das ist auch der größte Unterschied zu seinem Kollegen Henning Gebhardt, der im DWS Aktien Strategie Deutschland einen konstant hohen Nebenwerte-Anteil von 40 bis 50 Prozent hält.

Derzeit sind es 36 Prozent, Dax-Titel kommen auf 48 Prozent. Die größten Titelpositionen stellen aber wie bei Albrecht Dax-Schwergewichte: Allianz, BASF und die Deutsche Post stehen auf den ersten drei Rängen.

30 Prozent Aufwärtspotenzial

Am stärksten in Nebenwerte investiert Hendrik Leber, Manager des Acatis Aktien Deutschland ELM. „Bei der Titelauswahl wird der Chef der Vermögensverwaltung Acatis von Frank Lübberstedt beraten. Wir finden immer noch genug attraktive Titel“, so der Vorstand des Lübecker Finanazdienstleisters Ehrke & Lübberstedt. Dax-Standardwerte machen aktuell nur 28 Prozent des Portfolios aus.

„Wir suchen Firmen mit starken Bilanzen, viel Liquidität und einem konservativ arbeitenden Management.“ Das Kürzel ELM im Fondsnamen steht für genau diese Strategie: E wie ertragsstark, L wie liquide und M wie gutes Management. Lübberstedt: „Unser Vorteil ist, dass wir auch deutlich kleinere Firmen analysieren als jene, die im Dax und im M-Dax vertreten sind.“ Am liebsten kaufen er und Leber unterbewertete Weltmarktführer in Nischenmärkten.

„Sehr häufig sind das inhabergeführte Firmen des deutschen Mittelstands“, so Lübberstedt. Ihr Kurs sollte mindestens ein Aufwärtspotenzial von 30 Prozent in den kommenden drei Jahren haben. Lübberstedt nennt als Beispiel die Firma WMF, die Kaffeevollautomaten, Kochtöpfe und Bestecke produziert: „Der neue Großaktionär KKR senkt die Kosten massiv. Doppelstrukturen werden abgebaut, der Personalaufwand geht deutlich runter.“

Dadurch liege das Aufwärtspotenzial bis 2017 sogar bei 40 Prozent. „Insgesamt hat der Fonds ein Aufwärtspotenzial von 31 Prozent. Das ist weniger als in den vergangenen Jahren. Wir waren auch schon bei 40 bis 50 Prozent“, so Lübberstedt.

So viel ist noch drin

Und der Dax? Nimmt man die normalen Kennziffern wie Kurs-Gewinn-Verhältnis oder Dividendenrendite, ist er fair bewertet – das sieht auch Lübberstedt so. Aber: „Wenn man das Zinsniveau als Referenz nimmt, dann ist der Dax dramatisch unterbewertet.” Eine nachvollziehbare Einschätzung, denn Anleihen und Sparkonten werden auf Jahre hinaus nichts bringen. Weil die Inflation über der Rendite liegt, muss praktisch jeder in Aktien investieren, der nicht kalt enteignet werden will.

Könnte der Dax sich also bis 2040, in weiteren 26 Jahren, noch einmal verzehnfachen und auf 100.000 Punkte klettern? Otte: „Das entspräche einer nominalen Rendite von 9,2 Prozent pro Jahr. Das ist schon sehr sportlich.“ Er könne sich das nur in einem Szenario steigender Inflation vorstellen. „Auch wenn diese Zahl auf den ersten Blick utopisch erscheint, wäre dieser Stand durchaus erreichbar“, ist auch DWS-Manager Albrecht überzeugt.

Eine Bandbreite von 50.000 bis 75.000 Punkten hält er allerdings für realistischer. Das würde einer jährlichen Rendite von 6 bis 8 Prozent pro Jahr entsprechen. Auf den Höchststand stößt Albrecht mit einem Gin Tonic an und dem Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“. Also dann: Prost! Auf die nächsten 10.000 Punkte!




Quelle: Bloomberg · Fotos: Bloomberg, Getty Images (4), Stephen Hird/AF/Getty Images , Mike Nelson/AFP/Getty Images, Jens Wolf/dpa

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