Stephan Albrech

Stephan Albrech

Dax: Wenn Stärke sich in Luft auflöst

Für die meisten Privatanleger, aber auch viele Finanzjournalisten scheint die Sache klar: Deutsche Aktien sind superstark. Als Beleg werden meist Dax oder Mdax angeführt, da beide Aktienbarometer die Masse der anderen Indizes seit 2009 angeblich weit hinter sich gelassen haben. Doch wer so argumentiert, vergleicht nicht nur Äpfel mit Birnen – er verpasst eventuell auch gute Chancen an anderen Aktienmärkten.

Der Dax kratzt am Hoch aus dem Jahr 2007, der Mdax hat es bereits deutlich hinter sich gelassen. Im Vergleich dazu schlagen sich der Euro Stoxx 50 oder der französische Cac 40 weitaus schlechter. Unter den Industrienationen können die Amerikaner gerade noch so mit der Top-Riege „unserer“ börsennotierten Unternehmen mithalten: So hat der Dow Jones Industrial Average vor kurzem sein 2007er Hoch überwunden; der S&P 500 mit deutlich mehr Unternehmen setzt gerade dazu an.

Äpfel und Birnen im Vergleich

Doch wer glaubt, Dax & Co seien deshalb die Meister auf dem weltweiten Börsenparkett, irrt. Die deutschen Indizes sind Performance- oder Total-Return-Indizes, in die nicht nur die Kurssteigerungen, sondern auch die Dividenden der Unternehmen eingerechnet werden. Bei fast allen anderen Aktienbarometern ist das nicht der Fall, sie werden daher als Kursindizes bezeichnet. Das zieht interessante Konsequenzen nach sich: Rechnete man etwa in den S&P 500 die seither bezahlten Ausschüttungen ein, würde der Index derzeit 11 Prozent höher notieren als 2007 – also ein gutes Stück vor unserem angeblich so starken Dax.

Dax-Kursindex notiert 20 Prozent unter dem Hoch von 2007

Auch andersherum wird ein Schuh daraus: Betrachtet man, wie in den meisten anderen Ländern üblich, den Kursindex, so notiert der Dax bei knapp 4.400 Zählern und damit rund 20 Prozent unterhalb seines Hochs aus dem Jahr 2007. Freilich ist er noch immer stärker als der Euro Stoxx 50, der seither 40 Prozent „unter Wasser“ steht. Aber schon der Blick nach Großbritannien zeigt, dass es auch in Europa stärkere Kursindizes als den Dax gibt: So klebt der FTSE 100 trotz Wirtschaftskrise nur 4 Prozent unterhalb seines 2007er-Hochs und wird es wohl in Kürze überwinden.

Kursindizes in angelsächsischen Ländern deklassieren Dax

Meines Erachtens sollten wir unsere Schlüsse daraus ziehen. Der erste ist: Vergleichen wir Äpfeln nur mit Äpfeln und Birnen nur mit Birnen – sprich Kurs- nur mit Kursindizes und Performance- nur mit Performance-Indizes. Alles andere ergibt keinen Sinn, sondern führt zu Fehlinterpretationen. Zweitens sind die deutschen Indizes und Aktien im internationalen Vergleich keineswegs so außergewöhnlich stark, wie in der Presse immer wieder kolportiert wird. Dass dies so ist, könnte an der extrem lockeren Geldpolitik der Federal Reserve und der Bank of England liegen. Und drittens sollten deutsche Anleger bei ihren Investments auch im Ausland nach günstig bewerteten Aktien mit guten Wachstumsaussichten suchen. Sie laufen sonst Gefahr, attraktive Chancen in trendstarken Märkten zu verpassen. Wer sich diese Auswahl selbst nicht zutraut, kann die Hilfe unabhängiger Finanzprofis in Anspruch nehmen.

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