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Patrick Sobotta von Natixis IM
So funktionieren Debt-for-Nature-Swaps
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Patrick Sobotta von Natixis IM So funktionieren Debt-for-Nature-Swaps

South America, Ecuador, Ambato. A vendor stands before her brilliant display of oranges, tomatoes and limes in Ambato market, Ecuador
Straßenszene in Ecuador: Der bislang größte Tausch von Schulden gegen Naturprojekte fand in diesem Jahr in dem südamerikanischen Land statt. | Foto: Imago Images / Danita Delimont

Die in lokalen Währungen emittierten Anleihen von Schwellenländern verzeichneten im ersten Halbjahr die beste Performance innerhalb der Anlageklasse festverzinslicher Wertpapiere (plus 5,8 Prozent in Euro). Und selbst im allgemeinen Abwärtstrend des letzten Jahres zeigten sie eine deutlich bessere Performance im Vergleich zu Staatsanleihen der Industrienationen beziehungsweise des Euroraums ( minus 6,1 Prozent gemessen am JPM EM GBI Diversified Index im Vergleich zu minus 13,1 Prozent für globale Staatsanleihen beziehungsweise minus 18,5 Prozent für Euro-Staatsanleihen gemäß den FTSE-Indizes in Euro).

Auch in der zweiten Jahreshälfte könnten die Schwellenländer weiter davon profitieren, dass ihre Zentralbanken im Zinserhöhungszyklus weiter sind als ihre Kollegen der Fed, der EZB oder der Bank of England. Der gestiegene Appetit von Anlegern deutet jedenfalls darauf hin, dass sie viele Chancen in den Emerging Markets sehen. Die Kehrseite höherer Renditen sind natürlich die höheren Risiken. Bei Schwellenländern können durchaus Zahlungsausfälle drohen, wie wir in den letzten Jahren etwa in Gambia, Äthiopien, Sri Lanka, Ägypten und Ghana gesehen haben.

Dabei fällt auf, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Risiko einer Haushaltskrise und der Anfälligkeit für die Klimakrise. Unter den Folgen des Klimawandels leiden am meisten die armen Länder. In einem Arbeitspapier des IWF zeigen die Autoren, dass 34 der 59 Länder, die am stärksten vomKlimawandel bedroht sind, ebenfalls stark von einer Haushaltskrise bedroht sind. Das muss kein kausaler Zusammenhang sein, macht aber deutlich, dass die hohe Klimaanfälligkeit der Entwicklungs­länder sowie ihre großen Schwierigkeiten bei der Rückzahlung ihrer Schulden auch eine Gefahr für die globale Finanzstabilität darstellen.

 

Einerseits kann der Klimawandel die Anfälligkeit für Schulden verschärfen, indem er sich negativ auf die Produktionskapazität und die Steuerbasis der Länder auswirkt, fiskalische Kosten verursacht (auch für den Wiederaufbau nach Naturkatastrophen) und die Kreditaufnahme im Ausland verteuert. Andererseits schränken Schuldenprobleme den fiskalischen Spielraum für Klimaschutz- und Anpassungsinvestitionen ein und verschärfen somit den Klimawandel und/oder dessen negative Auswirkungen.

Hier kommt ein innovatives Instrument ins Spiel, das aus der Not der Staatshaushalte eine Tugend für den Umwelt- und Klimaschutz macht: Der sogenannte Debt-for-Nature-Swap, seit 1980 ein fester Bestandteil der Umschuldung in Lateinamerika. Dieser Tausch von Schulden gegen Verpflichtungen im Natur- und Klimaschutz, wird in der Regel im Rahmen der Umstrukturierung von Staatsschulden ausgehandelt.

Schuldnerländer kommen dafür in Frage, wenn sie (nach IWF-Standards) hoch verschuldet sind, wenn sie andere günstigere Entschuldungsinstrumente (zum Beispiel einen bedingungslosen Schuldenerlass) ausgeschöpft haben und wenn sie die Gläubiger davon überzeugen können, dass sie in der Lage sind, einen nachhaltigen Teil der für die Schuldenrückzahlung vorgesehenen Mittel für die Finanzierung wichtiger Umweltprojekte auf nationaler, regionaler oder globaler Ebene einzusetzen.

 

Ein Beispiel, an dem auch private Investoren beteiligt waren, ist Belize. Im Jahr 2021 wurde eine ausfallende Staatsanleihe im Nennwert von 553 Millionen Dollar (etwa 30 Prozent des BIP von Belize) restrukturiert, indem der Private-Equity-Arm der Umweltorganisation „The Nature Conservancy“ eine blaue Anleihe emittierte. Damit finanzierte sie einen Anleihetausch mit einem nominalen Abschlag von 55 Cent pro Dollar. Die Regierung von Belize wiederum verpflichtete sich, mit den daraus resultierenden Einsparungen den Schutz von Korallenriffen, Seegraswiesen, Mangroven und anderen wichtige Meereslebensräumen zu finanzieren sowie die geschützte Meeresfläche, um rund 16 bis 30 Prozent zu vergrößern

Etwa 85 Prozent der Anleihegläubiger hatten das Angebot angenommen, aber nach einer Sammelklage wurden die Anleihen vollständig umgetauscht. Im Anschluss an die Transaktion hob die Ratingagentur S&P das externe Sovereign Rating von Belize auf B- an, das zuvor auf Selective Default herabgesetzt worden war. Das verbesserte Staatsrating ermöglichte es Belize auch, auf den Kapitalmärkten Kredite zu einem niedrigeren Zinssatz in Dollar aufzunehmen.

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Der bislang größte Tausch von Schulden gegen Natur weltweit fand in diesem Jahr in Ecuador statt. Die Regierung kaufte ausstehende Anleihen im Wert von 1,6 Milliarden US-Dollar zu einem Preis von etwa 40 Cent pro Dollar zurück. Die neue blaue Anleihe in Höhe von 656 Millionen US-Dollar, die von einem Special Purpose Vehicle der Credit Suisse begeben wurde, hat eine Laufzeit bis 2041 und zahlt dank eines AAA-Ratings von Moody's einen Kupon von 5,645 Prozent.

Die Rendite der neuen blauen Anleihe liegt damit deutlich unter der einer ecuadorianischen Anleihe mit gleicher Laufzeit. Möglich wird dies unter anderem durch eine Kreditgarantie der Interamerikanischen Entwicklungsbank und eine Absicherung gegen politische Risiken durch eine Entwicklungshilfeagentur der US-Regierung. Dadurch spart Ecuador in den nächsten 17 Jahren 1,1 Milliarden US-Dollar an Schuldendienstzahlungen und investiert 450 Millionen US-Dollar in den Naturschutz und nachhaltige Aktivitäten im Galapagos-Nationalpark, dem Galapagos-Marinereservat und dem neuen Hermandad-Marinereservat, die zusammen eine Fläche von 198.000 Quadratkilometern umfassen.

 

Wie die beiden Beispiele aus Belize und Ecuador zeigen, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für solche Transaktionen die Beteiligung aller Gläubiger. Private Gläubiger können damit die Bekenntnisse zur Integration von Klima- und Naturschutz auch in ihrer Kreditpolitik in die Tat umsetzen. Zugeständnisse von Gläubigern des Privatsektors im Rahmen von Umstrukturierungen können deutlich intensiviert werden, wenn sie durch ihren Verzicht im Gegenzug zweckgebundene Anleihen für ESG-Projekte erhalten.

Die Bereitschaft privater Investoren, einem teilweisen Verzicht, zuzustimmen hängt wiederum ab von der Transparenz und Glaubwürdigkeit, mit der sich die Regierungen zu einer nachhaltigen Verwendung verpflichten.

Die Vermittlung eines solchen Interessensausgleich zwischen Schuldnern und Gläubigern bietet Gläubigern auch die Chance, die starke Verhandlungsposition im Sinne der gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit wie etwa dem Klimawandel zu nutzen.

 

Noch wird allerdings das Engagement in Bezug auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen von Staatsanleihegläubigern nicht ausreichend genutzt. Obwohl Staatsanleihen nach Angaben der International Capital Market Association rund 68 Prozent des weltweiten Anleihemarktes ausmachen, ist der Dialog zwischen Anlegern und Emittenten weit weniger verbreitet als auf den Kredit- und Aktienmärkten.

In einer Umfrage der PRI  unter den Unterzeichnern gab noch im Jahr 2020 ein Drittel von 495 PRI Signatories an, sich nicht zu engagieren. Dabei können Anleihegläubiger eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, den Wandel voranzutreiben und ESG-Politik durch ihre Investitionsentscheidungen zu beeinflussen. Wenn auch unsere Kunden es ernst meinen mit dem nachhaltigen Investieren, können wir als Asset Manager hier im besten treuhänderischen Sinne handeln.


Über den Autor: Patrick Sobotta ist regionaler Leiter für Deutschland, Österreich und Mittel- und Osteuropa bei der Anlagegesellschaft Natixis Investment Managers.

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