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Klaus Möller
Defino-Chef kontert Vema-Kritik an DIN-Norm für Finanzberater
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Klaus Möller Defino-Chef kontert Vema-Kritik an DIN-Norm für Finanzberater

Finanzanalyse
Finanzanalyse: Klaus Möller, Vorstand beim Defino Institut für Finanznorm, antwortet auf einen kritischen Meinungsbeitrag von Vema-Vorstand Johannes Neder. | Foto: 462634 / Pixabay

Ja, Vema-Vorstand Johannes Neder hat in einem, aber eben auch nur einem Punkt Recht: Die Regulierung ist auf dem Holzweg. Die jahrzehntelange staatliche Regulatorik – auch die VVG-Reform – hat nichts daran geändert, dass den Deutschen Vertrauen in die Finanzbranche fehlt. Keine Branche allerdings braucht Vertrauen mehr als unsere; denn wir verkaufen Versprechen in die Zukunft.

Deshalb ist es gut und höchste Zeit, dass sich die Branche, also die von Neder beschworenen „freien Märkte“, vor einigen Jahren auf den Weg gemacht hat, sich selbst Regeln zu geben und Selbstbestimmung an die Stelle von aufoktroyierter Regulierung zu setzen. Normung ist nämlich, das nochmals zur Erinnerung, nichts Anderes als Regelsetzung aus der Mitte der Branche heraus unter Beteiligung aller betroffenen Kreise und – im Konsens.

„Rigides Korsett an Normen“ für Wirtschaftsprüfer 

Klaus Möller, Vorstand beim Defino Institut für Finanznorm
Klaus Möller © Defino Institut für Finanznorm

Es zeugt nicht gerade von Kenntnisreichtum über verwandte Berufe, wenn Neder feststellt, dass „Wirtschaftsprüfer, Notare, Steuerberater und Rechtsanwälte (…) keiner vergleichbaren Norm unterliegen.“ Ein befreundeter Wirtschaftsprüfer (WP), Partner in einer weltweit agierenden Gesellschaft, konnte nur schallend auflachen, als ich ihm Neders Zitat vortrug. WPs unterlägen einem „rigiden Korsett an Normen“ durch ihre Kammer, hielt er dagegen. Da hätten wir noch Luft nach oben.

Das findet offenbar auch EU-Kommissarin Mairead McGuinness. Sonst würde sie nicht über blödsinnige Ideen wie ein Provisionsverbot nachdenken. Deshalb müssen wir uns entscheiden: Wollen wir es auch weiter allein ihr und anderen von polarisierenden und agitierenden Verbraucherschützern getriebenen Politikern überlassen, uns Regeln zu geben? Wollen wir weiter regelmäßig danach in kollektives Lamento verfallen, unsere „Qualifikation und Integrität“ beschwören und mit Unschuldsmiene erklären, dass wir gar nicht verstehen, was die Böses mit uns treiben, weil doch eigentlich alles super ist bei uns und wir immer nur missverstanden werden? 

Keine „08/15-Beratung nach Schema F“ 

Aber wie wollen wir erwarten, dass wir von Politikern und Verbraucherschützern verstanden werden, wenn wir uns nicht einmal die Mühe machen, uns untereinander richtig zu verstehen? Johannes Neder kann die DIN-Normen für die Finanzbranche nur vom Hörensagen kennen. Unmöglich, dass jemand, der über die Finanzanalyse nach DIN 77230 von einer „08/15-Beratung nach Schema F mit Galopp durch ein Meer von Sparten“ spricht, jemals eine solche Analyse genossen, geschweige denn selbst eine mit Kunden durchgeführt hat. 

 

Von Galopp kann da gar keine Rede sein – übrigens ein verbreiteter Kritikpunkt an der Norm, dass ihre Umsetzung den Beraterinnen und Beratern ganz schön viel abverlangt. Sie ist eben so komplex wie der Facettenreichtum unterschiedlicher Lebensmodelle und der sich daraus ableitenden finanziellen Situationen der Menschen. Deshalb ist es auch Quatsch und verantwortungslos, mit der Angst zu spielen, dass durch die Normen „der fachlich geschulte Berater in seiner heutigen Form nicht mehr benötigt“ würde.

Ganzheitliche Analyse des Kundenbedarfs 

Die verlässliche Identifikation aller Finanzthemen eines Haushalts, die Sensibilisierung der Verbraucher für das „Meer von Sparten“ in einer ganzheitlichen Analyse wertet die Arbeit der Berater auf und macht sie viel mehr zum unverzichtbaren Experten als die reine Befriedigung von fallweise aufpoppendem „individuellem Absicherungsbedürfnis“. Wer als Berater den Verbrauchern nicht hilft, ihre Risiken und finanziellen Notwendigkeiten objektiv und neutral zu identifizieren, sondern das deren „eigenverantwortliche(r) Risikowahrnehmung“ überlässt, macht sich dagegen zur ersetzbaren Produktauswahl-Plattform.

Es geht um das individuelle finanzielle Blutbild

Hallo, Herr Kaiser!

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Die Begleitung der subjektiv richtigen Priorisierung der als relevant identifizierten Risiken und Notwendigkeiten, die Erarbeitung von Lösungen sowie die Empfehlung und den Verkauf der passenden Produkte will die Norm – da liegt ein weiterer gravierender Irrtum bei Herrn Neder – den Beratern keinesfalls streitig machen. In der DIN-Norm 77230 ist sogar explizit festgeschrieben, dass es in ihr nicht um „Beratung“, sondern allein um die Finanzanalyse geht, also um so etwas wie das finanzielle Blutbild.

Welch ein Glück, dass wenigstens in den medizinischen Laboren die Blutbilder nach klaren Regeln und Normen durchgeführt werden und damit gewährleistet wird, dass die Ergebnisse der Blutanalysen unabhängig davon sind, in welchem Labor sie erstellt wurden, und dass deshalb alle Ärzte jedes Blutbild verstehen und damit umgehen können.

Mehr Berater-Individualität als Verbraucher-Individualität? 

Davon sind die „Blutbilder“ der Finanzbranche – ohne Norm – ganz weit entfernt. Kann das womöglich daran liegen, dass wir unter dem „individuellen Absicherungsbedürfnis“ eines Verbrauchers ganz Unterschiedliches verstehen und dass in dessen Bewertung mehr Berater-Individualität als Verbraucher-Individualität Niederschlag erfährt?

 

Zum Abschluss ein leidenschaftliches Plädoyer zum Aufräumen mit einem sehr grundlegenden und grundsätzlichen Irrtum, den Norm-Gegner wie Herr Neder immer gerne bemühen und bedienen: Normen sind nicht „Schublade“ oder Pauschalierung, sind nicht Gegner von Individualität, sie sind deren Treiber! Unlogisch? Nein.

Nur jeder zweimillionste Audi völlig identisch

Eine Führungskraft aus der Normungsabteilung von Audi hat mir vor einiger Zeit dargelegt, dass rein rechnerisch nur jeder zweimillionste Audi völlig identisch sei. Der Grund: Schnittstellennormen – für die Installation von diversen unterschiedlichen Stereoanlagen, für die Montage von Sitzen, für Radnaben und Räder usw. usw. Die Industrie nennt das „mass-customization“, das serientaugliche Eingehen-Können auf Kundenindividualität und Kundenwünsche.

Wenn wir keine genormten Stecker und Steckdosen hätten, wäre unsere individuelle Freiheit der Entscheidung zwischen allen Kaffeemaschinen, die uns im Elektromarkt anlachen, dramatisch eingeschränkt. Einzelne Hersteller könnten davon profitieren. Wenn Apple sich nicht an Standards für die Buchsen von Ladekabeln etc. hält, schränkt das Unternehmen unsere individuelle Freiheit ein, uns überall zu verkabeln und zu verbinden – im eigenen Interesse.

Verfechter von Kundeninteressen? 

Es lohnt sich auch in unserer Branche, mal darüber nachzudenken, ob die Gegner von Normung und Normen wirklich Verfechter von Kundeninteressen sind oder eher die ihrer eigenen.

Über den Autor: 

Klaus Möller ist Vorstand beim Defino Institut für Finanznorm. 

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