Die Covid-Pandemie hat die Anfälligkeit der globalen Lieferketten verdeutlicht, aus Lieferketten müssen zukünftig Liefernetze werden. Warum dies auch zu Deglobalisierung führen wird und das eine positive Entwicklung sein kann, erläutert Hans-Jörg Naumer von Allianz Global Investors.
Zum Systemwettbewerb, und auch dem Wettbewerb um Arbeitsplätze, tritt der Wettbewerb um Technologieführerschaft. Da verwundert es wenig, dass die Handelshemmnisse wieder zunehmen. Wie es der „GTA Report“ (Global Trade Alert online, „The 28th Global Trade Alert Report“) ausweist, hat sich die Anzahl handelsdiskriminierender Maßnahmen seit 2002 mehr als vervierzehnfacht. Haupttreiber waren die USA, gefolgt von China und, mit etwas mehr Abstand, Deutschland. Gleichzeitig hat sich die Produktion im verarbeitenden Gewerbe massiv in die Entwicklungsländer verschoben.
Dies reflektiert zum einen den steigenden Anteil des Dienstleistungsgewerbes in den Industriestaaten, aber auch den Ausbau der Werkbänke offshore, also in anderen Weltteilen. Entsprechend ist auch der Anteil der Industriestaaten am globalen Exportvolumen zurückgegangen, während gleichzeitig jener der aufstrebenden Staaten zugelegt hat. Auch hier wieder allen voran China (Unctad-Statistiken).
Globaler Druck auf die Lieferketten
Die Covid-Pandemie hat nun die Anfälligkeit der globalen Lieferketten verdeutlicht. Wenn wichtige Medikamente, Atemschutzmasken und Impfstoffe nur in einer Region der Welt produziert werden und es krisenbedingte Lieferengpässe gibt, wird deutlich, dass die Produktionsstandorte stärker diversifiziert werden müssen. Noch stärker ersichtlich wird dies anhand eines Blickes auf den „Global Supply Chain Pressure Index“ der Federal Reserve Bank von New York.
Dieser Index zeigt den Druck auf die Lieferketten global an. Er speist sich aus einem breiten Datenset an Transportkosten und Umfragen zu den Lieferbedingungen unter den Einkaufsmanagern. Er weist sehr eindrücklich die Zerwürfnisse als Abfolge der Covid-19-Pandemie und besonders der Zero-Covid-Politik Chinas aus. Die Botschaft lautet: Aus Lieferketten müssen Liefernetze werden.
Dies ist eine Chance für die Digitalisierung. Die Kosten für Roboter sind drastisch gefallen, so eine Studie des Beratungshauses Deloitte (Deloitte, „The robots are coming“, 2015). Dies lässt offshore Arbeitsplätze, also Arbeitsplätze außerhalb des Heimatmarktes, gegenüber Onshore-Robotern immer weniger attraktiv erscheinen.
Schon 2015 kam die Studie zu dem Schluss: Während ein Beschäftigter in den Niedriglohnländern nur 35 Prozent eines Onshore-Vollzeitbeschäftigten kostet, kommt ein Roboter nur auf ein Zehntel. Aus den komparativen Standortvorteilen von Niedriglohnländern sind Vorteile der Vor-Ort-Produktion geworden.
Warum also nicht vor Ort produzieren, im Heimatmarkt, oder da wo die Kunden sind? Auch aus Sicht der Dekarbonisierung wäre dies sinnvoll: Waren müssen nicht mehr um den Globus transportiert werden. Die Umweltbelastung sinkt. Gleichzeitig reduziert die Dekarbonisierung die Lieferketten, zum Beispiel weil weniger Teile für ein Elektroauto als für ein Auto mit Verbrennungsmotor benötigt werden.
Near shoring wird an Bedeutung gewinnen
Near shoring – das Produzieren näher am Heimatstandort der Firma oder näher beim Endabnehmer – sollte aus Umweltschutzgründen zukünftig ebenfalls an Bedeutung gewinnen. Es spart Treibhausgase und die damit verbundenen Kosten (Barclays, „Deglobalisation: Homecoming“, special report 13. Juli 2022). Denn: Wenn die Emission von Treibhausgasen bepreist wird, wie es zum Beispiel durch das „European Trading Scheme“ der Fall ist, dann steigen auch die Transportkosten – die komparativen Vorteile werden geringer oder heben sich auf.
Allerdings: Deglobalisierung ist nicht gleich Deglobalisierung. Während der Warenhandel zurückgeht, steigt der Handel mit Dienstleistungen, Daten- und Clouddienste (McKinsey Global Institute: „Globalization in Transition: The Future of Trade and Value Chains“, 2019).
In der Gesamtsicht ist Deglobalisierung zumindest teilweise ökonomisch wie ökologisch sinnvoll. Es hilft Umweltkosten zu reduzieren und Lieferkettenrisiken zu diversifizieren, während gleichzeitig Standortvorteile weniger rentabel werden. Da, wo es sich aus geopolitischen Erwägungen ableitet, bedeutet dies mehr Sand im Getriebe und ist ein politischer Preis.
Stehen wir vor einem Ende der Globalisierung? Zumindest vor einem Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen: Der Trend geht zu mehr Regionalisierung, während es gleichzeitig zu einer Verschiebung von Gütern hin zu Dienstleistungen und Daten kommt.