Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Ökonom Alexander Börsch
Das spricht gegen die Deglobalisierung
Alexander Börsch ist Chefökonom bei Deloitte Deutschland. Bildquelle: Deloitte
Wegen des Ukraine-Kriegs erhält die Sicherheitspolitik zunehmend wieder Vorrang vor wirtschaftlichen Zielen. Produktionsverlagerungen in befreundete Länder führen dazu, dass die Absatzmärkte dieser Staaten stärker in den Fokus rücken. Deloitte-Chefökonom Alexander Börsch erläutert, warum die neue Geoökonomie nicht zwangsläufig zur Deglobalisierung führen muss.
Gleichzeitig können internationale Märkte schwerlich allein vom Heimatstandort aus bedient werden, schließlich sind Produktionsstandorte und Absatzmärkte nur schwer völlig trennbar. Neue Risiken wiederum sind nicht nur außerhalb Europas zu finden: Vor allem die extrem hohen Energiekosten und die ungewisse Energieversorgung haben neue Standortrisiken auch nach Europa gebracht, so dass Reshoring oder Nearshoring alleine kaum die Lösung sein kann. Letzteres zeigt sich auch daran, dass trotz der steigenden Beliebtheit des Standorts Deutschlands laut dem Deloitte CFO Survey speziell die energieintensiven Industrien, vor allem die Chemieindustrie, verstärkt Investitionen in den USA planen, um neue Wettbewerbsvorteile durch niedrige Energiekosten und hohe Energiesicherheit zu nutzen. Die Vermutung liegt sehr nahe, dass dieser Trend durch die Energiepreise und Fragen der Energiesicherheit getrieben wird. Die Chemieindustrie ist auch zusammen mit der Autoindustrie diejenige, in der das Thema Friendshoring, also Investitionen in politisch befreundeten Ländern, am höchsten im Kurs steht.
Diversifizierung statt Rückzug
Auf der unternehmerischen Ebene zeigt sich die zunehmend kritische Bedeutung der geopolitischen Risiken. Fast die Hälfte aller Unternehmen möchte über eine Diversifizierung der Lieferketten die eigene Resilienz erhöhen. In der Industrie sind es über zwei Drittel. Nicht verwunderlich ist, dass wieder die hoch internationalisierte Chemieindustrie und die Maschinenbaubranche die Vorreiter in diesem Bereich sind. 90 Prozent der Chemieunternehmen peilen eine stärkere Diversifizierung der Lieferketten an. Gleichzeitig möchte sich nur eine Minderheit aus Märkten mit hohen politischen Risiken zurückziehen oder die Lieferketten an den Heimatstandort zurückholen.
Die Diversifizierung der Lieferketten wird in Asien durch neue Handelsabkommen leichter gemacht. Dort sind in letzter Zeit eine ganze Reihe von überlappenden Freihandelsabkommen entstanden. Das wichtigste davon ist das Anfang 2022 in Kraft getretene RCEP, das mit 15 Ländern und 2,2 Milliarden Menschen erstmals China, aber auch Japan, Südkorea, und Indonesien umfasst. Ziel des Abkommens ist der Abbau von Zollschranken vor allem für Industriegüter. Dies eröffnet neue Möglichkeiten zur Umstrukturierung von Produktionsnetzen in Asien, ohne sich vollständig aus Märkten mit größeren politischen Risiken zurückziehen zu müssen. Gleichzeitig hat sich auch gezeigt, dass die Versorgung mit kritischen Rohstoffen hoch konzentriert ist. Die EU hat 43 kritische Rohstoffe für die europäische Wirtschaft identifiziert. China ist der wichtigste Lieferant von 30 dieser Rohstoffe. Auch hier dürfte das politische und unternehmerische Ziel einer Diversifizierung der Rohstofflieferanten damit einhergehen, dass mehr und nicht weniger Länder in die globalen Lieferketten eingebunden werden.
Wenn man dann noch berücksichtigt, dass Produktionsverlagerungen in befreundete westliche Länder dazu führen kann, dass die Absatzmärkte in diesen Ländern stärker in den Fokus rücken, bedeutet dies, dass Geoökonomie nicht zwangsläufig zu Deglobalisierung führen muss. Ganz im Gegenteil, die Rückkehr der Geoökonomie kann dazu führen, dass die Globalisierung komplexer und unter Einschluss von mehr Ländern fortgesetzt wird, wenngleich sie auch stärker politisch geprägt sein wird.
