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Volkswirt Jörn Quitzau

So verändert der demografische Wandel die Arbeitswelt

Jörn Quitzau | 26.06.2023
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Jörn Quitzau, Berenberg
Jörn Quitzau arbeitet als Volkswirt bei der Berenberg Bank. Bildquelle: Berenberg
Mit dem Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge sinkt in Deutschland das Verhältnis von Beitragszahlern und Leistungsempfängern. Berenberg-Volkswirt Jörn Quitzau erläutert, welche Folgen das für den Wirtschaftsstandort Deutschland hat.

Ende der 1980er Jahre hatten Finanzdienstleister ein ganz heißes Thema: Die demografische Entwicklung werde eines Tages dafür sorgen, dass die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) in Schieflage gerät. Damals hieß es: Wenn die Babyboomer-Jahrgänge in einigen Jahrzehnten in Rente gehen, werde es nicht genügend Arbeitskräfte geben, um die Rente in der gewünschten Höhe zu finanzieren. Der Ausweg aus der Misere sei – so die Finanzdienstleister – die private Vorsorge. So ließe sich die Versorgungslücke schließen. Damals wurden Kapital-Lebensversicherungen wie am Fließband verkauft, aber auch aktienbasierte Fondssparpläne stießen zunehmend auf Interesse.

Ökonomen lieferten das wissenschaftliche Argument dazu. Sie wiesen deutlich auf den Reformbedarf beim Rentensystem hin. Vor allem sei mehr Kapitaldeckung nötig, mit der die umlagefinanzierte staatliche Rente ergänzt werden solle. In akademischen Kreisen machte das Konzept der impliziten beziehungsweise verdeckten Staatsverschuldung die Runde.

 

Was sind implizite Staatsschulden? Es sind Schulden, die dadurch entstehen, dass der Staat im Rahmen der Sozialversicherung Leistungsversprechen für die Zukunft gibt, die mit den gegebenen Steuer- und Beitragssätzen nicht zu finanzieren sein werden. Implizite Schulden sind also die Haushaltsdefizite der Zukunft, die zwar noch nicht bilanziert sind, sich aber schon berechnen lassen. Der demografische Wandel spielt dabei eine entscheidende Rolle: In einer alternden Gesellschaft müssen immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentner finanzieren. Kritisch wird dieser Trend – so lautete schon in den 1980er Jahren die Prognose –, wenn die geburtenstarken Jahrgänge/Babyboomer (Geburtsjahre 1955 bis 1969) in den Ruhestand gehen. Diesen Zeitraum haben wir nun erreicht.

Im Jahr 2036 gehen die letzten Babyboomer in Rente

Die ersten Babyboomer-Jahrgänge sind bereits im Ruhestand. Im Jahr 2031 werden die im Jahr 1964 Geborenen in den Ruhestand gehen – das ist der Jahrgang mit der höchsten Geburtenzahl in der Geschichte der Bundesrepublik (1,4 Millionen). 2036 wird dann der letzte Babyboomer-Jahrgang (Geburtsjahr 1969) den Arbeitsmarkt verlassen und in den Ruhestand wechseln. Dann werden also alle Babyboomer im Ruhestand sein – sie sind dann nicht mehr Beitragszahler, sondern haben auf die Seite der Leistungsempfänger gewechselt.

Neue Daten des Statistischen Bundesamtes belegen den Wandel: Im Jahr 1950 waren 10 Prozent der Gesamtbevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik 65 Jahre oder älter. Im Jahr 2021 waren es bereits 22 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Lebenserwartung der Männer bei Geburt von 64,6 auf 78,5 Jahre und die der Frauen von 68,5 auf 83,4 Jahre. Je weiter die Lebenserwartung steigt, desto länger ist die Rentenbezugsdauer.

 

Was sind die Folgen? Sehr offensichtlich sind die Herausforderungen für die Sozialversicherungen und die öffentlichen Finanzen. Mit dem Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge verschlechtert sich das Verhältnis von Beitragszahlern zu Leistungsempfängern drastisch. Die Finanzierungsengpässe nehmen zu.

Der Staat nimmt mehr Schulden auf

Wollte der Staat alle Leistungsversprechen, die er den Bürgern bei Rente, Krankheit und Pflege gegeben hat, voll einlösen, ohne gleichzeitig die Sozialversicherungsbeiträge und Steuern für die arbeitende Bevölkerung anzuheben, bleibt der Ausweg der höheren Staatsschulden. Die erwähnten impliziten Schulden würden so zu expliziten Schulden. Modellrechnungen für Deutschland zeigen, dass die impliziten Schulden ein Mehrfaches der expliziten Schulden betragen. Das Forschungszentrum Generationenverträge hat zuletzt im Herbst 2022 errechnet, dass zu den offiziellen Staatsschulden in Höhe von knapp 70 Prozent des BIP noch implizite Staatsschulden in Höhe von rund 330 Prozent hinzukommen. Die ungedeckten Leistungsversprechen in der Sozialversicherung sind also der verdeckte Teil des staatlichen Schulden-Eisbergs.

Deshalb ist es wenig wahrscheinlich, dass der Staat alle seine Leistungsverspechen einlösen kann. Auch Beitrags- und Steuererhöhungen sind nicht auszuschließen. Schon jetzt wird die GRV mit erheblichen Steuerzuschüssen unterstützt. Aktuell fließen rund 100 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt in die GRV. Der Bundeszuschuss deckt damit gut 30 Prozent der Ausgaben der GRV.

Sowohl Leistungskürzungen als auch höheren Steuern und Abgaben sind letztlich enge Grenzen gesetzt. An der Steuer- und Abgabenschraube kann nicht beliebig gedreht werden, weil sonst die Arbeits- und Investitionsanreize gestört werden. Höhere Steuer- und Abgabensätze führen deshalb nicht zwangsläufig zu höheren Einnahmen. Somit müssen andere Wege gefunden werden, um die fiskalischen Lasten des demografischen Wandels zu bewältigen.

Eine Möglichkeit ist gezielte Zuwanderung in den Arbeitsmarkt. Damit ließen sich einige Probleme zumindest kurzfristig mildern. Doch Zuwanderung ist kein Zaubermittel. Langfristig werden auch Zuwanderer zu Rentnern und somit zu Leistungsempfängern. Zudem sollten auch „Überfüllungsprobleme“ nicht gänzlich außer Acht gelassen werden. Zwischen 1950 und 2022 ist die Bevölkerungszahl von 69,3 auf 84,4 Millionen gewachsen, ohne dass die öffentliche Infrastruktur überall angemessen mitgewachsen wäre. Zu bedenken ist schließlich, dass viele Industrieländer ähnliche demografische Probleme haben und deshalb qualifizierte Migrationswillige international umworben sind.

 

Die Folgen des demografischen Wandels lassen sich am besten durch eine längere Lebensarbeitszeit abpuffern. Das heißt: Kürzere Ausbildungszeiten und dadurch ein früherer Berufseinstieg sowie ein späterer Renteneintritt. In Deutschland galt das 65. Lebensjahr 100 Jahre lang als gesetzliches Renteneintrittsalter. Seit 2012 (und bis 2031) wird das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Das wird dauerhaft aber wohl nicht ausreichen. Im Laufe der Zeit dürfte die Politik einen noch späteren Renteneintritt beschließen – damit würden länger Beiträge gezahlt und weniger lang Beiträge bezogen.

Mit Blick auf die deutlich gestiegene Lebenserwartung wäre das gut vertretbar. In den 1950er Jahren starben die Menschen statistisch gesehen kurz nach Renteneintritt. Heute haben sie noch deutlich mehr als zehn Jahre vor sich. Überspitzt gesagt: Damals war die Rentenversicherung eine Versicherung gegen das Risiko, länger zu leben als man durch eigene Arbeit Einkommen verdient. Heute gleicht die Rentenversicherung hingegen einem Sparvertrag für das Alter. Sinnvoll wäre es, das Renteneintrittsalter an den Anstieg der Lebenserwartung zu koppeln: Wenn die statistische Lebenserwartung steigt, würde das Renteneintrittsalter automatisch mitsteigen.

Die Menschen müssen länger arbeiten

Eine längere Lebensarbeitszeit würde sich nicht nur positiv auf die Finanzierung der Sozialversicherung und die öffentlichen Finanzen auswirken. Auch der akute und sich absehbar verschärfende Arbeitskräftemangel ließe sich abfedern. Für die Finanz- und Immobilienmärkte wäre es ebenfalls eine gute Nachricht, denn Berufstätige sind tendenziell Sparer und somit Käufer an den Finanzmärkten. Rentner lösen nach und nach ihre Ersparnisse auf und werden damit zu Verkäufern. Auch Finanzmärkte bleiben von den demografischen Trends nicht gänzlich verschont. Aber da die demografischen Trends international unterschiedlich sind – die Bevölkerung der Schwellen- und Entwicklungsländergruppe wächst weiter –, lassen sich die demografischen Risiken mit kapitalgedeckter Altersvorsorge zumindest diversifizieren.

 

Wunsch nach weniger Arbeit noch realisierbar?

Der Wunsch nach mehr Freizeit (und somit weniger Arbeitszeit) ist verständlich und zieht sich durch alle Altersgruppen. Einzelpersonen wird es auch weiterhin gelingen, diesen Wunsch umzusetzen. Im Kollektiv dürfte es hingegen sehr schwierig werden. Die Wirtschaftsforschungsinstitute haben in ihrem Frühjahrsgutachten darauf hingewiesen, dass das deutsche Wachstumspotential in den kommenden Jahren deutlich sinken wird – wegen der Alterung und wegen des verstärkten Wunsches nach Teilzeitarbeit. Ohne ordentliches Wachstum werden sich die materiellen Wünsche der Menschen aber nicht erfüllen lassen. Das ist die harte ökonomische Realität.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) könnten uns einen gewaltigen Produktivitätsschub bringen und für uns die Arbeiten erledigen, für die Arbeitskräfte fehlen – oder zu denen wir keine Lust mehr haben. Verlassen sollten wir uns auf diesen Hoffnungsschimmer aber besser nicht.

Johannes Mayr, Eyb & Wallwitz.
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Jörn Quitzau | Bergos Privatbank
Jörn Quitzau ist Chefvolkswirt bei der Schweizer Privatbank Bergos. Zuvor war er 17 Jahre beim Bankhaus Berenberg und sechs Jahre bei Deutsche Bank Research in Frankfurt.
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