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Nachhaltige Mode und Kreislaufwirtschaft Der Aufstieg der zirkulären Mode

Woher kommt meine Kleidung? Natürliche, nachhaltige, regenerative und unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellte Textilien werden für die Konsumenten der Modeindustrie zunehmend wichtiger.
Woher kommt meine Kleidung? Natürliche, nachhaltige, regenerative und unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellte Textilien werden für die Konsumenten der Modeindustrie zunehmend wichtiger. | Foto: Imago Images / Westend61

24. April 2013 – ein Tag wie jeder andere in der Rana Plaza Textilfabrik in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. In dem achtstöckigen Gebäude, das ein paar Jahre zuvor in einem ehemaligen Sumpfgebiet errichtet worden war, geht es wie immer sehr geschäftig zu. Rund 2.000 Arbeiter, hauptsächlich Frauen, sind eifrig damit beschäftigt, T-Shirts, Jeans und andere Kleidung für bekannte Modemarken aus dem Westen zu nähen. Sie haben alle Hände voll zu tun, alles rechtzeitig fertig zu bekommen.

Untergründig ist die Lage jedoch alles andere als normal. Die Arbeiter sind gezwungen worden, zur Arbeit zurückzukehren, obwohl die Fabrik am Tag davor evakuiert worden war, nachdem man Risse in den Wänden entdeckt hatte. Diese Entscheidung sollte sich als todbringend erweisen. Kurz vor 9.00 Uhr stürzt das Gebäude ein und beim schlimmsten Unglück in der Geschichte der Modeindustrie sterben mehr als 1.100 Menschen.

Die Rana Plaza Katastrophe brachte die wahren Kosten der Billigproduktion – insbesondere die schlechten Arbeitsbedingungen in den „Sweatshops“, sogenannten Ausbeuterbetrieben, – in Bangladesch zutage, wo viele der bekanntesten Modemarken der Welt ihre Kleidung herstellen lassen. Mehr als 80 Prozent der Arbeiter in den Textilfabriken in Bangladesch sind Frauen und junge Mädchen, die ihre Familien mit einem Monatslohn von durchschnittlich knapp 50 US-Dollar unterstützen. Sie arbeiten in baufälligen Gebäuden, in denen häufig Brandschutztüren, moderne Belüftung und andere Sicherheitsstandards fehlen. Nur fünf Monate vor Rana starben mindestens 117 Arbeiter bei einem anderen tragischen Unglück – sie verbrannten in einer brennenden Textilfabrik am Stadtrand, weil Fluchttreppen fehlten. 

Die Modeindustrie steht auch vor anderen Problemen, nicht zuletzt dem immer größer werdenden CO2-Fußabdruck. Globale Mode- und Textilunternehmen sind für ein Drittel der weltweiten Wasserverschmutzung und enorm hohe 85 Prozent des gesamten Mülls an den Küsten verantwortlich.

Hinzu kommt, dass die 3 Milliarden US-Dollar schwere Industrie auf dem besten Weg ist, bis zum Ende dieses Jahrzehnts bis zu 35 Prozent mehr Landflächen für sich zu beanspruchen, und bis 2050 ein Viertel des verfügbaren globalen CO2-Budgets, um unter der Grenze von 2 Grad Erderwärmung zu bleiben, verbrauchen dürfte, zeigt eine Studie des Stockholm Resilience Centre der Universität Stockholm für die Ellen MacArthur Foundation und die H&M Group.

„Rana Plaza hat innerhalb kurzer Zeit für große Aufregung gesorgt. Aber viele dieser Marken haben genauso weitergemacht wie vorher. Das Problem ist die Wettbewerbsfähigkeit des Marktes, in dem diese Marken tätig sind“, so Patrick Grant, ein schottischer Modedesigner, der sich für Nachhaltigkeit engagiert, jüngst in einem Pictet-Podcast. „Nach deren Modell soll dem Verbraucher jede Woche etwas Neues verkauft werden. Und etwas Neues bedeutet, dass Altes ersetzt wird. Der Warendurchlauf ist unglaublich schnell. Die Sachen werden einmal getragen und dann weggeworfen.“

Grant, der weltweit Bekanntheit erlangte, nachdem er traditionelle britische Schneiderhäuser und Textilhersteller auf Vordermann gebracht hatte, macht genau das, was er auch predigt. Er verwendet natürliche, nachhaltige und regenerative Materialien, die lokal in Zusammenarbeit mit Erzeugern von Fasern und Farbstoffen hergestellt werden, um die ökologischen Auswirkungen zu reduzieren. „Bei jedem Teil, das wir designen, wollen wir, dass es mindestens 25 Jahre stylisch ist. Und wir sorgen dafür, dass es genauso lange hält“, sagt Grant. „Nachhaltige Kleidung gibt uns ein gutes Gefühl. Aber solange wir in diesem Hamsterrad von Konsum und Wegwerfen gefangen sind, macht sich niemand Gedanken darüber. Die Kleidung, die in diesem System produziert wird, ist für niemanden gut.“

Ganz neuer Stil

Acht Jahre nach dem Rana-Unglück scheint es, dass sich die Modeindustrie in ein noch tieferes Loch gegraben hat. Modelabels wie Burberry, H&M, Louis Vuitton und Nike sind vor kurzem unter Beschuss geraten, weil sie zugegeben haben, dass sie nicht verkaufte Artikel verbrennen oder anderweitig vernichten.

Ebenso erschreckend ist, dass für 70 Prozent der Kleidungsstücke nach wie vor Kunstfasern verwendet werden – ein Material, das erst nach rund 200 Jahren abgebaut wird. Der ökologische Fußabdruck der Industrie ist sogar noch größer, rechnet man den Wasserbrauch mit ein. Abwasser aus der Kleidungsherstellung trägt zu Verschmutzung und Verlust der biologischen Vielfalt bei. Die Industrie ist für knapp ein Fünftel der in einem Jahr anfallenden globalen Abwassermenge verantwortlich; bei den Färbe- und Waschprozessen synthetischer Materialien werden giftige Chemikalien und Mikroplastik freigesetzt und gelangen in Flüsse und Meere – ein Desaster für Flora und Fauna.

Ebenso erschreckend ist, dass Studien zufolge keine der großen Marken den Arbeitern in Asien, Afrika, Mittelamerika oder Osteuropa genug zahlt, damit sie aus der Armutsfalle herauskommen.

Doch nach so vielen schlimmen Jahren besteht Hoffnung, dass die Pandemie eine Chance für Veränderung ist. Infolge der globalen Gesundheitskrise wurden die Lieferketten gestört, Einzelhandelsgeschäfte geschlossen und Fashion Shows abgesagt – sonst Haupttreiber für die ständige Nachfrage nach neuen Styles und Designs. Die Pandemie hat auch einen Wandel in den Einstellungen und Verhaltensweisen der Verbraucher bewirkt. Nach den Lockdowns machen sich die Konsumenten Gedanken über ihre Einkaufsgewohnheiten und darüber, wie ihre Kleidung hergestellt wird. Immer mehr Menschen verabschieden sich von der Wegwerfmentalität und achten stattdessen auf nachhaltige Praktiken, bei denen soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt werden.

Dieser Wandel im Verhalten spiegelt sich auch in einer Befragung der Consulting-Agentur McKinsey vom letzten Jahr wider: Mehr als zwei Drittel der europäischen Verbraucher gaben an, dass für sie nach der Pandemie die Verwendung nachhaltiger Materialien und das Nachhaltigkeitsengagement einer Marke wichtige Kauffaktoren seien. Und Marken, die nachhaltige Geschäftsmodelle einführen, profitieren davon. Unabhängige Studien zeigen, dass die globale ethische Modeindustrie mit einer jährlichen Wachstumsrate von knapp 9 Prozent seit 2015 gewachsen ist und 2030 einen Wert von über 15 Milliarden US-Dollar haben dürfte.

In seinem aktuellen Bericht fordert das Stockholm Resilience Centre (SRC), ein Think Tank für Nachhaltigkeitsforschung, die Industrie auf, zu einem kreislaufwirtschaftlichen Ansatz überzugehen, um den sozialen und ökologischen Druck zu mindern und die Entscheidungsfindung an den langfristigen Zielen der Gesellschaft für die Menschen und den Planeten auszurichten. Die Forschungseinrichtung empfiehlt sechs konkrete Aktionspunkte für die Mode- und Textilbranche, darunter die Festlegung von Umweltzielen.

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