Lesedauer: 5 Minuten

Alan Siow im Interview „Der Ausfall von Evergrande hat keine systemischen Folgen“

Alan Siow von Ninety One Asset Management
Alan Siow von Ninety One Asset Management: Er glaubt nicht, dass Evergrande verstaatlicht wird. | Foto: Ninety One

Das Investment: Herr Siow, wie schätzen Sie die jüngsten wirtschaftspolitischen Maßnahmen der chinesischen Regierung ein?

Alan Siow: Chinas Entschlossenheit, eine Überhitzung der Wirtschaft in der Zeit nach der Pandemie zu verhindern, hat zu einer langen Periode strenger finanzpolitischer Maßnahmen geführt. In der ersten Jahreshälfte konnte diese Haltung auch beibehalten werden, weil die Immobilienmärkte stabil genug waren. Aber die jüngste Schwäche im August und September bei Grundstücksauktionen und Verkaufsverträgen könnte ein Katalysator für Reformen sein.

Warum befindet sich nun gerade Evergrande in schwerem Fahrwasser?

Siow: Evergrande hat seit mindestens 2017 ein schwaches Kredit-Rating und im Gegensatz zu vielen der anderen Immobilienentwickler, die ursprünglich im Visier von Chinas neuen Regulierungsvorschriften waren, hat Evergrande es versäumt, sich mit seinen eigenen Verstößen gegen die Vorschriften ernsthaft zu befassen.

Aber das ist doch sicherlich nicht alles.

Siow: Richtig, hinzu kommen noch andere Katalysatoren: Vor allem läuft eine politische Debatte um die „too big to fail“-Problematik, ausgelöst von der Schieflage von Huarong Asset Management im März 2021 und den Enthüllungen über umfangreiche Transaktionen mit Drittparteien. An diesen waren auch die Shengjing Bank im Mai 2021 beteiligt. Die wirtschaftspolitische Lage ist angespannt.

Gleichzeitig zeigte Evergrande bis August keine Probleme im operativen Geschäft. Wie kam es zu dem schnellen Absturz?

Siow: Die Probleme von Evergrande hängen eher mit den hohen Schulden, der Kreditaufnahme über nicht-traditionelle Kanäle, der knappen Liquidität und der Expansion in unrentable und bislang fremde Geschäftsbereiche zusammen als mit dem zugrunde liegenden chinesischen Immobilienmarkt. Im Kerngeschäft, beim Verkauf von Wohnimmobilien, lief es für Evergrande bis zuletzt gut.

Gibt es noch Hoffnung für die Anleger?

Siow: Angesichts des Ausmaßes, der Geschwindigkeit und der Schwere des Vertrauensverlustes in das Unternehmen und das Management halte ich es für wahrscheinlich, dass Evergrande nun zahlungsunfähig wird und umstrukturiert werden muss. Ich denke aber, dass der Umbau kontrolliert vonstattengehen wird, wobei sich die Regulierungsbehörden und die Banken eng abstimmen, um sicherzustellen, dass keine systemischen Risiken entstehen.

Wie ordnen Sie die Risiken des drohenden Zahlungsausfalls für den chinesischen Markt ein?

Siow: Ich gehe nicht davon aus, dass der Ausfall von Evergrande systemische Folgen haben wird. Das Unternehmen ist zwar sowohl auf den Onshore- als auch auf den Offshore-Märkten ein großer Kreditnehmer, aber ich glaube, dass das direkte Engagement der chinesischen Banken begrenzt ist und nicht mehr als ein Prozent ihres gesamten Kreditbestands beträgt.

Ich schätze, dass die vier systemrelevanten Banken (ICBC, China Construction Bank, Bank of China, Agricultural Bank of China, Anm. d. Red.) nicht mehr als 0,5 Prozent ihrer gesamten Kredite an Evergrande vergeben haben. Die Gewinne der Banken könnten einen kleinen Dämpfer erleiden, wenn sie Sicherheitspolster für das Engagement bilden müssen, jedoch wird dies aus meiner Sicht keine wesentlichen negativen Folgen auf ihr Bonitätsprofil haben oder gar ein systemisches Risiko auslösen.

Wird dieser Fall etwa folgenlos bleiben für den chinesischen Markt?

Siow: Natürlich nicht. Zu den Risiken gehört, dass die Behörden länger als erwartet brauchen, um einen raschen Übergang zu schaffen. Dies belastet die Stimmung der Hausbesitzer, während sich die Geschäfte am Immobilienmarkt, aufgrund von saisonalen Effekten, ohnehin langsamer entwickeln als erwartet.

In diesem Szenario erwarte ich nun, angesichts der systemischen Wichtigkeit des Immobilienmarktes für die chinesische Gesamtwirtschaft, mehr Marktvolatilität und eine rasche Korrektur des politischen Kurses.

Mehr zum Thema