Volker Hergert ist Spezialist für Behavioral Finance

Volker Hergert ist Spezialist für Behavioral Finance

„Der Bullenmarkt hat begonnen“

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DAS INVESTMENT.com: Beginnen wir mit einem Klischee. Was halten Sie davon: Behavioral-Finance-Menschen sind Psycho-Onkels, die zuschauen, wenn Marktteilnehmer durchdrehen. Volker Hergert: Also Psycho-Onkels sind wir in gewisser Weise tatsächlich. Da liegen Sie schon gar nicht so verkehrt. Allerdings beobachten wir das Verhalten der Marktteilnehmer eher als Analytiker. DAS INVESTMENT.com: Sie sind kein Psychologe? Hergert: Nein, Betriebswirt. Ich würde das, was wir machen, auch eher als eine weiterentwickelte Form der Behavioral Finance bezeichnen. Etwas, das über die Konzepte der reinen Wissenschaft hinausgeht. DAS INVESTMENT.com: Wo ist die Grenze? Hergert: Die reine Behavioral Finance beschäftigt sich mit dem individuellen Verhalten von Menschen - nicht nur, aber auch in Bezug auf Geld. Dazu führen Wissenschaftler Experimente mit Testpersonen in Laboren durch. Meistens geht es um Situationen, für die es im Vorfeld eine logische und richtige Lösung gibt. Trotzdem wählen Menschen die falsche und offenbaren damit Fehler in der menschlichen Denkweise. DAS INVESTMENT.com: Davon gibt es an den Kapitalmärkten auch einige. Hergert: Genau. Aber hier gibt es leider keine Lösung, die man im Vorfeld als genau richtig bezeichnen kann. Richtig und falsch stellen sich immer erst im Nachhinein heraus. Das ist so wie sonst im Leben auch. DAS INVESTMENT.com: Und was soll das Ganze dann? Hergert: Unsere Arbeit besteht darin, Markttrends zu erkennen und zu nutzen. Während Analysten und andere Fondsmanager sich eigene Meinungen bilden, um danach ihre Portfolios auszurichten, haben wir gar keine eigene Meinung. Denn was nützt eine eigene Meinung, wenn sie niemals jemand teilt? DAS INVESTMENT.com: Wenn niemand meine Meinung teilt, bin ich den anderen voraus und kann meinen Wissensvorsprung nutzen. Hergert: Allerdings brauchen Sie früher oder später doch andere Anleger, die Ihre Meinung teilen. Denn eine Aktie steigt nur so lange, wie Leute ihre Meinung ändern und sie neu kaufen, so lange wie Bären zu Bullen werden. Erst wenn alle Anleger Bullen sind, kann der Markt nicht mehr weiter steigen. DAS INVESTMENT.com: Wie ermitteln Sie so etwas? Hergert: Wir registrieren sämtliche Kommunikation im Markt, Analysen, Kommentare aber auch die Geldströme der Anleger. Letztere laufen mitunter der sichtbaren Kursbewegung voraus. Erst versiegen die Zuflüsse in einen Markt, etwas später kippt er. Interessant ist es auch, wie Großanleger positioniert sind, wie es beispielsweise die monatliche Umfrage von Merrill Lynch ermittelt. DAS INVESTMENT.com: Was machen Sie daraus? Hergert: Wir versuchen, bei laufenden Trends mitzuschwimmen. Bei extremen Positionen machen wir das Gegenteil. DAS INVESTMENT.com: Ist die breite Masse dumm? Hergert: Sicher nicht. Generell gilt: Wir bewerten nicht fremdes Verhalten, wir beobachten nur. Die Frage nach Dummheit wird in der Wissenschaft übrigens mit dem Rationalitätsbegriff diskutiert. Es gibt etliche Abhandlungen darüber, ob der Kapitalmarkt rational oder irrational ist. Spekulationsblasen werden oft als Beispiel für die Irrationalität der Anleger genommen. Aber gerade hier greift, was ich vorher sagte: Erst hinterher ist man schlauer. Zum Zeitpunkt der Blasenbildung dagegen haben die Anleger, gemessen an ihren Erwartungen, rational gehandelt. Dieses Handeln findet aber immer unter großer Unsicherheit statt. Deswegen fangen Marktteilnehmer an, untereinander zu kommunizieren. DAS INVESTMENT.com: Und wie nutzen Sie das für sich? Hergert: Im Grunde genommen wollen Marktteilnehmer die vielen täglichen Informationen zu Themen verdichten, über diese komplexen Themen kontrovers diskutieren und letztendlich eine Mehrheitsmeinung bilden. Dieser Prozess ist beobachtbar und führt systematisch zu Kurstrends. Wenn man diese Trends spielen möchte, ist es wichtiger, die Diskussion der Marktteilnehmer zu beobachten als selbst Wertpapiere zu analysieren. DAS INVESTMENT.com: Wie kann man das einfacher ausdrücken? Hergert: Jeder Markt ist ein Kampfplatz zwischen Bullen und Bären. Derjenige, der die besseren Argumente hat und sich mehr Gehör verschafft, gewinnt. DAS INVESTMENT.com: Geben Sie ein Beispiel. Hergert: Stichwort Ölpreis. Als er noch extrem niedrig war und Goldman Sachs als Ziel plötzlich 100 Dollar ausgerufen hat, glaubten das nur wenige. Die Marke schien zu weit entfernt. Dann gab es plötzlich immer mehr Argumente für einen steigenden Ölpreis. Als er dann tatsächlich über die 100 stieg und Goldman Sachs 200 Dollar ausrief, widersprach schon niemand mehr. Die Gegenseite hatte kapituliert, die Bullen hatten gewonnen. Aber das war auch das Zeichen für das Ende der Hausse. Es gab keine Bären mehr, die ins Bullenlager wechseln konnten. DAS INVESTMENT.com: Um Fakten geht es hier nicht mehr, oder? Hergert: Es geht nie um rückwärts gerichtete Fakten. Es geht immer nur darum, was Marktteilnehmer erwarten. DAS INVESTMENT.com: Dann kommen wir mal zum Jetzt. Stecken wir aktuell in einer Bärenmarkt-Rally oder in einem neuen Bullenmarkt? Hergert: Im Bullenmarkt. Wir haben schon im Oktober gesagt, dass der Bärenmarkt zu Ende ist. Denn da hatte die Käuferseite schon vollständig kapituliert. Es gab keine Bullen mehr. Kaum jemand wollte uns damals glauben, aber tatsächlich schwenkte der Markt in eine mehrmonatige Phase ohne Trend. Eine nervenaufreibende Zeit wegen der hohen Volatilität! Diese Phase ist jetzt beendet, ein neuer Bullenmarkt hat begonnen. DAS INVESTMENT.com: Auch jetzt noch werden Sie mit Ihrer Meinung keine Mehrheit finden. Hergert: Das ist normal für den Beginn eines Trends. Die Mehrheit wächst schrittweise. Der Kampf zwischen Bullen und Bären hat gerade erst begonnen. DAS INVESTMENT.com: Wie weit wird der Trend uns führen? Hergert: Das kann sehr weit gehen. Viele Großanleger sind in Aktien noch dramatisch untergewichtet und haben die ersten zwei Monate verpasst. Zwei weitere können sie sich nicht mehr erlauben. Das macht sie unsicher, weshalb sie auch mehrheitlich von einer Bärenmarkt-Rally und damit von einer Bullenfalle reden. DAS INVESTMENT.com: Die Wirtschaftslage gibt ihnen Recht. Hergert: Die aktuelle Lage ist für die Börse längst Vergangenheit. In der aktuellen Situation reicht es schon, wenn die Daten nur etwas weniger schlecht sind als befürchtet. Genau das geschieht. Wir hatten jetzt die erste Berichtssaison seit Beginn der Krise, in der sich positive und negative Überraschungen die Waage gehalten haben. Die Lager der Unternehmen sind leer geräumt, und die ersten Frühindikatoren drehen nach oben. Zweifel gehören zu einem neuen Trend immer dazu, aber der Markt ist dabei umzudenken. DAS INVESTMENT.com: LGT hat schon zwei Behavioral-Finance-Fonds auf dem Markt. Der globale ist im Zwölf-Monats-Vergleich genau so schlecht gelaufen wie der MSCI Welt Index. Hergert: Es gab Probleme mit der Aktienauswahl. Unsere Branchenauswahl war sehr gut. Aber wenn aus unvorhersehbaren Gründen immer wieder Aktien mit zweistelligen Verlusten abgestraft werden, hilft auch die beste Branchenallokation nichts mehr. Das ist dann einfach Pech. Unser globaler Fonds ist übrigens in den letzten zehn Jahren im Schnitt besser gelaufen als der Index und liegt auch in diesem Jahr bislang vor ihm. Hinweis: Neue Themenkanäle auf www.dasinvestment.com
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