Claudia Kemfert, DIW-Expertin

Claudia Kemfert, DIW-Expertin

„Der Energiehunger ist enorm“

//
DAS INVESTMENT: Ob in Reden von Politikern, in Unternehmensdarstellungen oder in der Werbung: Im Zweifel ist alles nachhaltig, weil das gut klingt. Ist der Begriff nicht ziemlich entwertet?

Claudia Kemfert: Nachhaltigkeit wird in der Tat mittlerweile für alles und jedes verwendet, selbst die Finanzkrise ist mittlerweile nachhaltig. Dies ist zwar schade, aber dennoch kann der Begriff in Verbindung mit Information und Transparenz geeignet sein. Aber nur wenn klar ist, was genau damit gemeint ist und dies mit entsprechenden Qualitätskriterien ergänzt und untermauert wird, kann man ihn auch weiterhin nutzen.

Als Wirtschaftsfaktor ist Nachhaltigkeit aber wohl nicht wegzudiskutieren.

Kemfert: Wenn man darunter die Märkte der nachhaltigen Energie und Mobilität versteht, kann man durchaus positive Entwicklungen ausmachen, insbesondere auch durch die Energiewende in Deutschland.

Energieeffiziente Produkte und Materialien, Kraftwerksbau oder auch nachhaltige Mobilität spielen aber auch in vielen anderen Ländern der Welt eine immer bedeutsamere Rolle. Die Kosten für fossile Energien steigen unaufhörlich, der Umweltschutz wird immer bedeutsamer. Daher nehmen die Investitionen in Nachhaltigkeitsmärkte immer weiter zu.

Wo sehen Sie denn noch Nachholbedarf?

Kemfert: Insbesondere bei der Mobilität. Wenn man sich anschaut, welche Autos weltweit verkauft werden, sind dies zwar effiziente Fahrzeuge, aber vielfach auch schwere, hoch motorisierte Fahrzeuge. Wir benötigen dringend Alternativen zum herkömmlichen Verbrennungsmotor
und alternative Kraftstoffe.

Viele Schwellenländer setzen allerdings eher auf konventionelle Energiegewinnung. Wenn wir uns deren Wachstumsraten anschauen – ist das Agieren pro Umwelt in den alten Industrienationen nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Kemfert: Das glaube ich nicht, denn die Entwicklungen in vielen Emerging Markets sind nicht nachhaltig. Früher oder später wird der enorme Energiehunger zu vertretbaren Preisen mit rein konventionellen Energieformen nicht mehr zu stillen sein. Dann sind Alternativen gefragt – und in diese sollte man schon heute dringend investieren.

Der Staat fördert grüne Technologien unter anderem über das Erneuerbare-Energien- Gesetz. Die Politik der Subventionierung, bekannt durch die Sonder-Afa Ost oder durch die Steuervorteile für die Schiffsbranche, wird aber auch kritisiert, da dies zu Marktverzerrungen führe.

Kemfert: Jegliche Energieversorgung wurde schon immer subventioniert. Denken Sie etwa an Subventionen für die Atomenergie oder auch die vielen staatlichen Eingriffe in die fossile Energiewirtschaft in vielen Ländern der Welt. Den angeblich freien Energiemarkt gibt es nur in der Theorie.

Neue Technologien benötigen eine Anschubfinanzierung, bis sie sich selbst am Markt behaupten. Die Branche der erneuerbaren Energien ist eine Erfolgsbranche, die Kosten sinken unaufhörlich. Somit ist es eine Subventionierung auf Zeit, und der Markt wird sich selbst entwickeln.

Welche Chancen geben Sie dem Thema Nachhaltigkeit bei Finanzprodukten?

Kemfert: Ich sehe große Potenziale, wenn man das Angebot ausbaut und entsprechend bewirbt und vermarktet. Die expansive Geldpolitik und die Finanzkrise führen dazu, dass sich immer mehr Anleger nach stabilen Anlageformen sehnen.

Unterschätzen die großen Anbieter diesen Ansatz noch, bei dem es ja auch stark um Altersvorsorge geht?

Kemfert: Ich denke schon, da man neuen Märkten noch immer hohe Risiken zuordnet. Dabei handelt es sich um die entscheidenden Zukunftsbranchen, die gerade auf Langfristigkeit ausgelegt sind.

Würden Sie in diesem Zusammenhang eine „grüne Quote“ etwa für Fonds oder Versicherungen für sinnvoll halten?

Kemfert: Ich halte eine solche Quote auf jeden Fall für sinnvoll, vor allem, da wie gesagt die Energiewende nicht nur in Deutschland, sondern in vielen anderen Ländern stabile Investitionen benötigt. Daher ist es so wichtig, dass man ausreichend Kapital gewinnt. Und Fonds und Versicherungen sind wichtig zur Finanzierung dieser Zukunftsmärkte.

Wie konsequent nachhaltig agieren Sie selbst bei der Kapitalanlage?

Kemfert: Sehr konsequent, und dies schon immer, seit ich über bescheidene
Mittel für Kapitalanlagen verfüge.

Das Gespräch führte Markus Deselaers