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Der Expertenrat - Barriereverletzung bei Öl-Bonuszertifikaten

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Zum Verständnis der Struktur eines Bonus-Zertifikats auf Brent-Crude-Öl ist es hilfreich, nochmals die Eigenschaften von Rohstoffinvestitionen zu rekapitulieren. Bei Rohstoffen erfolgen Investitionen bis auf wenige Ausnahmen immer in deren Terminkontrakte, sogenannte Futures. Der Verkäufer eines Rohstoff-Futures verpflichtet sich zur physischen Lieferung des Rohstoffs zu einem festgelegten Zeitpunkt in der Zukunft (daher Future). Der Käufer verpflichtet sich, zu eben diesem Zeitpunkt den vereinbarten Kaufpreis (den Futurekurs) zu zahlen. Futureskontrakte haben unterschiedliche Verfallmonate. Beispielsweise haben Energierohstoffe wie Rohöl monatliche Fälligkeiten, Lebendrind hat nur zweimonatliche.  In Rohstoff-Futures mit kurzer Laufzeit kommt der liquideste Markt zustande. Auch das Interesse der Marktbeobachter konzentriert sich auf dieses sogenannte „kurze Ende“ der Laufzeiten. So wird in der Regel der kürzeste in New York gehandelte WTI-Rohöl-Futureskontrakt in den Medien als Referenz für steigende oder fallende Ölpreise herangezogen, während die Preisentwicklung von länger laufenden Kontrakten wenig beachtet wird. Der in der Presse beobachtbare Ölpreis ist also jeweils der kürzeste, nächstfällige Futurekontrakt, der auch als „generic front month future“ bezeichnet wird.  Ein Bonus-Zertifikat besteht aus einem Zero-Strike-Call und einem Down-andout-Put. Der zur Berechnung herangezogene Basiswert beider Optionen ist der Futureskontrakt mit derselben Fälligkeit wie die des Zertifikats. Dieser Kontrakt kann unter Umständen signifikant vom Preis des aktuellen, kürzesten Futures abweichen. Im Fachjargon hat man für diese Abweichung folgende Bezeichnungen: Kosten die länger laufenden Futures mehr als die kurz laufenden, spricht man von „Contango“. Ist es umgekehrt und man könnte den lang laufenden Future billiger erwerben, heißt es „Backwardation“. In der Vergangenheit befand sich die Rohölsorte Brent Crude zu zwei Drittel der Zeit in Backwardation. Zeitweise ist jedoch auch Contango möglich, wie zum Beispiel im Jahr 2006 und bis Oktober 2007 zu beobachten war.  Im Gegensatz zu Open-End-Zertifikaten, wo der Verlauf der Forwardkurve am kurzen Ende für die Preisberechnung von Bedeutung ist, spielt bei Bonus-Zertifikaten auf Einzelrohstoffe die Differenz zwischen dem aktuellen Kontrakt und dem Futureskontrakt zum Laufzeitende auch eine Rolle. Notiert der Kontrakt zum Fälligkeitszeitpunkt in Backwardation und ist preiswerter als der aktuelle Futureskontrakt, bietet sich dem Emittenten zusätzlicher Spielraum für die Finanzierung des Down-and-out-Puts. Dann lassen sich bei der Auflegung des Produktes weit bessere Konditionen darstellen als bei einer Contango-Situation. Wer in Bonus-Zertifikate auf Rohstoffe wie z.B. Rohöl einsteigt, setzt in der Regel auf einen mittel- bis langfristigen Aufschwung. Das Auszahlungsprofil am Laufzeitende ist bekannt und einfach verständlich. Am Ende bekommen Sie als Anleger den Bonusbetrag ausgezahlt. Steigt der Preis des Öls über das Bonusniveau, profitieren Sie davon im vollen Umfang. Sollte die Barriere während der Laufzeit berührt worden sein, verfällt der Bonus, und die Rückzahlung orientiert sich an der Preisentwicklung des Basiswertes seit Auflage. Für den Kursverlauf während der Laufzeit muss man ein wenig differenzieren. Zur Berechnung ist vor allem die Preisbewegung des Kontrakts zum Laufzeitende relevant. Denn diese ist für den Preis des Zero-Strike-Calls maßgeblich. Preisbewegungen der kurzlaufenden Futures, die auch infolge von temporären Faktoren wie Lagerbestandsmeldungen, Wettereinflüssen, Streiks oder auch Sabotageakten auftreten, haben auf den Zero-Strike-Call keinen Einfluss, wenn die Fälligkeit noch weit in der Zukunft liegt und der Markt bis dahin eine Normalisierung der Situation erwartet. Deswegen kommt es oft vor, dass sich kurzfristige Marktschwankungen nicht oder nur wenig auf Kurse von Bonus-Zertifikaten auswirken. Andererseits kann es passieren, dass sich der Preis eines Bonus-Zertifikats ändert, obwohl der aktuelle Preis des Rohstoffes gleich geblieben ist. Dann hat sich also nur die Markterwartung zum Fälligkeitstermin verändert. Auch wenn der Basiswert des Down-and-out-Puts der Future zur Fälligkeit ist, so findet die Barriereüberwachung auf Basis des aktuellen Futures statt. Somit spielt das aktuelle Preisniveau doch noch eine Rolle für den Kurs des Zertifikats. Und je näher das Laufzeitende kommt, desto höher korreliert der Preis des kurzlaufenden Futures mit dem zur Fälligkeit, bis diese am Ende identisch sind. Beispielhaft soll nun das Bonus-Zertifikat mit der WKN GS06F2 betrachtet werden. Der Zero-Strike-Call bezieht sich hier auf den Brent-Crude-Öl-Future, der Ende Juni 2009 fällig wird. Die Terminkurve zeigt, was dieser Future bei Auflegung gekostet hat: Aus der Forwardkurve in der Abbildung auf der vorhergehenden Seite wird ersichtlich, dass der im Juni 2009 fällig werdende Kontrakt zu diesem Zeitpunkt 119,76 USD kostete, während der nächstfällige Kontrakt zum Zeitpunkt der Auflegung der Produkte im Mai 2008 122,84 USD kostete. Dieser Differenzbetrag konnte also zusätzlich zur Finanzierung des Down-and-out-Puts ge nutzt werden. Dabei ist zu beachten, dass der Preis des im Juni 2009 fällig werdenden Futurekontrakts von dem in vielen Medien zu verfolgenden Kassapreis des Rohstoffs Öl abweicht. Der Rohstoff-Radar von Goldman Sachs: Die wichtigen Rohstoffe "auf dem Radar" wöchentlich per E-Mail >> kostenlos abonnieren