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Gerd Kommer und Felix Großmann
Der Goldstandard – Motor für mehr Wirtschaftswachstum?
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Gerd Kommer und Felix Großmann Der Goldstandard – Motor für mehr Wirtschaftswachstum?

Mount Washington Hotel in Bretton Woods
Mount Washington Hotel in Bretton Woods: An diesem Ort unterzeichneten Vertreter aus 44 westlichen Ländern 1944 ein Abkommen, das den US-Dollar als Leitwährung festlegte und ihn mit dem Goldpreis verband. | Foto: Imago Images / Newscom World

In den fünf Jahren seit 2018 lieferte Gold attraktive Renditen. Dieser Umstand und die bei vielen Gold-Anhängern verbreitete Skepsis gegenüber konventionellen Fiat-Money-Währungen oder Papiergeldwährungen führt zu der gar nicht selten gehörten Behauptung, dass unter dem historischen Goldstandard (der in den 1920er Jahren endete) die zentralen volkswirtschaftlichen Größen besser ausgesehen hätten als unter den heutigen Papiergeldwährungen.

Auf die vielleicht wichtigste aller volkswirtschaftlichen Leistungskennzahlen, das langfristige Wirtschaftswachstum, trifft die These von der Vorteilhaftigkeit des Goldstandards jedenfalls nicht zu. Eher im Gegenteil: Der Goldstandard scheint das damalige Wirtschaftswachstum gebremst zu haben. Um das zu zeigen, unternehmen wir einen kleinen Ausflug in die globale Währungshistorie.

Erst Silber statt Gold

Die industrielle Revolution begann vor etwa 250 Jahren um 1770. Mit ihr startete ein im Vergleich zu den vorhergehenden 2.000 Jahren ein unglaublicher Anstieg des globalen Wirtschaftswachstums, der Haushaltseinkommen und der Lebenserwartung des durchschnittlichen Erdenbürgers.

Im Jahr 1717, noch rund 50 Jahre vor dem Einsetzen der industriellen Revolution, führte Großbritannien (GB) als erstes Land de facto einen nationalen Goldstandard ein. 1821 erfolgte die Einführung auch de jure. Gleichwohl war die Währung in der Mehrzahl der westlichen Staaten bis etwa 1872 silberbasiert. Der Hauptgrund für die Dominanz von Silber als Edelmetalldeckung für nationale Währungen vor den 1870er Jahren erscheint aus heutiger Sicht seltsam banal: Damals (wie heute) existierte wesentlich mehr geschürftes Silber als Gold auf der Erde. Die Entscheidungsträger glaubten deswegen, dass man mit Silber eher als mit Gold eine wirtschaftlich ungewollte, deflationär wirkende Verknappung von Münzen im Land vermeiden konnte.

 

1872 entschied sich das soeben gegründete Deutsche Reich für den Umstieg von einer silberbasierten auf eine goldbasierte Währung. Dieser Wechsel einer großen, stark wachsenden Wirtschaftsmacht, die soeben den deutsch-französischen Krieg gewonnen hatte, motivierte in den Jahren danach viele andere Staaten von einem silberbasierten auf einen goldbasierten Währungsstandard umzusteigen. Grund war der Netzwerkeffekt – es war leichter, mit anderen Nationen Handel zu treiben, wenn man den gleichen Währungsstandard wie diese nutzte und damit das Wechselkursrisiko für alle Beteiligten ausschaltete.

So entstand das, was wir heute den klassischen Goldstandard nennen. Seine Existenzzeit wird im Allgemeinen mit 1873 bis 1914 angegeben. Klassischer Goldstandard bedeutet, dass der Staat in einem Gesetz einen festen Kurs zwischen der nationalen Währung (dem gesetzlichen Zahlungsmittel) und einer Unze Gold festsetzte und dass der Besitzer eines Geldzertifikats (zum Beispiel eines Geldscheins) das Recht besaß, dieses bei einer Bank zum gesetzlichen Kurs gegen physisches Gold einzutauschen, also Gold zu kaufen.

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Währungen kaum zu 100 Prozent durch Gold gedeckt 

Dieses physische Gold gehörte dem betreffenden Staat selbst oder seiner Zentralbank, die ihrerseits de jure oder wenigstens de facto ein staatliches Anhängsel war. Allerdings wäre es ein Irrtum zu glauben, dass alle Staaten unter dem klassischen Goldstandard die umlaufende Papiergeldmenge zu 100 Prozent mit Goldreserven gedeckt hätten. Die tatsächliche Reservequote lag oft deutlich tiefer und sank in manchen Staaten im Zeitablauf.

Auch vor dem klassischen Goldstandard waren Währungen edelmetallgedeckt (überwiegend durch Silber), aber das rechtliche, politische und infrastrukturelle Setup war weniger standardisiert und weniger einheitlich. Echte Zentralbanken im heutigen Sinne dieses Begriffes gab es überwiegend noch nicht, ein gesetzlich fixierter Edelmetalltauschkurs fehlte und neben dem Zentralstaat existierten in einem Land oder einer Region oft noch andere Emittenten edelmetallgedeckter Währungen.

Wichtig in diesem Zusammenhang: Ab Mitte des 19. Jahrhunderts zirkulierten Währungen zunehmend nicht mehr in Gestalt von Münzen, sondern – da ökonomisch effizienter und bequemer – in Gestalt von Papierscheinen und in Form von Wechseln sowie Anleihen.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges stiegen die meisten großen Volkswirtschaften aus dem zuvor weltweit dominierenden klassischen Goldstandard aus – indem sie das Recht aufhoben, beim Staat die nationale Währung zum gesetzlich fixierten Kurs in Gold umzutauschen. Diese zunächst nur als vorläufig gedachte Suspendierung stellte sich später aber in fast allen Fällen als endgültig heraus. Als letzte große Volkswirtschaft beendeten die USA 1933 die Gold-Konvertibilität.

Die Auslöser für das Ende des klassischen Goldstandards zwischen 1914 und 1933 (je nach Land) waren die Haushaltsdefizite und Schulden aus dem Ersten Weltkrieg und – vor allem für die USA – die Great Depression von 1929 bis 1937.