Markus Richert (Gastautor)Lesedauer: 4 Minuten

Vom Markt verdrängt Der Mythos Disruption

Neandertaler beherrschten fast 250.000 Jahre lang Europa
Neandertaler beherrschten fast 250.000 Jahre lang Europa: Nun sind sie verschwunden, etwas, was Technologien auch drohen kann | Foto: Imago Images / stock&people

Der Neandertaler beherrschte fast 250.000 Jahre lang Europa. Vor gut 30.000 Jahren war dann auf einmal Schluss und es verliert sich ihre Spur. Genauso plötzlich und überraschend verschwand 2012 der Filmhersteller Kodak. Im Jahr 1888 gegründet, 150.000 Mitarbeiter weltweit zu besten Zeiten und dann auf einmal im Jahr 2012 insolvent.

Dabei haben die Menschen nicht aufgehört zu fotografieren. Im Gegenteil, es wird so viel geknipst wie nie zuvor. Allein im Jahr 2015 so viel wie in der gesamten Geschichte der Menschheit zuvor. Allerdings ohne die analogen Filme von Kodak. Die digitale Fotografie hat Kodak überflüssig gemacht. Der Neandertaler, Kodak und viele andere Unternehmen wurden Opfer der Disruption.


Geschäftsmodelle unter Druck

„Eine disruptive Technologie (engl. disrupt – unterbrechen, zerreißen) ist eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung vollständig verdrängt“, so definiert Wikipedia den Begriff, der in vielen Branchen für Angstschweiß sorgt. Der Begriff mag neu sein, die Sache an sich ist es natürlich nicht – der Neandertaler lässt grüßen. Disruption entsteht immer dann, wenn bestehende Systeme träge, selbstgerecht und zukunftsblind werden.

Eine digital vernetzte globale Welt bringt ganz neue Geschäftsmodelle hervor. Anleger und Investoren müssen diese Entwicklung im Auge behalten. So manches etablierte Geschäftsmodell wird vermutlich in den nächsten Jahren vom Markt verschwinden. Das größte Taxiunternehmen der Welt besitzt heutzutage kein einziges eigenes Fahrzeug (Uber), der größte Zimmervermittler kein einziges Zimmer (Airbnb). Trotzdem sind diese Unternehmen an der Börse Milliarden Wert und versetzen etablierte Branchen in Panik.

Die digitale Revolution

Ein Hauch von „Neuer Markt der Jahrtausendwende“ liegt derzeit in der Luft, wenn ein neues Start-up die nächste digitale Revolution verkündet. Mitunter hat man den Eindruck, dass es schon ausreicht sich einen Tischkicker in das Büro zu stellen und die Investoren stehen Schlange.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Viele Ideen verschwinden zusammen mit dem Investorenkapital wieder vom Markt, noch bevor der erste Euro verdient ist. Nicht alles was digital ist, verspricht zwangläufig Erfolg. Manche neue Dienstleistung scheitert schlicht daran, dass überhaupt kein Bedarf daran besteht. Da hilft dann auch die Digitalisierung wenig.

Das zweite Maschinenzeitalter

Die Digitalisierung läutete das zweite Maschinenzeitalter ein. Das erste Maschinenzeitalter begann, als ein englischer Ingenieur auf die Idee kam, seinen Webstuhl mit Wasserdampf anzutreiben. Viele tausend Jahre zuvor verlief die Kurve der menschlichen Entwicklung extrem langsam aufwärts. Die industrielle Revolution führte schließlich zu den größten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die die Welt bis dahin erlebt hatte.

Das zweite Maschinenzeitalter begann irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten. Angetrieben wird das neue Zeitalter jedoch nicht mehr durch Wasserdampf, sondern durch digitale Informationen. Digitale Güter sind anders als physische und werden die Welt und die Wirtschaft der nächsten Jahrzehnte vermutlich nachhaltig verändern.

Tipps der Redaktion
Argentum Dynamic FutureHamburger Boutique startet Dachfonds
VersicherungsvertriebWie sich Versicherer und Makler neu erfinden können
Neue Zeiten im FondsmanagementDie amazonifizierte Geldanlage
Mehr zum Thema