ESG-Experte von Thomas Lloyd Der steinige Weg zur Netto-Null

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CO2-Emissionen steigen trotz Pariser Abkommen weiter an

Das Pariser Abkommen markierte eine wichtige Etappe in der internationalen Zusammenarbeit zur Verlangsamung des Klimawandels. Tatsache bleibt jedoch, dass die CO2-Emissionen seitdem dennoch insgesamt weiter gestiegen sind und sich im Jahr 2019 auf 36,441 Milliarden Tonnen beliefen. 

Quelle: The Times / The Sunday Times

Kürzlich veröffentlichten Untersuchungen zufolge sanken die globalen CO2-Emissionen im Jahr 2020 um etwa 7 Prozent, während die International Energy Association (IEA) den Rückgang der energiebezogenen CO2-Emissionen mit -5,8 Prozent beziffert. Der Rückgang der Emissionen scheint in den USA, der EU27 und Indien ausgeprägter zu sein, was teilweise auf bereits bestehende Trends zurückzuführen ist, während er in China, wo die Beschränkungsmaßnahmen im Zusammenhang mit Covid-19 früh im Jahr erfolgten und die Sperrmaßnahmen zeitlich begrenzter waren, viel weniger deutlich ausfiel.

Unabhängig von der landläufigen Meinung ist es eine Tatsache, dass die CO2-Emissionen in Europa und den Vereinigten Staaten seit über einem Jahrzehnt einen allmählichen Abwärtstrend aufweisen, während sie in China und dem Rest der Welt – angeführt von Indien – weiter ansteigen. Dies sollte nicht überraschen, denn die asiatischen Volkswirtschaften verzeichnen sowohl im Hinblick auf die Wirtschaftsleistung als auch bezüglich ihrer Bevölkerungszahlen ein starkes Wachstum. Sie befinden sich in der transformativen Phase der wirtschaftlichen Entwicklung, die Europa im 20. Jahrhundert so stark gemacht hat. Die wirtschaftliche Stärke, derer wir uns heute erfreuen, wurde durch Produktion und Verschmutzung über viele Jahrzehnte hinweg begründet, und ein großer Teil des CO2 verbleibt, einmal emittiert, für Hunderte von Jahren in der Atmosphäre. Ein klarer Handlungsbedarf besteht somit weiterhin. 

Die Länder beschleunigen Zusagen 

Nachdem auf der COP21 in Paris das Prinzip selbstbestimmter Emissionsziele eingeführt wurde, scheint es wenig Initiative zur Rückkehr zum früheren „Top-Down-Ansatz“ zu geben. Stattdessen werden die Länder die Zeit vor der COP26 wahrscheinlich damit verbringen, sich zu positionieren, um ihr eigenes Umweltimage aufzupolieren. Als Gastgeber des Treffens im November in Glasgow hat Großbritannien zum Beispiel kürzlich seine Verpflichtungen zur Reduzierung der CO2-Emissionen erhöht. Großbritannien hat seine Emissionen seit 1990 bereits um 45 Prozent reduziert und kündigte letztes Jahr das Ziel an, die Emissionen bis 2030 um 68 Prozent zu senken, verglichen mit dem Basisjahr 1990. Im April 2021 versprach es eine Beschleunigung auf eine 78-prozentige Reduktion bis 2035 und war das erste große Industrieland, das sich ein rechtlich verbindliches Ziel gesetzt hat, seine Treibhausgasemissionen bis 2050 auf netto null zu reduzieren.

Nur sechs große Länder haben Gesetze, die sie zu Netto-Null-Emissionen verpflichten – Schweden bis 2045, Großbritannien, Frankreich, Dänemark, Neuseeland und Ungarn bis 2050. Andere Länder wie Japan und Südkorea haben sich verpflichtet, das Ziel bis 2050 zu erreichen, während Chinas öffentlich erklärtes Ziel derzeit darin besteht, bis 2060 kohlenstoffneutral zu werden und seine Emissionen vor 2030 zu senken. Auf einem virtuellen Gipfeltreffen, das zeitgleich mit dem Tag der Erde am 22. April stattfand, verpflichtete sich Präsident Biden, die Kohlenstoffemissionen der USA bis zum Jahr 2030 um 50 bis 52 Prozent unter das Niveau von 2005 zu senken, und sagte, es sei ein moralischer und wirtschaftlicher Imperativ, sofort gegen den Klimawandel zu handeln.

Während 40 Staats- und Regierungschefs auf dem Gipfel zum Tag der Erde versuchten, ihre grünen Referenzen zu verkünden, stellte der Redakteur von Bloomberg New Energy Finance in seinem Blog fest, dass der Ausdruck Netto-Null im Jahr 2016 – dem Jahr nach der Pariser Klimakonferenz – nur 81 Mal in Bloomberg-Nachrichtenartikeln erschien. Im Jahr 2021 ist er innerhalb von nur dreieinhalb Monaten bisher 1.400 Mal erschienen.

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