Jochen Russ, IFA Ulm

Jochen Russ, IFA Ulm

„Der Versicherer sollte wissen, was er tut“

DAS INVESTMENT: Die Finanzkrise hat den Wert von Garantieversprechen ins Rampenlicht gerückt. Sind die Garantien von Variable Annuities sicher? Jochen Ruß: Man kann weder pauschal sagen, dass sie sicher sind, noch, dass sie es nicht sind. Eine Garantie ist immer so sicher wie der Garantiegeber, das hat der Lehman-Fall deutlich gezeigt. Fakt ist, dass es eine komplexe Aufgabe ist, die Garantien der Variable Annuities am Kapitalmarkt abzusichern. Daher ist es hier noch wichtiger als bei anderen Altersvorsorge-Produkten, auf den Anbieter zu schauen. Der sollte wissen, was er tut. DAS INVESTMENT:Wie erkennt ein Finanzberater das? Ruß: Der Anbieter sollte zumindest ein vernünftiges Finanzstärke-Rating haben – und genügend Erfahrung. Das kann beispielsweise bedeuten, dass Tochter- und Schwestergesellschaften in anderen Ländern die Produkte schon seit längerer Zeit anbieten und die eine oder andere Krise überstanden haben. Der technisch versierte Berater schaut auch auf Details, etwa ob der Versicherer das Risiko sich ändernder Zinsen oder Volatilitäten absichert oder ob er versucht, diese Risiken auszusitzen. DAS INVESTMENT: Wenn doch etwas schiefgeht, wer bürgt dann für die Garantien? Ruß: Da gibt es unterschiedliche Modelle. Bei Modell 1 bürgt keiner, der Kunde geht im Extremfall leer aus. Das heißt, die gegebene Garantie, etwa eine Mindestrente, kann gefährdet sein. Die Fonds, in die der Kunde investiert ist, lagern in der Regel aber separat. Auf sie hat der Versicherte auch dann noch Zugriff, wenn der Versicherer pleitegehen sollte. Beim zweiten Modell gibt die Muttergesellschaft eine Patronatserklärung ab; sie springt im Notfall für die ausländische Tochter ein. Variable Annuities werden in Deutschland ausschließlich über ausländische Versicherer angeboten. Da gäbe es für Kunden erst ein Problem, wenn auch die Mutter insolvent würde.  DAS INVESTMENT: Ist die Sicherstellung der Garantie nicht gerade jetzt besonders teuer? Ruß: Garantien sind immer dann teurer, wenn die Zinsen niedrig oder die Volatilitäten hoch sind oder beides. Gerade jetzt bieten daher die Versicherer für neue Kunden oft geringere Garantien an, verlangen einen höheren Preis dafür oder bieten die Garantien nur in Verbindung mit weniger riskanten Fonds an als noch vor Monaten. Ob die Produkte dennoch attraktiv sind, muss jeder Berater und Anleger für sich selbst entscheiden. DAS INVESTMENT: Welche Vorteile haben Variable Annuities in dieser Zeit? Ruß: Ein Vorteil ist sicherlich die Transparenz, zumindest was die Beziehung zwischen Kunde und Versicherer angeht. Bei den Variable-Annuities-Produkten sagt der Versicherer dem Kunden ganz klar: Ich nehme dir jedes Jahr so und so viel Prozent entweder deiner Prämie oder deines Fondsvermögens ab. Als Gegenleistung bekommst du eine Garantie. Und du kannst selbst aussuchen, in welche Fonds dein Geld investiert wird. DAS INVESTMENT: Werden sich Variable Annuities in Deutschland durchsetzen? Ruß: Mit Sicherheit werden noch einige Produkte kommen, das haben Anbieter wie Canada Life und The Hartford bereits öffentlich angekündigt. Ob die Variable Annuities ein Nischenmarkt für ein paar Spezialanbieter bleiben, hängt zum einen sicherlich sehr stark davon ab, wie schnell und wie stark der Vertrieb diese neuen Produkte annimmt. DAS INVESTMENT: Und zum anderen? Ruß: … wird es davon abhängen, ob jetzt in der Krise alles glattgeht. Im Moment sehe ich keine Anzeichen, dass ein Anbieter strauchelt. Aber wenn tatsächlich der ein oder andere Anbieter – eventuell auch in anderen Ländern – Probleme bekommen sollte, wird das sicherlich auf den deutschen Markt ausstrahlen. Dieser Artikel stammt aus dem Magazin:
DAS INVESTMENT Ausgabe April 2009
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