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CandriamLesedauer: 4 Minuten
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Seit 31 Jahren veröffentlicht Der Weltklimabericht bringt uns nicht weiter

Waldbrandbekämpfung in Südfrankreich
Waldbrandbekämpfung in Südfrankreich: Eine moderat erscheinende Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 1 oder 2 Grad Celsius sagt nichts darüber aus, welches Ausmaß extreme Wetterphänomene annehmen können. | Foto: Imago Images / IP3press

Der Klimabericht sagt uns nicht, wie wir die Treibhausgasemissionen wirksam reduzieren können: Das fast 4.000 Seiten umfassende Dokument ist der Beitrag der Gruppe 1 des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, Weltklimarat) zu dessen sechstem Sachstandsbericht, der in einem Jahr veröffentlicht werden soll. Die Gruppe 1 konzentriert sich auf die Untersuchung des Klimas, um das künftige Verhalten in Abhängigkeit von verschiedenen Szenarien für Treibhausgasemissionen so genau wie möglich zu modellieren. Gruppe 2 ist für die Zusammenfassung des derzeitigen Wissens über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesellschaft, landwirtschaftliche Systeme und Ökosysteme zuständig. Gruppe 3 hat die mühsame Aufgabe, mögliche Wege zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen und der Auswirkungen des Klimawandels aufzuzeigen.

Das Fehlen einer umfassenden Lösung in diesem ersten Bericht schmälert jedoch nicht die Dringlichkeit, die Emissionen mit allen seit vielen Jahren bewährten Methoden zu reduzieren. Wir brauchen keinen x-ten IPCC-Bericht, um zu wissen, dass die Verbrennung jeglicher Form von fossilen Brennstoffen direkt zum Klimawandel beiträgt, sei es im Motor eines Autos, im Heizungskeller eines Gebäudes oder im Hochofen eines Stahlwerks. Es ist auch bekannt, dass der Methanausstoß der Viehzucht mit 14,5 Prozent eine der größten Quellen für Treibhausgasemissionen ist. Es ist klar, was zu tun ist. Leider sind die nötigen Schritte schwer zu gehen.

Im Grunde genommen sagt uns der Klimabericht nichts wirklich Neues: Die IPCC-Berichte beruhen auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft zum Zeitpunkt ihrer Erstellung. Je mehr die Wissenschaftler über das Verhalten der Gletscher, der Ozeane und der Atmosphäre wissen, desto genauer werden die Vorhersagen. Die aufgrund der verbesserten Datenlage inzwischen deutlich genauere Modellierung der Klimaentwicklung ermöglicht es ihnen, exaktere Vorhersagen zu machen, und zwar mittlerweile auf regionaler statt nur auf globaler Ebene.

Es wäre jedoch falsch, aus dieser kontinuierlichen Verbesserung den Schluss zu ziehen, dass es besser ist, auf den nächsten Bericht und dann auf den übernächsten zu warten, um zu versuchen, jede Entscheidung auf die genauesten wissenschaftlichen Daten zu stützen – oder gar auf Schlussfolgerungen zu hoffen, die die bisher gezogenen umkehren. Was sich seit 1990 geändert hat, ist nicht die Richtung des vom Menschen verursachten Klimawandels, sondern die Tatsache, dass die Wissenschaftler jetzt in der Lage sind, die Auswirkungen mit einer immens gewachsenen Menge an Daten zu untermauern.

Dieser Klimabericht könnte der letzte IPCC-Bericht sein: Wie erwähnt, stammt der erste IPCC-Bericht aus dem Jahr 1990. Einunddreißig Jahre und fast sechs Berichte später stellt sich die Frage, was in Bezug auf die Reduzierung der Treibhausgase auf globaler Ebene erreicht wurde. Seit 1990 sind die Emissionen um 40 Prozent gestiegen, während sich die Klimadiplomatie von Konferenz zu Konferenz hangelte, ohne dass das Kyoto-Protokoll oder das Pariser Abkommen zu einer Reduzierung der Treibhausgasemissionen geführt hätten. Und zwischen den einzelnen IPCC-Berichten werden Politik und Wirtschaft in der Schwebe gelassen, während man auf den nächsten Bericht wartet, der entscheidende Daten liefern soll, die endlich den notwendigen Impuls auslösen, um die schweren Entscheidungen zu treffen, die für eine ernsthafte Reduzierung der Emissionen notwendig sind.

Es geht darum, sich klar zu machen, dass der IPCC nicht die primäre Quelle wissenschaftlicher Erkenntnisse über das Klima ist, sondern ein UN-Gremium renommierter Wissenschaftler, das eine regelmäßige Zusammenfassung zu diesem Thema anbietet. Es ist das große Verdienst des IPCC, mit den Berichten einen umfassenden, für Entscheidungsträger und jedermann zugänglichen Überblick über die Summe des Wissens zum Klimawandel zum Zeitpunkt ihrer Erstellung vorzulegen.

Der Klimabericht kündigt nicht ein Katastrophenszenario an, bei dem das Wasser 50 Meter steigt oder die Temperatur in Paris 50 Grad Celsius überschreitet: Lange Zeit hat der Anstieg des Meeresspiegels die kollektive Vorstellung vom Klimawandel bestimmt. Obwohl dieser Anstieg real ist und auf den Millimeter genau gemessen wird, hat ein falsches Verständnis der Zahlen dazu geführt, dass uns die damit verbundene Dringlichkeit nicht mehr bewusst ist. Zwischen 1901 und 2018 ist der Meeresspiegel weltweit im Durchschnitt um 20 cm gestiegen. Der IPCC sagt voraus, dass dieser Durchschnittspegel im schlimmsten Fall bis 2100 um einen Meter ansteigen wird. Es wäre jedoch falsch, daraus zu schließen, dass es ausreichen würde, alle Deiche um einen Meter zu erhöhen, um das Problem zu lösen – es handelt sich um einen Durchschnittswert. So wie ein Bankkonto mit einem „durchschnittlichen“ Guthaben von 2.000 Euro große Schwankungen von beispielsweise -10.000 Euro bis +12.000 Euro verbergen kann, sagt ein Durchschnittswert nichts über lokale und mehr oder weniger vorübergehende Schwankungen wie Überschwemmungen durch Tsunamis und Sturmfluten aus.

Was der neue Bericht präziser und mit größerer Sicherheit als frühere Berichte aussagt, ist, dass sich hinter einer globalen Durchschnittstemperatur, die bereits um etwa 1 Grad Celsius gestiegen ist und wahrscheinlich weiter steigen wird, eine drastische Zunahme der Häufigkeit und Intensität von extremen Wetterereignissen in bestimmten Regionen der Welt, einschließlich Europa, verbirgt. Eine Hitzewelle wie die in Frankreich im Jahr 2003 hätte bei einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um „nur“ 2 Grad Celsius eine gute Chance, im Durchschnitt alle drei bis vier Jahre aufzutreten. Bei demselben Anstieg würden die Niederschläge im Mittelmeerraum um mindestens 20 Prozent zurückgehen, sodass einige Regionen für die landwirtschaftliche Nutzung zu trocken wären.

Stabilität der Gesellschaften zunehmend gefährdet

Kurz und (nicht) gut: Die Häufigkeit und Intensität von Phänomenen, die bisher als äußerst seltene „Ausreißer“ galten, und der unaufhaltsame Anstieg der Durchschnittstemperatur gefährden die Stabilität unserer Gesellschaften.

Der aktuelle IPCC-Bericht ist destilliertes Wissen auf 4.000 Seiten, das nur sehr wenige Menschen lesen werden. Wie die vorangegangenen Berichte stellt er eine intellektuelle und wissenschaftliche Leistung dar, an deren Erstellung Experten aus den unterschiedlichsten Disziplinen und mit unterschiedlichem Hintergrund beteiligt waren. Und doch sagt er uns nichts, was wir nicht schon wüssten, und auch nichts, was wesentlich wäre: Wie man die vielen gegenläufig agierenden Interessengruppen jetzt davon überzeugen kann, Maßnahmen zu ergreifen – obgleich die wichtigsten Folgen des Klimawandels und die wichtigsten Lösungen seit Jahrzehnten bekannt sind.

Hinweis: Diese News ist eine Mitteilung des Unternehmens und wurde redaktionell nur leicht bearbeitet.
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