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Christian Jasperneite im Gespräch „Man sollte die Schuldenbremse jetzt lösen“

Christian Jasperneite von M.M. Warburg & CO
Christian Jasperneite von M.M. Warburg & CO: „Wir halten mit der Schuldenbremse eine Bonität vor, von der wir am Ende sehr wenig haben werden.“ | Foto: M.M. Warburg & CO

DAS INVESTMENT: Sehen Sie Weidmanns Rücktritt als Chance oder Stolperstein für Deutschland und Europa?

Christian Jasperneite: Da Deutschland keinen ernsthaften Einfluss mehr auf die Richtung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank hat, ist es eigentlich inzwischen egal, wer Deutschland bei der EZB vertritt. So gesehen ist es inzwischen weder eine Chance noch ein Stolperstein, sondern einfach irrelevant. Es war einer der größten Fehler von Bundeskanzlerin Merkel überhaupt, Weidmann nicht mit Gewalt als EZB-Chef durchzudrücken. Jetzt ist der Zug aber abgefahren.

Wer reibt sich nach dem Rücktritt nun die Hände?

Jasperneite: Es mag sein, dass jetzt einige südeuropäische EZB-Ratsmitglieder eine heimliche Freude empfinden. Materiell ändert sich aber nicht mehr viel in der täglichen Arbeit der EZB. Die Würfel waren schon vorher gefallen.

Ich höre heraus, dass Sie enttäuscht sind. Welche Einflussmöglichkeiten auf die Geldpolitik bleiben der deutschen Politik heute noch?

Jasperneite: Natürlich hat Deutschland nach wie vor eine gewichtige Stimme. Deutschland ist die größte und wichtigste Volkswirtschaft der Eurozone. Das hilft aber nicht, wenn man systematisch überstimmt werden kann. Und die früher noch bestehenden Hemmungen in der EZB, gegen ordnungspolitisch motivierte Regeln und Gesetze zu verstoßen, sind inzwischen nicht mehr vorhanden.

Wie sehen Sie die künftige Rolle der Bundesbank?

Jasperneite: Die EZB war ursprünglich in Anlehnung an die Bundesbank modelliert worden. Im Vordergrund stand eine sehr unabhängige Notenbank, die primär dem Innen- und Außenwert des Euro verpflichtet war. Inzwischen ist die EZB eher eine politische Institution, die darauf bedacht ist, dass sich Länder zu guten Konditionen refinanzieren können. Innerhalb von 20 Jahren hat sich so der Charakter der Europäischen Zentralbank dramatisch verändert. Dementsprechend unbedeutend ist inzwischen die Rolle der Bundesbank. Die daraus resultierende Frustration war vermutlich ein Grund für den Rücktritt von Weidmann.

Haben Sie schon versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen?

Jasperneite: Nein. Aber sollte ich ihn mal eines Tages treffen und die Gelegenheit haben, mit ihm in Ruhe ins Gespräch zu kommen, würde ich ihn schon persönlich fragen, was da genau passiert ist.

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