In der Finanz- und Versicherungsbranche bekommen Frauen 26 Prozent weniger Gehalt als Männer. Das geht aus der jüngsten Auswertung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) hervor. Damit liegt die Lohnlücke hier 10 Prozentpunkte über dem Durchschnitt aller Branchen: Bundesweit beträgt der unbereinigte Gender Pay Gap „nur“ 16 Prozent. Im vergangenen Jahr lag er mit 18 Prozent 2 Prozentpunkte höher.
Etwas besser stehen die Frauen in Ostdeutschland da: Dort werden sie beim Gehalt nur um 5 Prozent benachteiligt. In Westdeutschland und Berlin hingegen müssen sie Gehaltseinbußen von im Schnitt 17 Prozent verkraften.
Bei gleicher Qualifikation verdienen Frauen 6 Prozent weniger
Der Gender Pay Gap ist die Differenz des durchschnittlichen Bruttostundenlohnes von Frauen und Männern. Man unterscheidet zwischen dem bereinigten und dem unbereinigten Gender Pay Gap. Der unbereinigte Gender Pay Gap vergleicht die durchschnittlichen Bruttostundenverdienste von Frauen und Männern über alle Positionen hinweg. Beim bereinigten Gender Pay Gap hingegen geht es um die Gehaltsunterschiede von Männern und Frauen mit vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiografien.
Beim bereinigten Gender Pay Gap rechnen die Analysten also strukturelle Faktoren wie Unterschiede in Berufen, Arbeitszeiten, Bildungsstand und Berufserfahrung heraus. Die Kennzahl zielt darauf ab, den Verdienstunterschied bei gleicher Arbeit und Qualifikation zu messen. In Deutschland liegt der bereinigte Gender Pay Gap aktuell bei 6 Prozent.
Strukturelle Ungleichheit
Der unbereinigte Gender Pay Gap hingegen spiegelt die strukturelle Ungleichheit wider und zeigt gesamtgesellschaftliche Unterschiede in der Erwerbssituation von Frauen und Männern auf. So verdeutlicht der unbereinigte Gender Pay Gap, dass Frauen häufiger in schlechter bezahlten Berufen arbeiten, seltener Führungspositionen innehaben und öfter in Teilzeit wechseln, um unbezahlte Care-Arbeit in der Familie zu übernehmen.
Auf diese Missstände weist jedes Jahr der sogenannte Equal Pay Day hin. Bis zu diesem Datum haben Frauen in Deutschland seit Jahresanfang rein rechnerisch unentgeltlich gearbeitet. Im vergangenen Jahr fand der Equal Pay Day am Mittwoch, dem 6. März, statt – zwei Tage vor dem Weltfrauentag.
Auch Auswertungen zweier Online-Karriereportale bestätigen die Ergebnisse der Destatis-Studie. So ermittelte Kununu, dass Versicherer und Finanzdienstleister die Branchen mit dem höchsten Gender Pay Gap sind. Auch die Kununu-Analysten kamen dabei auf einen Gender Pay Gap von knapp 26 Prozent.
Eine aktuelle Auswertung von Stepstone unterdessen ermittelte bei Versicherungsunternehmen einen etwas niedrigeren unbereinigten Gender Pay Gap von 17,6 Prozent. Der bereinigte Gender Pay Gap beträgt laut Stepstone-Studie 8,2 Prozent. Allerdings basieren beide Studien ausschließlich auf Daten, die die Nutzer den Portalen freiwillig zur Verfügung gestellt haben.
Gender Pay Gap steigt mit Berufserfahrung
Doch wie kommt es dazu, dass der unbereinigte Gender Pay Gap ausgerechnet in der Versicherungsbranche so hoch ist? Eine Erklärung könnte der Einfluss der Berufserfahrung auf die Gehaltsdifferenz liefern. Denn die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen vergrößert sich mit zunehmender Berufserfahrung deutlich:
- Am Berufsanfang (0-3 Jahre Erfahrung) beträgt der Gender Pay Gap etwa 4-10 Prozent
- Nach 5 Jahren Berufserfahrung steigt der Unterschied auf 8-10 Prozent.
- Bei 6-10 Jahren Berufserfahrung wächst die Lücke auf 12-21 Prozent
- Mit 20 Jahren Berufserfahrung erreicht der Gender Pay Gap 16-20 Prozent
- Am Ende des Erwerbslebens (40 Jahre Erfahrung) liegt der Unterschied bei etwa 21-25 Prozent
Diese Entwicklung zeigt, dass sich die Berufserfahrung bei Frauen weniger positiv auf das Gehalt auswirkt als bei Männern. Gründe dafür sind unter anderem:
- Viele Frauen wechseln nach der Geburt des ersten Kindes in Teilzeitbeschäftigung, was oft mit geringeren Stundenlöhnen und weniger Aufstiegschancen verbunden ist.
- Unterschiedliche Karriereverläufe und Positionen: Männer erreichen häufiger besser bezahlte Führungspositionen.
- Leistungsabhängige Boni und variable Vergütungsmodelle, die in höheren Positionen üblicher sind, verstärken die Lohnungleichheit zusätzlich.
In 3 Branchen verdienen Frauen mehr als Männer
Und wie sieht es bei den anderen Branchen aus? In der Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen (25 Prozent) sowie der Kunst, Unterhaltung und Erholung (21 Prozent) verdienen Männer ebenfalls durchschnittlich wesentlich mehr als Frauen. Auch im verarbeitenden Gewerbe (19 Prozent), wo traditionell Männer stärker vertreten sind als Frauen, waren die Verdienstunterschiede relativ hoch.
Im Bereich Verkehr und Lagerei fiel der Gender Pay Gap mit 3 Prozent relativ gering aus. Hier waren allerdings nur wenige Frauen beschäftigt. Im Gastgewerbe (6 Prozent) und dem Bereich Erziehung und Unterricht (9 Prozent) – Wirtschaftszweige, in denen vermehrt auch Frauen arbeiten – fiel der Verdienstabstand ebenfalls geringer aus. Bei der Wasserversorgung; Abwasser- und Abfallentsorgung und Beseitigung von Umweltverschmutzungen verdienten Frauen im Durchschnitt etwas mehr als ihre männlichen Kollegen (jeweils rund 2 Prozent).



