Überraschendes Bullenjahr: Der deutsche Leitindex Dax wuchs 2019 gegenüber seinem Stand zum Jahresanfang um mehr als ein Viertel. | © Bankenverband - Bundesverband deutscher Banken

Deutsche Aktien 2020

„Der Dax wandelt auf dünnem Eis“

„Dax-Rekord in Sicht“ - so titelte vor Kurzem eine große deutsche Wirtschafts- und Finanzzeitung. Tatsächlich ist das deutsche Standardtitel-Barometer nach der Rally im vergangenen Jahr nur noch 351 Punkte oder knapp 3 Prozent von seinem Allzeithoch vom Januar 2018 entfernt. Doch die gut 25 Prozent Jahresperformance des Dax ist optisch ein wenig aufpoliert, denn nach der plötzlichen und heftigen Korrektur im vierten Quartal 2018 startete der Index Anfang 2019 von einer vergleichsweisen niedrigen Basis aus. Verglichen mit dem Punktestand Ende September 2018, also vor dem Einknicken, kommt der Index „nur“ auf ein Plus von 8 Prozent. Das entspricht in etwa dem Wert, den der Dax historisch betrachtet in einem Jahr zulegt. Nicht mehr und nicht weniger.

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass der Global Challenges Index (GCX) 2019 mit einem Plus von 34 Prozent den Dax erneut klar outperformt hat. Mit einem Zugewinn von rund 14 Prozent ist der GCX auch bei einer Herausrechnung des vierten Quartals 2018 sehr viel besser gelaufen als der Dax. Der Index umfasst 50 internationale Aktien von besonders nachhaltig orientierten Unternehmen. Damit hat sich im vergangenen Jahr wieder einmal gezeigt, dass die Berücksichtigung ökologischer und sozialer Kriterien nicht Rendite kostet, sondern diese in der Regel unterstützt.

Rekord wahrscheinlich, Korrektur ebenfalls

Zurück zum Dax. Das Gros der Prognosen sagt auch für 2020 ein gutes Börsenjahr voraus - zwar mit abgemildertem Tempo, aber mit neuen Höchstkursen. Damit könnten sie durchaus richtig liegen, denn das derzeitige Momentum spricht zumindest kurzfristig für weiter steigende Kurse. Gleichzeitig gibt es jedoch auch mehrere Gründe, die für zwischenzeitlich tiefere Kurse sorgen könnten.

So ist die EZB weitgehend am Limit. Zwar betont die neue Chefin Christine Lagarde wie ihr Vorgänger Mario Draghi, dass die Notenbank noch immer über einen „vollen Werkzeugkasten“ verfüge, mit dem notfalls die Konjunktur unterstützt werden könnte. Doch eigentlich bleibt der EZB nur noch die Möglichkeit, ihre Anleihekäufe erneut zu erhöhen und dadurch noch mehr Geld in die Finanzmärkte zu pumpen. Gleichzeitig ist von der Fed nach den drei Zinssenkungen im Jahr 2019 kaum eine weitere geldpolitische Lockerung zu erwarten. Dem zuletzt wichtigsten Treiber der Aktienmärkte, der lockeren Geldpolitik der großen Notenbanken, könnte somit 2020 das Pulver ausgehen.

Außerdem könnte die Luft für die Konjunktur und damit für die Unternehmensgewinne dünner werden. Ungemach droht beispielsweise von Seiten des Ölpreises. So hat sich - fast ein wenig unbemerkt - die Sorte Brent Crude 2019 um 22 Prozent verteuert. Trotzdem haben die Ölkonzerne kaum Geld in die Erschließung neuer Lagerstätten investiert. Und die OPEC-plus-Staaten zeigen eine erstaunliche Förderdisziplin. 2020 könnte somit ein stagnierendes Angebot auf eine steigende Nachfrage stoßen und die Ölpreise weiter in die Höhe treiben. Für die Unternehmen wirkt sich das bekannterweise wie eine Steuererhöhung aus.

Geopolitische Risiken nur entschärft

Als Auslöser für eine Korrektur kommen außerdem weiter bestehende Handelskonflikte und die praktische Umsetzung des Brexits infrage. Den Anlegern ist zwar bewusst, dass sich die USA und China mit ihrem Phase-1-Abkommen nur auf einen ersten Schritt geeinigt haben. Dass der grundsätzliche Machtkonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik weiter schwelt, blenden die Anleger derzeit allerdings fast vollständig aus.

Ähnliches gilt für den Brexit. Dieser wird zwar aller Voraussicht nach Ende Januar vollzogen. Ein dann notwendig werdendes Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU ist jedoch nicht in Sicht. Und kaum ein Experte glaubt, dass es fristgerecht bis Ende 2020 ausgehandelt werden kann. Das Brexit-Theater mit seinen nach wie vor nur schwer kalkulierbaren Folgen dürfte sich somit noch weit über 2020 hinausziehen.

Autohersteller meilenweit vom Zielwert entfernt

Schließlich gibt es in Europa und vor allem in Deutschland noch hausgemachte Probleme. Seit Jahresanfang gilt für die Neuwagen-Flotten der Autokonzerne beim CO2-Ausstoß eine Obergrenze von 95 Gramm pro gefahrenen Kilometer. Zwar gibt es beim Überschreiten erst ab 2021 Strafen. Die Hersteller sind jedoch zum Teil meilenweit von der neuen Obergrenze entfernt.

Angesichts sinkender Diesel-Verkäufe und der anhaltenden Beliebtheit von Sport Utility Vehicles (SUVs) darf bezweifelt werden, dass Mercedes, BMW & Co innerhalb von nur zwölf Monaten eine ausreichende Zahl von Hybrid- und Elektrofahrzeugen verkaufen, um die CO2-Obergrenzen einzuhalten. Ihnen drohen somit ab 2021 empfindliche Geldstrafen. Dazu kommt, dass für die europäischen Autoexporte in die USA weiterhin Strafzölle drohen.

Natürlich ist es sehr unwahrscheinlich, dass die genannten Risiken alle und dann auch noch gleichzeitig im neuen Jahr hochkochen werden. Das eine oder andere Thema könnte jedoch die derzeit gute Stimmung an den Finanzmärkten dämpfen und zumindest zwischenzeitlich für eine Korrektur sorgen.



Der Autor
Mark-Uwe Falkenhain ist nach Stationen bei deutschen und internationalen Großbanken seit zwölf Jahren Vorstand bei der Hamburger Vermögensverwaltung Geneon Vermögensmanagement.

nach oben