Die deutsche Automobilbranche steht unter erheblichem Druck. Die Konkurrenz aus China greift zunehmend auch das Premiumsegment an, während die Transformation zur Elektromobilität hohe Investitionen verschlingt. Gleichzeitig belasten US-Zölle, ein schwacher chinesischer Markt und die Konsumzurückhaltung in Europa die Gewinne. Der Ifo-Geschäftsklimaindex für die deutsche Automobilindustrie fiel im November wieder deutlich ins Negative. Die Erwartungen der Unternehmen bleiben weiterhin wenig optimistisch.
Doch an der Börse erzählen die Zahlen derzeit eine andere Geschichte. Die deutschen Autobauer verzeichneten im vergangenen Monat teilweise Kursgewinne von über 20 Prozent. VW liegt in den letzten zwölf Monaten sogar bei plus 35 Prozent. BMW, Porsche und Mercedes legten ebenfalls deutlich zu. Diese Rally wirft Fragen auf. Handelt es sich um einen langfristigen Trendwechsel oder nur um ein kurzes Strohfeuer?
Viele Analysten tendieren zur zweiten Einschätzung. Serge Nussbaumer vom Schweizer Wertpapierhaus Maverix warnt: Anhaltende Risiken wie China-Exposure, EV-Transition, Regulierung und Wettbewerb aus China stellen die Nachhaltigkeit der Bewegung infrage und machen Rückschläge jederzeit möglich.
Günstige Bewertungen als Basis
Nach Einschätzung von Nussbaumer bewerten Anleger die großen deutschen Hersteller nach gängigen Kennziffern wie dem KGV fundamental weiterhin sehr günstig. Sie liegen teils deutlich unter dem Dax-Durchschnitt. Das schaffe die Basis für kräftige technische Erholungen. Der Experte verweist darauf, dass Restrukturierungen, Kostensenkungen und neue Subventionen im EV-Bereich die Gewinnerwartungen für die kommenden Jahre wieder etwas aufhellen. So seien Kurssprünge von 10 bis 20 Prozent in kurzer Zeit möglich.
Die Ankündigung der US-Regierung, Umweltauflagen für Fahrzeuge zu lockern, nahm der Markt positiv auf und trieb die Kurse von BMW, Mercedes und VW nach oben. Weniger regulatorische Vorschriften könnten der Autoindustrie die dringend benötigte Flexibilität geben.
Nussbaumer relativiert jedoch. Diese Kursbewegungen erfolgten vor dem Hintergrund eines „perfekten Sturms“ aus schwächerer E-Auto-Nachfrage in Europa, höheren Kosten, Zöllen und der Abhängigkeit vom chinesischen Markt. Die Rally sei daher eher als Neubewertung von „extrem günstig“ auf „günstig mit Risikoabschlag“ zu verstehen und nicht als vollwertiger Turnaround-Call für das Geschäftsmodell.
Plug-in-Hybride als Überbrückung
Während reine Elektroautos langsamer hochlaufen als erwartet, erleben Plug-in-Hybride derzeit einen Boom. In der EU verkauften die Hersteller in den ersten zehn Monaten 2025 fast 800.000 Plug-ins – ein Zuwachs von fast 30 Prozent. Mercedes, BMW, Volkswagen und Audi standen zusammen für mehr als 41 Prozent aller Plug-in-Hybrid-Verkäufe in der EU.
Die Entscheidung Brüssels, auch nach 2035 Alternativen zum reinen Elektroantrieb zuzulassen, kommt den deutschen Herstellern entgegen. VW verkaufte in den ersten zehn Monaten knapp 90.000 Plug-ins in der EU. Das bedeutet einen Anstieg von 280 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Doch die Technologie birgt Tücken. Wegen des Doppelantriebs gestaltet sich die Entwicklung deutlich komplexer und verteuert die Produktion um etwa ein Fünftel gegenüber reinen Verbrennern. Hinzu kommt ein praktisches Problem. Viele Fahrer laden ihre Plug-ins im Alltag kaum auf und nutzen hauptsächlich den Benzinmotor. Die Klimabilanz fällt entsprechend ernüchternd aus. Über den gesamten Lebenszyklus betrachtet stoßen Plug-in-Hybride zweieinhalb Mal so viel CO₂ aus wie reine Elektroautos.
Unterschiedliche Strategien
Die deutschen Hersteller reagieren unterschiedlich auf die Herausforderungen. Mercedes-Benz sichert sich aggressiv Zugang zu asiatischer Batterietechnologie. Der Konzern unterschrieb zum dritten Mal innerhalb von 18 Monaten einen Liefervertrag mit LG Energy Solution. Der jüngste Deal umfasst 1,17 Milliarden Euro.
Volkswagen-CEO Oliver Blume kündigte ein Investitionsbudget von 160 Milliarden Euro bis 2030 an. Der Konzern investiert in Batteriezellen, Software und autonomes Fahren. Parallel dazu streicht VW bis 2030 mehr als 35.000 Stellen in Deutschland.










BMW geht einen anderen Weg. Die Pkw der künftigen Modellgeneration „Neue Klasse“ erhalten keine Hybrid-Option mehr. Stattdessen erwägen die Münchener, Range Extender anzubieten. Bei dieser Technologie lädt ein kleiner Benzingenerator die Batterie auf und erhöht die Reichweite. Anders als bei Plug-in-Hybriden dient der Verbrennungsmotor hier ausschließlich als Stromerzeuger und treibt die Räder nicht direkt an. In China ist diese Technologie bereits stark nachgefragt.
Nussbaumer hebt hervor, dass die deutschen Gruppen im Premium- und Luxussegment weiterhin über starke Marken, Cashflows und hohe Dividendenrenditen verfügen. Dadurch würden sie für einkommensorientierte Anleger attraktiv. Zudem nennt er Produktmix-Verschiebungen hin zu margenstarken Modellen und Software-/Serviceerlösen als Hebel, um den Margendruck teilweise zu kompensieren.
Nachhaltigkeit fraglich
Kurzfristig könne die Rally durchaus anhalten, so Nussbaumer. Voraussetzung seien niedrige Bewertungen, stabile Makrodaten und keine neuen Schocks aus China, der Zollpolitik oder der EV-Nachfrage. Der Experte betont jedoch, dass das schwankungsanfällige Geschäftsklima und die hohe politische Unsicherheit eher für volatile Seitwärtsphasen mit wiederkehrenden Rücksetzern sprechen als für einen stabilen Bullenmarkt.
„Die Rally spiegelt vor allem eine Gegenbewegung zu stark gedrückten Kursen und Bewertungsabschlägen wider“, sagt Nussbaumer. Sie sei damit nur bedingt als fundamentaler Trendwechsel zu interpretieren. Für einen nachhaltigeren Aufwärtstrend wären klarere Signale erforderlich. Dazu zählt der Experte eine stabilere globale Nachfrage, Fortschritte bei der Profitabilität von Elektrofahrzeugen und eine Entspannung im geopolitischen und handelspolitischen Umfeld.
Zur Person

Serge Nussbaumer ist Head Public Solutions & Marketing bei Maverix. Er bringt über 30 Jahre Erfahrung im Finanzbereich mit. Seit September 2018 war er Chefredakteur des Magazins Payoff und seit 2023 zudem Inhaber und Herausgeber der Payoff Media. Seine Karriere begann 1994 bei der damaligen Schweizerischen Kreditanstalt.

