Das Wachstum in Deutschland verlangsamt sich deutlich. Grund sind unter anderem die jüngsten Schocks in der Weltwirtschaft. Hier erklärt Ulrich Kater von der Dekabank, welche Wege aus der Krise führen.
Die Luft ist raus aus der deutschen Konjunktur. In der jüngsten Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist für Deutschland als einzige von 24 größeren Volkswirtschaften eine negative Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts für das laufende Jahr vermerkt. Und dabei gehen die Prognostiker mit der hiesigen Volkswirtschaft bei einer vorhergesagten Schrumpfung von 0,3 Prozent noch gnädig um. Die jüngsten Stimmungsumfragen unter den deutschen Unternehmen geben leicht das doppelte oder mehr her.
Es ist genau so leicht wie unfair, diesen letzten Tabellenplatz in der internationalen Konjunkturliga allein auf die neu entdeckten Standortprobleme Deutschlands zu schieben. Deglobalisierung, Klimawandel und Demografie sind eher strukturelle Themen, die langfristig wirken.
Aktuell ist die deutsche Wirtschaft von den jüngsten Schocks in der Weltwirtschaft aufgrund ihrer Struktur am stärksten betroffen. Im deutschen Geschäftsmodell nehmen die Industrieproduktion und der Außenhandel vergleichsweise viel Raum ein – wobei immer bedacht werden muss, dass an der Industrie in Deutschland auch ein hohes Volumen an industrienahen Dienstleistungen hängt. Innerhalb der Industrie war bis vor kurzem auch der Anteil an energieintensiver Produktion mit mehr als 20 Prozent vergleichsweise hoch. Ausgerechnet in diesen Feldern haben sich in jüngster Vergangenheit die Parameter der Weltwirtschaft radikal geändert.
Die internationale Industrieproduktion stagniert
Seit Anfang 2022, also nach ihrer schnellen Erholung vom Corona-Einbruch, stagniert die globale Industrieproduktion nunmehr. Da spielen eher zinsbedingt schwache Investitionstätigkeit und der Abbau von Lagerbeständen aus der Corona-Zeit eine Rolle. Schrumpfende Lagerbestände bei sinkenden Aufträgen deuten auf eine konjunkturelle Nachfrageschwäche hin, was durch Detailergebnisse der jüngsten Stimmungsumfragen bestätigt wird und in einigen Branchen bereits zu erster Kurzarbeit führt.
Beschleunigt wird diese Abwärtsfahrt der Industrie durch die Entwicklung hin zu höheren und unsicheren Energiepreisen in Deutschland. Diese haben bereits zu Standortverlagerungen geführt, insbesondere bei Neuinvestitionen. Mit diesen relativ plötzlichen Änderungen des Umfeldes sind der deutschen Konjunktur einige besonders dicke Gewichte an die Füße gebunden worden, mit denen es sich nun mal nicht so schnell laufen lässt, wie dies in anderen Ländern möglich ist.
Fahrlässig wäre jedoch, einfach darauf zu setzen, dass Deutschland mit der nächsten Konjunkturerholung schon wieder in die Spitzengruppe zurückkehren wird. Das durchschnittliche Wachstum in Deutschland liegt wohl mittlerweile dauerhaft unter einem Prozent im Jahr.
In Schlüsselsektoren wie Automobil oder Chemie deutet sich eine Deindustrialisierung an, die Wohlstand kostet. Denn Industriearbeit ist vergleichsweise hoch produktive und damit hoch bezahlte Arbeit, ohne die die Einkommen in Deutschland weiter auseinanderdriften würden. Diesen Fehlentwicklungen gilt es entgegenzuwirken. Schnelle, wahrnehmbare Zeichen wären eher durch die Steuer- und Energiepolitik zu setzen. Aber auch die großen Standortprobleme am Arbeitsmarkt oder bei der Überbürokratisierung müssen auf eine neue Agenda zur Erhaltung des Wohlstandes. Für die Finanzmärkte ist die Minderleistung der deutschen Volkswirtschaft nichts Neues.