Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege bei der Deutschen Bank

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege bei der Deutschen Bank

Deutsches Anlageverhalten

„Wir sehen zu viele Risiken“

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DAS INVESTMENT: Das Deutsche Aktieninstitut hat erneut eine halbe Million Aktionäre weniger in Deutschland gemessen. Was kommt Ihnen bei solchen Zahlen in den Sinn?

Ulrich Stephan: Ich glaube, dass viele Anleger Gefahr laufen, Vermögenswerte und Kaufkraft zu verlieren, wenn sie im Nullzinsumfeld die Aktie nicht stärker als Anlagealternative nutzen. Ich würde mich aber schwer damit tun, Menschen in eine Anlage hinein zu beraten, in der sie sich nicht wohlfühlen. Das Risikoprofil jedes einzelnen Kunden muss man strikt beachten.

Wie sehen Sie das Wesen des deutschen Anlegers?

Ich glaube, dass viele Deutsche - verallgemeinert gesprochen – viel Angst haben. Vielleicht bauen wir deshalb auch so gute Autos und stabile Häuser. Bei Geldanlagen ist das aber kontraproduktiv. Es würde vieles erleichtern, hier mehr die Chance zu sehen als immer nur das Risiko. Gerade wenn man in Raten langfristig spart, ist eine schwankungsreichere Anlage häufig die bessere Wahl. Dieser Aspekt hat bei der Altersvorsorge eine besondere Bedeutung.

Wie kriegen wir das Wissen in die Köpfe?

Da habe ich auch keine Zauberformel. Wie viele andere versuche ich, Kapitalmarktwissen allgemein verständlichzu vermitteln.

Ist Schulbildung die Lösung?

Das Thema Wirtschaftsunterricht ist enorm wichtig. Und wir als Deutsche Bank gehen schon in die Schulen und vermitteln, was wir finanzielle Allgemeinbildung nennen. Wir sprechen mit den Schülerinnen und Schülern über wirtschaftliche Zusammenhänge und Kapitalmärkte.

... und sind immer nur der böse Kapitalist von der Deutschen Bank?

Wir erleben in der Tat das eine oder andere Vorurteil. Aber man bekommt die Sache auch aufgelöst und bringt die jungen Menschen zum Nachdenken. Man muss das Gespräch versachlichen und die mitschwingenden Emotionen herausfiltern. Aber es könnte noch viel mehr in dieser Richtung geschehen, da gebe ich Ihnen recht. Auch die Medien könnten mehr tun

Soso.

Ja. Wenn Aktienkurse hoch sind, sind sie angeblich zu hoch, und man kann nicht mehr kaufen. Und wenn sie gefallen sind, fragen die Journalisten meist, wie weit sie denn noch fallen können. Diese Sicht auf die Dinge ist schwierig. Wir sehen zu viele Risiken und zu wenige Chancen.

Wenn Sie sich etwas von der Politik wünschen dürften, was wäre das?


Wir brauchen einen breiten Dialog über das Thema Vermögensanlage und Vermögensaufbau. Darin müsste dann die Aktie auftauchen, aber auch andere Themen. Man beklagt die Rentenproblematik, Versicherungen klagen über das niedrige Zinsniveau, aber es gibt keinen öffentlichen Diskurs mit Medien, Politik, Kirchen und Gewerkschaften. Die Deutschen sparen viel, aber falsch. Wer Aktien kauft, bewegt sich in der öffentlichen Wahrnehmung gleich im Reich der Spekulation. Dass Aktien eine Unternehmensbeteiligung sind, in der Vermögen geschaffen wird, hat niemand so richtig auf dem Schirm. Aus meiner Sicht spricht also wenig gegen den Aktienkauf.

Also bei Plasberg und Jauch anrufen?

Warum nicht? Ich bin mir aber nicht sicher, ob das unbedingt eine Bank machen sollte. Sie steht schnell im Verdacht, nur ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Müsste das gekoppelt sein mit mehr, weniger oder anderem Anlegerschutz?

Mit anderem Anlegerschutz. Ich finde es schwierig, wenn Anleger etwas kaufen und sich danach nicht mehr daran erinnern können. Anleger brauchen ein Mindestmaß an eigenem Verständnis, worin sie gerade investieren. Da sind wir wieder bei der finanziellen Allgemeinbildung.

Das klingt nicht nach dem armen, un schuldigen Anleger, sondern auch nach einer gewissen Holschuld.

Durchaus. Wobei wir aber natürlich Anlegerschutz brauchen. Wir dürfen keine Missstände entstehen lassen und müssen darauf achten, dass unsere Berater bestens ausgebildet sind und anlegergerecht beraten. Aber wir müssen den Anlegern auch dabei helfen, einen Sinn für Chancen und Risiken zu entwickeln. Sie müssen die Empfehlungen ihrer Berater nachvollziehen können und dürfen nicht sagen: „Gewinne gehen an mich und bei Verlusten habe ich ja den Klageweg.“

Zur Jahrtausendwende haben viele Berater sinnlos Fonds getauscht, um den Ausgabeaufschlag zu kassieren. Da ist einiges kaputtgegangen.


Es gibt leider immer mal wieder Ausreißer nach unten, denen man auf die Finger hauen muss. Keine Frage. Aber ich bin sicher, die ganz überwiegende Mehrheit – und das meine ich nicht nur für die Deutsche Bank – der Berater fühlt sich als Anwalt der Kunden, will für sie Gutes erreichen und sie langfristig begleiten.

Wie könnte ausreichender Anleger schutz aussehen?

Chancen und Risiken müssen ausreichend transparent dargestellt werden. Anleger müssen alle nötigen Informationen bekommen, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Es gibt ja heute schon die standardisierten Informationsblätter, die PRIIPs und KIIDs. Und es ist auch richtig, sie dem Anleger auszuhändigen. Sie könnten vielleicht etwas konkreter sein.

Wie soll das gehen?

Mit Zahlen. Ich habe meine Kunden immer gefragt, wie sie sich fühlen würden, wenn von 10.000 Euro nach drei Monaten nur noch 7.000 Euro da sind. Dann habe ich meistens schon gemerkt, ob derjenige zurückschreckt.

Niemand verliert gern Geld.

Wer die Möglichkeit, Geld zu verlieren, ganz ausschließen will, der will risikolosen Zins. Der liegt bei null oder so gar darunter. Wenn Anleger mehr wollen, müssen sie in irgendeiner Form ein Risiko eingehen. Das sollte man den Menschen auch sagen.

Sind Beratungsprotokolle denn eine gute Sache?


Ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich helfen. Es ist viel bürokratischer Aufwand, der wenig bringt. Und ich höre auch von Kunden, dass sie davon nicht begeistert sind.

Wenn gar nichts dokumentiert ist, steht im Ernstfall Aussage gegen Aussage.

Dokumentation ist wichtig. Ich habe mir früher nach einem Kundengespräch immer Notizen gemacht. Das habe ich mir zwar nicht unterschreiben lassen, konnte mich aber später immer gut an meine Beratungen erinnern. Meiner Meinung nach reicht das aus

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