Drei Megatrends prägen zunehmend den internationalen Handel und die globalen Investitionsströme. Welche das sind und was sich dahinter verbirgt, analysiert Alexander Börsch.
China gelang letztes Jahr etwas Bemerkenswertes. Trotz Zöllen von bis zu 145 Prozent auf seine Exporte im wichtigsten Absatzmarkt, den USA, erzielte das Land den höchsten Handelsbilanzüberschuss seiner Geschichte: 1,2 Billionen US-Dollar. Wie war das möglich?
Die Antwort ist ebenso einfach wie folgenreich. China hat sich neue Abnehmer gesucht und seine Handelsbeziehungen stark diversifiziert. Die Exporte in die USA brachen erwartungsgemäß ein. Gleichzeitig steigerte China seine Ausfuhren massiv in Richtung des globalen Südens, insbesondere nach Asien, Lateinamerika und Afrika. Auch die Exporte nach Europa nahmen deutlich zu.
Auch wenn staatliche Subventionen und die Unterbewertung des Renmimbi eine wichtige Rolle bei den Exporterfolgen spielen, steht diese Neuausrichtung exemplarisch für drei Megatrends, die den internationalen Handel und die globalen Investitionsströme zunehmend prägen: der Aufstieg des globalen Südens, die Umorientierung Europas sowie die Entwicklung neuer Handelskorridore.
1. K-förmige Globalisierung
Die Globalisierung wurde in den vergangenen Jahren oft für tot erklärt. Die Begriffe „Deglobalisierung“ und „Fragmentierung“ dominieren die Debatte. Doch der Blick auf die Daten liefert ein deutlich differenzierteres Bild.
Laut dem Deloitte Geoeconomics Index, der jährlich Globalisierungstrends in Handel, Finanzen und Geopolitik vermisst, findet Fragmentierung derzeit vor allem im Westen statt. Die wachsende Distanz zwischen Europa und China einerseits sowie zwischen den USA und Europa andererseits sind der Haupttreiber dieser Entwicklung.
Das Gegenteil ist im globalen Süden zu beobachten. Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika integrieren sich zunehmend in die Weltwirtschaft und vor allem untereinander. Sie vertiefen Handels- und Investitionsbeziehungen und gleichen geopolitische Positionen stärker ab. Dieser Prozess wird maßgeblich von China angetrieben und umfasst Volkswirtschaften wie Indien, Indonesien oder Vietnam.
Das Ergebnis: Die globale wirtschaftliche Integration verläuft K-förmig - abnehmend im Westen, zunehmend im globalen Süden.
2. Europa orientiert sich neu
Dieser Trend ist keine unumkehrbare Entwicklung, sondern beschreibt eine Momentaufnahme, die sich im Prinzip auch wieder ändern kann. Tatsächlich setzt Europa bereits gegenläufige Akzente.
Auf handelspolitischer Ebene hat die EU in den vergangenen Monaten bemerkenswert viel erreicht. Nach einer langen Durststrecke liegt plötzlich eine ganze Reihe neuer Handelsabkommen auf dem Tisch und wartet auf Ratifizierung: das Mercosur-Abkommen, Abkommen mit Indien, Indonesien und Australien sowie ein erneuertes Abkommen mit Mexiko.
Die Zahl weltweit abgeschlossener Handelsabkommen liegt auf Rekordniveau, auch wenn umfassend multilaterale Einigungen im Rahmen der Welthandelsorganisation angesichts der geopolitischen Verwerfungen kaum Aussicht auf Erfolg haben. Die aktuelle US-Handelspolitik hat in anderen Teilen der Welt, allen voran Europa, den politischen Willen gestärkt, neue Wirtschaftspartnerschaften aufzubauen.
Doch die Diversifizierung ist nicht nur eine politische Absichtserklärung, sie schlägt sich bereits in konkreten Zahlen nieder. Ein Blick auf die Wachstumsraten der bilateralen Handels- und Investitionsintensitäten zeigt: Unter den am schnellsten wachsenden Handelspartnern Europas der vergangenen fünf Jahre finden sich die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kanada, Australien und Brasilien.
Bei den Investitionen haben sich die Beziehungen mit Vietnam, Malaysia, Taiwan und Saudi-Arabien am stärksten vertieft. Die vom kanadischen Premier Mark Carney beschworene stärkere geopolitische Zusammenarbeit der Mittelmächte nimmt damit im wirtschaftlichen Bereich schon konkrete Formen an.
3. Die Handelskorridore verschieben sich
Die deutsche Industrie ist ein empfindlicher Seismograf für tektonische Verschiebungen im Welthandel. In den letzten Jahren registrierte sie zunächst eine Abkehr von China und zuletzt auch von den USA. Beide Male waren geopolitische Faktoren der Auslöser.
Was kommt als Nächstes? Eine Deloitte-Modellierung der deutschen Industrieexporte bis 2035 zeichnet ein klares Bild: Die Exporte in Richtung China und USA dürften weiter schrumpfen. Das bremst das Gesamtwachstum des Außenhandels spürbar; mit durchschnittlich 1,3 statt 2,1 Prozent pro Jahr dürfte es künftig kaum noch halb so hoch ausfallen wie im vergangenen Jahrzehnt.
Und dennoch: Die Exporte dürften weiterhin wachsen. Denn neue Märkte bieten echtes Potenzial. Die höchsten Zuwachsraten dürften laut Projektion auf Indonesien, Ägypten, Australien, die Philippinen, Katar und Nigeria entfallen. Absolut betrachtet werden Indien und Brasilien die bedeutendsten neuen Abnehmer werden.
Die deutsche und europäische Wirtschaft steht damit am Beginn eines längeren Diversifizierungsweges. Das Potenzial dafür ist da, auch wenn es eine große Herausforderung ist, rückläufige Exporte Richtung der großen Märkte USA und China zu kompensieren und die neuen Märkte auch tatsächlich zu erschließen. Die Fähigkeit, dies zu tun, wird ein signifikanter Wettbewerbsvorteil und Wachstumstreiber für Unternehmen sein.