Iris Bülow (Redakteurin)Aktualisiert am 14.07.2021 - 17:19 UhrLesedauer: 6 Minuten

Mehr Aktionäre Deutschland wacht auf

Konsumenten
Silhouetten der Unbekannten: Viele Menschen hierzulande haben jüngst den Kapitalmarkt für sich entdeckt. Wer steckt hinter den neu eröffneten Depots? | Foto: unsplash.com

Lange haben Vernunftmenschen den Sparern ins Gewissen geredet. Sehr lange. Haben gemahnt und gewarnt: Zinsen waren gestern. Die Kaufkraft des Geldes, das nur herumliegt, wird weniger. Wer Vermögen aufbauen oder erhalten möchte, müsse deshalb am Kapitalmarkt anlegen, vorzugsweise in Aktien.

Die Appelle kamen von Ökonomen, Altersvorsorge-Experten, einigen Politikern und natürlich auch von Fondsgesellschaften. Geholfen haben sie lange Zeit kaum. Die Deutschen gelten als extrem aktienscheu. Und darin kaum bekehrbar.

Doch plötzlich scheint sich etwas zu ändern. Wertpapiere sind hierzulande mit einem Male gefragt. Von der neuen Kapitalmarkt-Begeisterung berichten ganz unterschiedliche Beobachter. Werden aus klassischen Zinssparern auf einmal Investoren? Und wer genau sind die Menschen, die seit kurzem den Kapitalmarkt neu erkunden? Die Suche nach Antworten führt an mehrere Stationen.

2020 war ein sehr gutes Absatzjahr für Fonds – sowohl für Publikums- als auch Spezialfonds, heißt es vom BVI. Der Fondsverband vertritt die Interessen von 114 Fondsgesellschaften, die laut Verband rund 95 Prozent des deutschen Fondsmarkts repräsentieren.

Das Corona-Jahr sah demnach den drittbesten Fondsabsatz überhaupt. Nur 2015 und 2017 liefen noch stärker. Offene Publikumsfonds, die bei Kapitalmarkt-Neulingen die größte Rolle spielen dürften, sahen 43 Milliarden Euro Zuflüsse. Im Jahr davor waren es 17 Milliarden Euro. Ein Superjahr für Fonds also.

Die neue Kapitalmarkt-Liebe fiel bereits im Frühjahr auf – durch eine Flut von neu eröffneten Depots. 2021 setzt sich der Trend fort. Bei der Consorsbank, Direktbank- Tochter innerhalb der Bankengruppe BNP Paribas, kann man das bestätigen.

„Der Zuwachs an Wertpapierdepots im vergangenen Jahr war außergewöhnlich“, berichtet Unternehmenssprecher Jürgen Eikenbusch. Rund 106.000 neue Depots, 9 Prozent mehr als zu Jahresende 2019, verzeichnete Consors im vergangenen Jahr. Das Unternehmen hat das Phänomen in einer Studie untersucht.

Sogar noch deutlicher als die Depotanzahl legten demnach die Handelsgeschäfte zu, um 105 Prozent auf 17,95 Millionen Einzelgeschäfte. Für den Zulauf seien auffällig viele junge Anleger verantwortlich, verrät Eikenbusch. „62 Prozent der Neukunden, die 2020 bei Consors ein Depot eröffneten, waren nicht älter als 35 Jahre.“ 2018 habe nicht einmal jeder Zweite dieser Altersgruppe angehört. Bei den 18- bis 25-Jährigen wuchs die Zahl gar um 160 Prozent.

Dabei geht es bei weitem nicht nur um Fonds. Ein beträchtlicher Teil des Geldes von Privatanlegern floss vielmehr in Einzelaktien, stellt man beim BVI fest. 40 Milliarden Euro in Aktien gegenüber 41 Milliarden Euro in Fonds, fasst es Research-Leiter Markus Michel in Zahlen. Wer in Fonds anlegte, entschied sich zudem häufig für Aktienfonds, oft ETFs, börsengehandelte Indexfonds.

„Die Hälfte der 2020 Aktienfonds zugeflossenen Mittel ging in Aktien-ETFs“, sagt BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter. Laut Bundesbank-Statistik loderte der Einzelaktien-Hype übrigens besonders stark in der ersten Jahreshälfte. Im zweiten Halbjahr 2020 gewannen bei Privatanlegern offenbar wieder Fonds die Oberhand.

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