Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
Da diese Artikel nur für Profis gedacht sind, bitten wir Sie, sich einmalig anzumelden und einige berufliche Angaben zu machen. Geht ganz schnell und ist selbstverständlich kostenlos.
Merger-Experte Kai Lucks
Deutschland droht Verlust von Wettbewerbsfähigkeit
Die Deutschen haben es dank ihrer Industrie zu beachtlichem Wohlstand gebracht. Doch die rapide gestiegenen Energiekosten für Unternehmen, die um ein Vielfaches höher sind als bei Wettbewerbern im Ausland, könnten der Anfang vom Ende des Erfolgsmodells sein. Die Energiepreise sind aber nicht Grund allen Übels. Auch durch Fehlentscheidungen wurden hierzulande Chancen verpasst.
Deutlich unterschätzt wird beispielsweise der Rückzug aus der Kernkraft, bei der wir technologischer Weltmarktführer waren. Die Entscheidung, die Kernkraft aufzugeben, wirkt sich auf wissensbasierte Industrien aus. Dazu zählen die Medizin-, Umwelt- und Messtechnik, das Bauwesen und die Automatisierungsindustrie. Grundlagen- und Vorfeld-Forschung, die nur durch Zuwendungen aus der Kernkraftindustrie finanziert wurde, unterbleibt nun.
Ausländische Firmen nutzen deutsche Expertise
Damit verliert Deutschland langfristige Perspektiven in anderen Branchen. Die von Siemens KWU und ihrer Tochter Interatom angeschobenen Kernkraft-Lösungen werden heute von Anbietern in Japan, den USA, Frankreich und anderswo umgesetzt und weiterentwickelt.
Wenn die Rohstoffproduktion ein Land verlässt, folgen bald Forschung, Entwicklung und Produktion. Damit gehen Arbeitsplätze für hochbezahlte Spezialisten verloren. Schlussendlich werden Unternehmenssitze und Hauptverwaltungen ins Ausland verlegt. Der Sitz der Hauptverwaltung und auch die Frage, an welcher Börse ein Konzern gelistet ist, ist für die Stabilität der jeweiligen nationalen Standorte entscheidend.
Der Unternehmenssitz hat Vorrang
Aus der Hauptverwaltung heraus werden Entscheidungen über die Verteilung der Wertschöpfung im Konzern und somit über Arbeitsplätze getroffen. Der Ort, an dem sich die Hauptverwaltung befindet, wird meist priorisiert, wenn es um Abwägungen zwischen Kostenvorteilen und steigender Komplexität geht. Verbleibende Niederlassungen werden zur Verhandlungsmasse, wenn keine Identifikation mit Deutschland mehr vorhanden ist.
Durch wirtschaftspolitische Maßnahmen konnte eine große Welle von Konkursen im Mittelstand bislang vermieden werden. Hätten die Schutzmechanismen nicht gegriffen, hätten wir mindestens 100.000 mittlerer und kleiner Unternehmen verloren. Mittelständische Unternehmer verwerten in Krisen alle finanziellen Mittel, um ihr Unternehmen am Leben zu halten. Sie geben erst auf, wenn alles verbraucht und die Situation hoffnungslos ist.
Das führt dazu, dass die Schließung eines Unternehmens häufig erst am Ende einer Krise oder am Anfang eines neuen Aufschwungs erfolgt, weil nichts mehr vorhanden ist, um die Vorleistungen zur Teilhabe am Wiederaufstieg des Marktes zu erbringen. In der Folge erfassen Dominoeffekte auch finanziell stärkere Zulieferer und Großhändler.
Die drohenden Wertschöpfungs- und Arbeitsplatzverluste können nur in Verbindung mit Digitalisierung, Vernetzung, neuen Technologien und angepassten Strukturen ausgeglichen werden. In einer datengetriebenen Wirtschaft wird jeder reale Schritt von digitalen Prozessen begleitet, die das Logistik-Management, Transporte und das Fertigungsmanagement steuern. Solche Datenprozesse werden End-to-End gestaltet, geführt und kontrolliert – nicht selten durch externe Spezialisten aus der IT-Welt.
Datengetriebene Wirtschaft ist das A und O
Mit der verfügbaren Datentechnik können in einer virtuellen Welt spätere reale Prozesse von der Konzeption über Entwicklung, Produktion und Übergabe an Kunden durchgespielt und optimiert werden. Praktischerweise werden die damit entstehenden Lösungen auf Datenbanken in der Cloud gespeichert, auf die Mitarbeiter der jeweiligen Wertschöpfungsstufe jederzeit Zugriff haben. Prozessbeteiligte können von jedem Kontinent aus wechselnd zu ihrer jeweiligen Arbeitszeit die Daten abrufen.
Untersuchungen zeigen, dass Deutschland aufgrund seiner Erfinderkultur und seiner mittelständischen Strukturen erstaunlich innovativ ist. Erfindungsreichtum ist aber nur der erste Schritt auf dem Weg zu unternehmerischer Wertschöpfung. Entscheidend ist die Umsetzung.
Deutschland ist innovativ, aber umsetzungsschwach
Die Realität zeigt, dass die Deutschen aus Innovationen oft kein Kapital schlagen. Wir haben viele Chancen verspielt, etwa, weil international renommierte Forschungsinstitute wie die Fraunhofer- und Max-Planck-Gesellschaft Auftragsarbeiten aus den USA und China übernommen haben, deren Ergebnisse vertragsgemäß ausländischen Auftraggebern zustehen. Dadurch haben wir die Kapitalisierung der Entwicklungsarbeit aus der Hand gegeben.
Wir sollten darauf achten, dass unsere Kompetenzen unserer nationalen Wirtschaft zugänglich sind. Das hierfür benötigte Clearing- und Steuerungsinstrument fehlt in Deutschland.
Die USA verfügen über Universitätsinstitute, die ein Bindeglied zur Wirtschaft sind. Bekanntestes Beispiel ist die Stanford University. Der Wert, den die Big Five der Internet-Wirtschaft generieren, überkompensiert die Schwächen der klassischen US-Wirtschaft. Das Handelsbilanzdefizit der USA wird vollständig durch Lizenzüberschüsse, die die US-Internetwirtschaft erzeugt, ausgeglichen.
Wirtschaft und Politik müssen zusammenarbeiten
Bei uns funktioniert das Zusammenspiel zwischen Regierung, Verwaltung und Wirtschaft nicht. Es mangelt am Verständnis für durchgängige Prozesse von der ersten Konzeption bis zur Inbetriebnahme von Projekten, an denen alle gemeinsam arbeiten. Das Problem ist die Atomisierung der Aufgaben, die Zersplitterung der Organisation durch Ressorts und das Fehlen übergreifender Verantwortlichkeiten.
Wir verschwenden mit der Suche nach technischen Lösungen und politischen Diskussionen viel Zeit. Besser wäre es, schon in der Phase der Grundsatzüberlegungen Pilotprojekte durchzuführen und verstärkt Versuchsfertigungen direkt neben der Grundlagenforschung zu starten.
Der anhaltende Verlust industrieller Wertschöpfung erfordert systematische Gegensteuerung. Es wird nicht ausreichen, dass Deutschland sich technologisch im Mittelfeld positioniert oder opportunistisch mitläuft. Vielmehr müssen Hightech-Potenziale und unterrepräsentierte Geschäftssegmente systematisch adressiert und operativ ehrgeizig angegangen werden.
Digitalisierung treibt Fortschritt
Notwendig sind ein allgemeines Grundverständnis von Industrie, Verwaltung und Politik für geteilte Prozesse und ein entsprechendes Verhalten im Sinne kollektiver Verantwortung. Die allumfassende Digitalisierung und Vernetzung muss unter Einbezug aller Beteiligten als gemeinsame Aufgabe bewältigt werden. Der Erhalt von Wertschöpfung einschließlich energieintensiver Stufen muss sichergestellt werden.
Gestörte internationale Lieferketten sowie die mangelnde Verfügbarkeit von Rohstoffen, Halbleitern und Vorprodukten sprechen derzeit dafür, Wertschöpfung ins Inland zurückzuholen. Neben der Innovationsinitiative muss eine Umsetzungsinitiative Schwachpunkte aufdecken und beheben.