In den ersten drei Quartalen ist der Dax um rund 16 Prozent gestiegen. Für ein solches Plus brauchen Aktien historisch betrachtet in etwa zwei Jahre. Und jetzt kommen noch die saisonal guten Monate. In diesem Jahr muss sich die Frankfurter Börse nicht einmal hinter der New Yorker Wall Street verstecken. Der S&P 500 hat im gleichen Zeitraum in Euro um circa 20 Prozent zugelegt und damit nicht sehr viel mehr als der Dax.
Die Kursgewinne der deutschen Standardwerte sehen auf den ersten Blick überraschend aus. Denn hierzulande dümpelt die Wirtschaft vor sich hin – und das schon seit geraumer Zeit. Gerade erst haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihren Herbstgutachten ihre Konjunkturprognosen erneut nach unten korrigiert. Sie gehen davon aus, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um 0,1 Prozent schrumpft. Zuvor hatten sie noch mit einem Miniwachstum von 0,1 Prozent gerechnet. Bereits im vergangenen Jahr war das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozent gesunken.
Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt hinkt nicht nur den USA hinterher, sondern auch den meisten Industrienationen, selbst vielen aus der Eurozone. Dafür gibt es im Wesentlichen vier Gründe: die Demografie, die Dekarbonisierung, die De-Globalisierung und die Digitalisierung. Jeder dieser Umbrüche stellt schon für sich allein genommen eine Herausforderung dar. Zusammen sorgen sie für eine handfeste Krise.
Immer weniger Arbeitskräfte
Schon heute fehlt es an fast allen Ecken und Enden an geeignetem Personal. Das allmähliche Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge und die Alterung der Gesellschaft verknappen das Arbeitskräfteangebot zunehmend. Auf fast jedem Kleintransporter wirbt das jeweilige Unternehmen um neue Mitarbeiter. Und das dürfte erst der Anfang sein. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes werden der deutschen Wirtschaft schon in zehn Jahren fast drei Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung stehen als heute.
Die Prognose geht von einer weiterhin hohen Zuwanderung aus. Wenn künftig weniger Menschen aus dem Ausland nach Deutschland kommen, wird sich der Arbeitskräftemangel noch verschärfen. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen nur in Teilzeit arbeiten. Der häufigste Grund dafür ist, dass sie sich um ihre Kinder und Angehörigen kümmern müssen, weil es nicht genügend Kita- und Pflegeplätze gibt. In den kommenden zehn Jahren wird das Wirtschaftswachstum in Deutschland jeweils einen halben Prozentpunkt einbüßen, weil es zu wenig Arbeitskräfte gibt.
Für Abhilfe könnte vor allem eine vereinfachte Zuwanderung und eine schnellere Integration ausländischer Arbeitskräfte sorgen. Außerdem kann ein verstärkter Einsatz von Sachkapital, beispielsweise von Maschinen oder Robotern, den Personalmangel lindern.
Reduktion der Treibhausgase
Auch die Dekarbonisierung stellt die deutsche Wirtschaft vor große Herausforderungen. Dies zeigt sich derzeit deutlich in der Automobilindustrie. Die Euphorie um das Elektroauto und die ehrgeizigen Ankündigungen sind einer allgemeinen Ernüchterung gewichen. Die Zweifel wachsen, wann oder ob sich die milliardenschweren Investitionen in die Elektromobilität überhaupt auszahlen werden. Aber auch andere Branchen wie die Stahlindustrie haben mit der Dekarbonisierung zu kämpfen.
Den dritten Umbruch resultiert aus der De-Globalisierung und hier vor allem aus der Abkehr von China dar. Das Near- oder Homeshoring kostet zunächst einmal Geld. Gleichzeitig schwächelt der chinesische Absatzmarkt schon seit geraumer Zeit. Sollte die EU tatsächlich Strafzölle auf aus China importierte Autos verhängen, dürfte Peking mit harten Gegenmaßnahmen reagieren und deutsche Exporte in die Volksrepublik zusätzlich erschweren.
Kann KI Deutschland neu erfinden?
Im November 2022 erlebte das Thema Künstliche Intelligenz (KI) einen öffentlichkeitswirksamen Durchbruch als OpenAI seinen mittlerweile berühmten Chatbot Chat GPT vorstellte. Generell sind sich Ökonomen darin einig, dass KI Produktivitätsgewinne und damit ein höheres Wirtschaftswachstum ermöglicht. Umstritten sind allerdings das Ausmaß und der Zeitpunkt. Deutschland spielt zwar bei KI für Endverbraucher kaum eine Rolle, ist aber in der Industrie bei dem Thema deutlich besser aufgestellt als vielfach angenommen.
So gravierend die Verwerfungen für die Realwirtschaft sind, den Dax lassen sie weitgehend kalt. Denn die deutschen Standardwerte machen rund 80 Prozent ihres Geschäfts im Ausland. Und für die Weltwirtschaft sieht es derzeit nicht schlecht aus. Sie dürfte in diesem Jahr um mehr als drei Prozent wachsen. Zwischen der Konjunktur hierzulande und dem Dax besteht gewissermaßen keine Korrelation. Umgekehrt zeigt sich das am deutlich schwächeren MDax, der sich seit Jahresbeginn unter Schwankungen nur seitwärts bewegt. Tendenziell sind kleinere Unternehmen weniger exportorientiert als große Konzerne.
Über den Autoren:
Reinhard Pfingsten arbeitet seit September 2023 als Chief Investment Officer bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank. Diese Funktion übte der studierte Mathematiker bereits zuvor bei der Bethmann Bank und Hauck & Aufhäuser Privatbankiers aus.

