Devisenhändler entstauben alte Regeln

Leistungsbilanzüberschuss wird wieder wichtige Kenngröße

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Für die Devisenhändler bewahrheiten sich in den aktuellen Turbulenzen an den weltweiten Märkten alte, längst überholt geglaubte Weisheiten.

Alle fünf wichtigsten Währungen, die im vergangenen Monat gegenüber dem Dollar zugelegt haben - vom Euro bis zur schwedischen Krone - stammen aus Ländern mit einem Leistungsbilanzüberschuss. Nach Einschätzung von Analysten ist dies das wichtigste Attribut, das diese Währungen zu den besten sichersten Häfen macht. Der Fokus auf die Leistungsbilanz erinnert an die späten 1990er und frühen 2000er Jahre, bevor billiges Geld und Zinsunterschiede zu den dominierenden Faktoren an den Devisenmärkten wurden.

„In Zeiten mit Wachstum und Risikoappetit werden Leistungsbilanzüberschüsse oder Ersparnisse nicht immer als Tugenden angesehen“, sagt Stephen Jen, Managing Partner bei SLJ Macro Partners LLP in London und früherer Ökonom beim Internationalen Währungsfonds. „Aber in Zeiten von Schrumpfung und Risikoaversion erscheinen sie als ein Faktor, der dabei hilft zu bestimmen, ob eine Anlage als ein sicherer Hafen taugt.“

Der Anstieg des Euro gegenüber dem Dollar von 2,7 Prozent in den letzten vier Wochen unterstreicht die Stärke dieses Trends. Dabei ist europäische Gemeinschaftswährung kein traditionelles Refugium für Sicherheit suchende Anleger. Doch mit einem Leistungsbilanzüberschuss des Euroraums im ersten Quartal von 2,3 Prozent der Wirtschaftsleistung - der größte seit der Einführung der Währung 1999 - hat sich der Euro zu einem bevorzugten Hafen für Geld aufgeschwungen.

Für Paresh Upadhyaya von Pioneer Investment Management Inc. in Boston werden Erinnerungen an das Ende des letzten Jahrhunderts geweckt. "Es ist nicht mehr das Modell der 2000er Jahre, als eine ansteigende Welle alle Boote nach oben gehoben hat", sagt der Direktor der Währungsstrategie. "Die Investoren müssen selektiver werden. Diejenigen Länder, die über eine starke Leistungsbilanzdynamik verfügen, minimieren die Wahrscheinlichkeit von Schocks für das System."

Die Leistungsbilanz als Kriterium hat am Devisenmarkt lange Zeit keine Rolle mehr gespielt. Stattdessen bestimmten die beispiellos lockere Geldpolitik der Zentralbanken und Spekulationen, wann insbesondere die US-Notenbank die geldpolitischen Zügel wieder anziehen wird, den Markt.

Das beginnt sich zu ändern, da Investoren Währungen bevorzugen, die durch Nettohandelsüberschüsse gestärkt werden. Währungen von Ländern mit Überschüssen tendieren unter Aufwertungsdruck zu geraten, wenn exportstarke heimische Unternehmen ihre Auslandserlöse repatriieren. Die Rückkehr zu den alten Grundsätzen am Devisenmarkt folgt auf den Einbruch der Aktienmärkte im August, der mehr als 5 Billionen Dollar an Marktwert weltweit vernichtete und einen Index der Schwellenländerwährungen auf ein 20-Jahres-Tief abrutschen ließ. Grund dafür: Sorgen über einen Konjunkturabschwung in China.

„Es ist vor allem eine Risikoverringerung“, sagt Jane Foley, leitende Währungsstrategin bei der Rabobank in London. „Ich glaube nicht, dass Investoren die Währungen kaufen, um aktiv auf steigende Kurse zu setzen. Aber während einer Periode der Risikoscheu ist der Leistungsbilanzüberschuss ein Plus.“

Der Yen hat in den vergangenen vier Wochen 3,1 Prozent gegenüber dem Dollar gewonnen und seinen Status als sicherer Hafen wiedererlangt. Der Leistungsbilanzüberschuss Japans hat fast ein Vierjahreshoch erreicht. Überschüsse von mehr als sechs Prozent für Schweden und Dänemark trugen zu einem Anstieg ihrer Landeswährungen von 1,9 Prozent beziehungsweise 2,6 Prozent bei. Die Schweiz kommt auf einen Überschuss in der Leistungsbilanz von 7,8 Prozent - der Franken legte 0,4 Prozent zum Dollar zu.

„Die Währungen von Ländern mit einem Defizit geraten in einem Umfeld mit steigender Volatilität unter Druck, und die Überschuss-Währungen entwickeln sich gut“, sagt Paul Meggyesi, Währungsstratege bei JPMorgan in London. „Das spielt so lange keine Rolle, bis es eine Rolle spielt.“

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