Didier Saint-Georges Neuer Merkantilismus bremst das Weltwirtschaftswachstum

Didier Saint-Georges ist Mitglied des Investmentkomitees beim französischen Fondshaus Carmignac. | © Carmignac

Didier Saint-Georges ist Mitglied des Investmentkomitees beim französischen Fondshaus Carmignac. Foto: Carmignac

Wie ein Drahtseilartist setzten die Aktienmärkte bis Ende April ihre Gratwanderung zwischen einer sich erholenden Wirtschaft und einer unschlüssigen geldpolitischen Unterstützung fort. Ab Mai wurden Anleger duch die Auswirkungen der immer härter werdenden Haltung der Trump-Administration in ihren Handelsgesprächen mit China wieder daran erinnert, wie zerbrechlich dieses Gleichgewicht ist.

So sind die Aktienmärkte nach einigem Hin und Her mittlerweile wieder auf die Niveaus von Ende März zurückgefallen. Die Anleihemärkte senden hingegen weiterhin das eindeutige Signal einer sich auf dem falschen Kurs befindlichen und deflationären Weltwirtschaft.

Im Moment stellt sich für die Märkte folgende, zentrale Frage: Wird ein erneutes Anziehen des weltweiten Wachstums, gestützt durch das chinesische Konjunkturprogramm, günstige Basiseffekte nach dem Einbruch von 2018, weltweit akkommodierende Geldpolitiken und die robuste amerikanische Wirtschaft, die Oberhand über die Konjunkturabschwächung in den USA gewinnen? Diese Abschwächung ist eine verspätete Folge der übermäßigen geldpolitischen Straffung im Jahr 2018, des natürlichen Fortschreitens eines lange andauernden Konjunkturzykluses und der Boomerang-Effekte einer unverkennbar merkantilistischen Handelspolitik, die jeglichen Aufschwung der Weltwirtschaft verhindert.

Unsere heutige Einschätzung ist unverändert: Der Erhalt des Gleichgewichts zwischen diesen beiden Kräften ist fragil und das Potenzial für einen eventuellen Aufschwung wird weitgehend von sowohl strukturellen (Überschuldung, geldpolitische Beschränkungen) als auch konjunkturellen (Handelsspannungen) Einschränkungen gebremst. Auf längere Sicht muss man sich fragen, welche globalen Auswirkungen die zunehmende Rivalität zwischen den USA und China haben könnte. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren könnte die Geopolitik den Welthandel massiv beeinträchtigen.

USA gegen China: Ist Platz für zwei merkantilistische Mächte?

Es sieht so aus, als hätten die Märkte einige Zeit gebraucht, um einzuräumen, dass die jüngsten Spannungen zwischen den USA und China eher eine strategische Rivalität als einen Handelskonflikt widerspiegeln. Das Buch Death by China von Peter Navarro, einem engen Berater von Donald Trump, stammt aus dem Jahr 2011 und bringt ganz eindeutig den berühmten „Thukydides-Komplex“ zum Ausdruck, den die USA heute gegenüber China empfinden (analog zur Rivalität, die Sparta im antiken Griechenland gegenüber dem zunehmenden Imperialismus Athens empfand und die zum Peloponnesischen Krieg führte).

Auf weniger martialische Weise lassen sich die chinesisch-amerikanischen Spannungen auch als eine nicht unterdrückbare Rivalität zwischen zwei merkantilistischen Mächten interpretieren. Die USA unter Donald Trump glauben nicht an die Vorzüge des Freihandels, als dessen „Opfer“ sie sich sehen. Stattdessen bevorzugen sie, wie im 17. Jahrhundert England, Holland oder das Frankreich Colberts, die energische Nutzung eines günstigen Kräfteverhältnisses gegenüber ihren Handelspartnern, um das Land durch die Produktion von Handelsüberschüssen und die Unterstützung heimischer Investitionen in die Industrie zu bereichern.

Diese Handelspolitik führt natürlich zu einer unmittelbaren Konfrontation mit jener Chinas, dem man nicht ganz unbegründet ebenfalls ein merkantilistisches Verhalten vorwirft. Logischerweise wird sie früher oder später auf alle Länder ausgeweitet, deren Handelsüberschuss gegenüber den USA den merkantilistischen Ambitionen der Trump-Administration zuwiderläuft – angefangen bei Deutschland und Japan.

Es zeigt sich, dass die zunehmenden Handelsspannungen zwischen den USA und ihren Handelspartnern fester Bestandteil des von der Trump-Administration gewählten Wirtschaftsmodells sind und sich im Falle Chinas zu einer geostrategischen Rivalität gesellen. Die Intensität dieser Rivalität wird an der heftigen Attacke gegen Huawei, ein für China äußerst wichtiges Unternehmen, seitens der amerikanischen Regierung deutlich. Diese scheut sich nicht, von ihrer Macht Gebrauch zu machen und den chinesischen Konzern in eine tödliche Isolation zu drängen.