Das Thinking Ahead Institute, ein gemeinnütziges Forschungs- und Innovationsnetzwerk von WTW, hat seine jährliche Analyse der weltweit größten institutionellen Investoren vorgelegt. Die Studie „Asset Owner 100“ gibt einen umfassenden Überblick über die bedeutendsten Vermögensverwalter und ihre Rolle im globalen Finanzsystem.

Rekordvolumen von 29,3 Billionen US-Dollar

Die 100 größten institutionellen Vermögensverwalter verwalteten Ende 2024 gemeinsam ein Vermögen von 29,3 Billionen US-Dollar – ein Anstieg von 11,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Summe entspricht etwa einem Drittel des globalen Bruttoinlandsprodukts und unterstreicht die enorme wirtschaftliche Bedeutung dieser Institutionen.

Besonders konzentriert ist das Vermögen an der Spitze: Die Top 20 Vermögensverwalter vereinen allein 56,1 Prozent des Gesamtvermögens auf sich, die fünf größten Fonds verwalten zusammen 7,2 Billionen US-Dollar.

Pensionsfonds dominieren, Staatsfonds holen auf

Nach Fondstypen betrachtet bleiben Pensionsfonds mit 49 Prozent des Gesamtvermögens die dominierende Kategorie, während Staatsfonds (Sovereign Wealth Funds) 40,8 Prozent verwalten. Die regionale Verteilung ist nahezu ausgeglichen: Europa, Naher Osten und Afrika (EMEA) führen mit 35,2 Prozent, gefolgt von Nordamerika mit 34 Prozent und dem asiatisch-pazifischen Raum mit 30,8 Prozent.

Zentrale Investmenttrends

Traditionell teilten Investoren ihr Vermögen in feste Kategorien auf: Aktien, Anleihen, Immobilien. Der „Total Portfolio Approach“ (TPA) bricht mit diesem Schema. Stattdessen wird das gesamte Portfolio als Einheit betrachtet und flexibel verwaltet.

Der Vorteil: Schnellere Reaktionen auf Marktveränderungen und bessere Abstimmung aller Investitionen auf das übergeordnete Ziel. Eine Vergleichsstudie zeigt: Fonds mit diesem Ansatz erzielten über zehn Jahre eine um 1,3 Prozent höhere jährliche Performance.

Wohin fließt das Geld?

Im Durchschnitt verteilen die Top 100 ihre Anlagen so:

Bei den alternativen Anlagen dominieren:

  • Private Equity (46 Prozent): Direkte Beteiligungen an Unternehmen, die nicht an der Börse gehandelt werden
  • Immobilien und Sachwerte (25 Prozent): Gebäude, Land, Rohstoffe
  • Infrastruktur (18 Prozent): Straßen, Flughäfen, Energienetze – Investitionen in die Grundstruktur der Wirtschaft
  • Hedge Funds (6 Prozent): Spezielle Investmentfonds mit flexiblen Strategien
  • Private Credit (3 Prozent): Direkte Kreditvergabe an Unternehmen

Regionale Unterschiede: Nordamerikanische Fonds investieren mit 39 Prozent am stärksten in alternative Anlagen, asiatisch-pazifische Fonds sind mit 16 Prozent deutlich zurückhaltender.

Künstliche Intelligenz und Klimaziele

52 der Top 100 Asset Owner haben sich zu Netto-Null-Emissionen bis 2050 verpflichtet – exakt so viele wie im Vorjahr. Nach starkem Wachstum in den frühen 2020er Jahren stagnieren die Zusagen. Die Studie führt dies auf praktische Umsetzungsschwierigkeiten, politische Polarisierung und das Spannungsfeld zwischen Klimazielen und Renditeerwartungen zurück.

Eine begleitende Umfrage zeigt: 83 Prozent der Asset Manager nutzen bereits KI – hauptsächlich für Berichterstattung, Datenanalyse und Risikobewertung. Allerdings sehen 64 Prozent dadurch auch erhöhte Cyberrisiken.

Neue Risiken erfordern neues Denken

Traditionelles Risikomanagement, das auf historischen Daten basiert, reiche heute nicht mehr aus, betonen die Studienautoren. „Risk 2.0“ heißt der neue Ansatz, der systemische Risiken in den Blick nimmt:

  • Klimawandel: Betrifft nicht nur einzelne Unternehmen, sondern ganze Wirtschaftssysteme
  • Geopolitische Spannungen: Handelsbarrieren, Konflikte, politische Instabilität
  • Cyberbedrohungen: Angriffe können ganze Lieferketten lahmlegen
  • KI-Risiken: Von Datenmissbrauch bis zu unvorhersehbaren Marktveränderungen

Der neue Ansatz kombiniert Zahlen mit Expertenmeinungen und betrachtet, wie verschiedene Risiken sich gegenseitig verstärken können.

Versicherungsgesellschaften sind anders

Die Studie behandelt Versicherungsgesellschaften bewusst getrennt vom Hauptranking. Der Grund: Versicherungsvermögen funktioniert anders als das von Pensionsfonds oder Staatsfonds. Es umfasst auch von Dritten verwaltete Mittel und unterliegt speziellen Regulierungen wie Solvency II in Europa.

Trotz der separaten Betrachtung zeigt die Studie die enorme Bedeutung von Versicherern als Kapitalanleger. Die zehn größten Versicherungskonzerne nach Gesamtvermögen verwalten zusammen über 10 Billionen US-Dollar – mehr als viele Pensionsfonds und Staatsfonds im Hauptranking.

Die geografische Verteilung spiegelt die globalen Wirtschaftszentren wider: Asiatische Versicherer dominieren die Spitze, gefolgt von US-amerikanischen und europäischen Konzernen. Japan und China stellen zusammen drei der zehn größten Versicherungsgesellschaften weltweit. Weitere vier der Top-10-Versicherer stammen aus den USA und Kanada, die restlichen drei aus Europa – eines davon aus Deutschland.

Mehrere Pensionsfonds von Versicherungsgesellschaften haben es ins AO-100-Ranking geschafft, darunter die deutsche Bayerische Versorgungskammer auf Rang 70 mit 121,1 Milliarden US-Dollar. Diese werden wie andere Pensionsfonds behandelt, da sie klar abgegrenzte Vermögenswerte für bestimmte Begünstigte verwalten.

Wie investieren Versicherer?

Auch wenn sie nicht im Hauptranking erscheinen, folgen Versicherungsgesellschaften denselben Trends wie andere große Investoren – mit einigen Besonderheiten:

Auf der Suche nach Rendite: In Zeiten niedriger Zinsen reichen traditionelle Anleihen oft nicht mehr aus, um die langfristigen Versprechen an Kunden zu erfüllen. Deshalb investieren Versicherer zunehmend in alternative Anlagen wie Private Equity, Infrastruktur und Immobilien. Allerdings sind sie dabei vorsichtiger als Pensionsfonds, da strenge Eigenkapitalvorschriften (Solvency II) riskantere Anlagen verteuern.

Ganzheitlicher Blick: Einige große Versicherer übernehmen den „Total Portfolio Approach“ und betrachten ihre Anlagen nicht mehr isoliert nach Kategorien, sondern als zusammenhängendes Ganzes. Das ermöglicht bessere Risikosteuerung und effizienteren Kapitaleinsatz.

Nachhaltigkeit unter Druck: Versicherer stehen unter zunehmendem Druck von Regulatoren, Kunden und Aktionären, Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG) zu berücksichtigen. Als langfristige Investoren mit Verpflichtungen über Jahrzehnte sind sie besonders von Klimarisiken betroffen – sowohl bei ihren Anlagen als auch im Versicherungsgeschäft selbst.

Technologie als Chance und Risiko: Wie andere institutionelle Investoren setzen Versicherer verstärkt auf künstliche Intelligenz und Datenanalytik – nicht nur für bessere Investmententscheidungen, sondern auch für Risikobewertung und Schadensmanagement. Die Studie zeigt, dass 83 Prozent der Asset Manager bereits KI einsetzen.

Regulierung prägt Investmentstrategien

Die Anlageentscheidungen von Versicherern werden stark von Regulierung beeinflusst:

Solvency II in Europa verlangt, dass Versicherer für riskantere Anlagen mehr Eigenkapital vorhalten müssen. Eine Aktie „kostet“ sie also mehr Kapital als eine Staatsanleihe. Das erklärt, warum europäische Versicherer tendenziell konservativer investieren als etwa kanadische oder australische Pensionsfonds.

Bafin-Vorschriften in Deutschland setzen zusätzliche Anforderungen, insbesondere bezüglich Streuung der Risiken (Diversifikation) und Liquidität.

Das Ergebnis: Versicherer haben typischerweise höhere Quoten in Anleihen und niedrigere in Aktien als Pensionsfonds oder Staatsfonds.

Doppeltes Risiko: Versicherung und Anlage

Das in der Studie vorgestellte Konzept „Risk 2.0“ ist für Versicherer besonders wichtig. Sie müssen zwei Arten von Risiken gleichzeitig managen:

Versicherungsrisiken: Werden mehr Kunden krank? Gibt es mehr Unfälle? Wie entwickeln sich Schadensfälle?

Anlagerisiken: Wie entwickeln sich Aktienmärkte? Steigen oder fallen Zinsen? Welche Unternehmen sind zukunftsfähig?

Die Herausforderung: Diese Risiken beeinflussen sich gegenseitig. Ein Beispiel:

  • Klimawandel führt zu mehr Naturkatastrophen (höhere Versicherungsschäden)
  • Gleichzeitig verlieren Investitionen in fossile Energien an Wert (Anlageverluste)
  • Beides trifft den Versicherer gleichzeitig

„Risk 2.0 bedeutet:

  • Systemische Risiken erkennen: Klimawandel, Pandemien, Cyberattacken betreffen Versicherer doppelt
  • Nach vorne schauen: Historische Daten helfen nicht bei völlig neuen Risiken
  • Zusammenhänge verstehen: Risiken in verschiedenen Bereichen verstärken sich gegenseitig

Versicherer, die diesen ganzheitlichen Ansatz nutzen, sind besser auf die komplexen, vernetzten Risiken des 21. Jahrhunderts vorbereitet.

Herausforderungen und Chancen

Die Studie deutet an, dass Versicherungsgesellschaften ihre Rolle als Kapitalanleger weiter ausbauen werden. Demografische Trends – alternde Gesellschaften in entwickelten Ländern, wachsende Mittelschicht in Schwellenländern – lassen die Versicherungsvermögen steigen.

Gleichzeitig wachsen die Herausforderungen:

  • Niedrigzins-Dilemma: Wie können langfristige Garantiezusagen erfüllt werden, wenn sichere Anlagen kaum noch Zinsen bringen?
  • Regulierungs-Spirale: Die Anforderungen werden kontinuierlich strenger und komplexer
  • Wettbewerb verschärft sich: Pensionsfonds, Staatsfonds und Private-Equity-Firmen konkurrieren um dieselben attraktiven Anlagen
  • Nachhaltigkeit wird Pflicht: Der Druck zu nachhaltigem Investieren steigt von allen Seiten

Erfolgreiche Versicherer werden diejenigen sein, die:

  • Innovative Lösungen für das Niedrigzins-Problem finden
  • Moderne Risikomanagement-Ansätze wie „Risk 2.0“ umsetzen
  • Ihre Größe und langfristigen Anlagehorizonte als strategische Vorteile nutzen
  • Technologie intelligent einsetzen, ohne sich neuen Risiken auszusetzen

Methodik und Datenquellen

Die Studie basiert auf Daten von WTW Global Top 300 Pension Funds, Pensions & Investments Research Center, Global SWF sowie Jahresberichten und direkter Kommunikation mit Organisationen. Die Daten beziehen sich auf das Geschäftsjahr 2024, wobei einige Organisationen abweichende Stichtage haben. Alle Vermögenswerte wurden zum Jahresende 2024 in US-Dollar umgerechnet.

>> Die vollständige Studie „Asset Owner 100“ ist auf der Website des Thinking Ahead Institute verfügbar.

Platz 10: Axa
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Unternehmenszentrale der Axa in Paris | © Imago Images / Depositphotos
Unternehmenszentrale der Axa in Paris. Bildquelle: Imago Images / Depositphotos

Land: Frankreich

Gesamtvermögen: 677 Milliarden US-Dollar