Shopping in Soho, New York Foto: imago images / Levine-Roberts

Vermögensverwalter gibt Entwarnung Die Angst vor Inflation ist übertrieben

Gemüse, Benzin, Heizöl oder auch die Verwaltungsgebühren – fast überall müssen die Verbraucher plötzlich tiefer in die Tasche greifen. Und jetzt kündigt Aldi mitten in der Grillsaison auch noch an, künftig Billigfleisch aus den Tiefkühlregalen zu nehmen. Das soll allerdings erst 2025 passieren. Zwar gilt es nicht erst seit heute, dass sich die die Anleger um den Anstieg der Konsumentenpreise sorgen. Doch die anziehende Inflation ist sicherlich als eins der größten Risiken für die Aktienmärkte anzusehen. Nach einer Analyse der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs wird es dann brenzlich, wenn die Teuerungsrate auf mehr als 3 Prozent steigt und sich weiter erhöht. Das gilt vor allem dann, wenn der Preisanstieg mit hohem Tempo erfolgt.

Und genau das ist derzeit der Fall. In den USA ist die Inflation im Mai auf satte 5 Prozent geklettert. Das ist der höchste Wert seit fast 13 Jahren. Und in Deutschland belief sich die Inflationsrate ebenfalls im Mai auf 2,5 Prozent und steht damit kurz vor der kritischen 3-Prozent-Marke. Die Deutsche Bundesbank prognostiziert, dass diese im weiteren Jahresverlauf wahrscheinlich nach oben durchbrochen wird. Die Geldentwertung ist sowohl in den USA als auch in Deutschland so hoch wie schon lange nicht mehr.

Der Anstieg verlief darüber hinaus in einem sehr kurzen Zeitraum. Die Inflationsrate belief sich in den USA noch im Januar auf 1,4 Prozent und hat sich somit in gerade einmal vier Monaten mehr als verdreifacht. In Deutschland waren die Verbraucherpreise im Dezember sogar noch um 0,3 Prozent gefallen, bevor sie jetzt auf den höchsten Stand seit September 2011 geklettert sind.

Die Ursachen der Inflation sind entscheidend

Anleger sollten jedoch nicht nur auf die Teuerungsrate selbst und deren Anstiegstempo achten, sondern auch auf die Ursachen, die für eine höhere Geldentwertung sorgen. Denn von ihnen hängt es ab, ob sich die Inflation dauerhaft auf einem höheren Niveau bewegt oder ob sie von vorübergehender Natur ist. In diesem Fall können Anleger – bildlich ausgedrückt – durch den Inflationsberg auf ein künftig wieder entspannteres Umfeld durchblicken.

Eine wesentliche Ursache für die spürbar höhere Inflation sind vielfältige Basiseffekte. Das fängt beim Ölpreis an. Der Preis der Sorte Brent war im April des vergangenen Jahres auf ein Corona-bedingtes Tief von unter 20 Dollar pro Barrel gefallen. Volle Lager sorgten sogar dafür, dass Ölpreis der Sorte WTI zwischenzeitlich im negativen Terrain notierte. Es ist aber absehbar, dass sich der Effekt niedriger Vergleichspreise spätestens ab dem kommenden Jahr ausschleifen wird. Dann gelten die deutlich höheren Vergleichswerte aus diesem Jahr.

Solche Basiseffekte gibt es auch in anderen Bereichen – vor allem in den Sektoren, in denen durch die Pandemie im vergangenen Jahr die Nachfrage eingebrochen und die Preise damit spürbar gesunken waren. Das gilt zum Beispiel für Gebrauchtwagen. Heute steht hier eine hohe Nachfrage einer schwachen aus dem vergangenen Jahr gegenüber.

Nachholeffekte zeitlich begrenzt

Gleichzeitig haben die Verbraucher im vergangenen Jahr so viel Geld zur Seite gelegt wie schon lange nicht mehr. Angesichts geschlossener Geschäfte und Restaurants sowie starker Restriktionen bei den Urlaubsreisen blieb ihnen ja auch gar nichts anderes übrig. Das sorgt derzeit für entsprechende Nachholeffekte. Doch auch diese werden sich mit der Zeit wieder abbauen. Der Verbraucher, der dieses Jahr zwei Jeans kauft, weil er im vergangenen Jahr keine erworben hat, wird im kommenden Jahr wieder nur eine wie sonst üblich kaufen – um das einmal mit einem Beispiel zu verdeutlichen.

Außerdem ist zu erwarten, dass neue Virus-Mutationen wie die Delta-Variante in Richtung Herbst wieder für mehr Verunsicherung bei den Verbrauchern sorgen könnten. Gleichzeitig dürfte eine erhöhte Zahl bisher verschleppter Insolvenzen die Arbeitslosenzahlen steigen lassen, was ebenfalls den Konsum belasten würde.

Erfahrungsgemäß wird es an den Aktienmärkten immer dann kritisch, wenn die Leitzinsen steigen. Die amerikanische Notenbank Fed hat bereits angekündigt, dass es schon 2023 zu einer ersten Leitzinserhöhung kommen könnte und damit deutlich früher als von den Finanzmärken erwartet. Trotzdem käme ein entsprechender Schritt frühstens in eineinhalb Jahren. Die Börsianer schauen zwar immer zeitlich voraus, aber meistens doch nicht so lang.

Generell dürfte angesichts der stark gestiegenen Staatsschulden bei den Notenbankern die Hemmung hoch sein, an der Zinsschraube zu drehen. Außerdem müssen die Geldhüter befürchten, durch Zinsanhebungen die wirtschaftliche Erholung abzuwürgen. Schließlich kommt den Notenbanken eine etwas höhere Inflation durchaus gelegen, weil dadurch die realen Staatsschulden sinken könnten.

Derzeit sieht es also eher danach aus, als gäbe es einen Inflationsberg und nicht ein dauerhaft höheres Niveau bei der Geldentwertung. In diesem Umfeld könnten die Aktienkurse an einer Wand aus Vorsicht durchaus weiter steigen.

Über den Autor: Mark-Uwe Falkenhain verfügt über insgesamt 30 Jahre Berufserfahrung bei der Beratung vermögender Privat- und Geschäftskunden. Nach verschiedenen Stationen bei deutschen und internationalen Großbanken ist er bei Geneon seit zwölf Jahren als Vorstand tätig.

 

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