Die Entwicklung und Markteinführung eines Medikaments wird oft mit einem Marathonlauf verglichen, denn vom Beginn der Forschung bis zur Zulassung können schnell viele Jahre vergehen. Crispr Therapeutics hat diesen Marathon in Rekordzeit geschafft. Rund drei Jahre nach der Verleihung des Nobelpreises für Chemie an Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier für ihre Grundlagenforschung an der Genschere Crispr/Cas9 hat das Firmenduo Crispr Therapeutics und Vertex Pharmaceuticals die erste Zulassung für eine Therapie auf Basis der Genom-Editierung in der Tasche. Das Massachusetts Institute of Technology bezeichnete diese Anwendung als die möglicherweise bedeutenste Methode der Genveränderung seit Beginn der Biotechnologie in den 1970er Jahren. Sie funktioniert in allen Zelltypen, von Bakterien über Pilze und Pflanzen bis hin zu Tieren und Menschen.
Ein Beispiel für eine erfolgreiche Anwendung von Crispr/Cas ist die Entwicklung von resistenten Bananen, gegen eine tödliche Pilzkrankheit, die als Panama-Krankheit bekannt ist. Diese Krankheit bedroht die weltweite Bananenproduktion und es gibt keine wirksame Behandlung. Forscher haben mit Hilfe von Crispr/Cas ein Gen aus einer wilden Bananenart in die kommerzielle Bananensorte Cavendish übertragen. Das Gen macht die Bananen widerstandsfähiger gegen den Pilz.
Gegenwärtige Trends im Biotech-Sektor
Der Aktienkurs von Crispr Therapeutics stieg zwischen Oktober und Dezember um mehr als 60 Prozent. Die Aktie von Vertex Pharmaceuticals legte in sechs Monaten immerhin um fast 30 Prozent zu. Vertex Pharmaceuticals hat sich in den vergangenen Jahren als unangefochtener Marktführer bei Mukoviszidose-Medikamenten etabliert. Den nächsten Durchbruch plant das Unternehmen mit einer neuartigen Schmerzpille gegen Akutschmerzen, der Substanz VX-548.
Wie schnell die Kurse im Gesundheitssektor bei entsprechenden Meilensteinen steigen können, zeigte zuletzt die Aktie von Novo Nordisk, die zu den spannendsten Werten am europäischen Aktienmarkt zählt. Der Hersteller der Schlankheitsspritze Wegovy ist so viel wert wie kein anderes europäisches Unternehmen an der Börse. Seit der ersten Zulassung vor zwei Jahren hat sich die Abnehmspritze zu einem Riesenerfolg für Novo Nordisk entwickelt. Die Aktie ist in drei Jahren um 230 Prozent gestiegen.
Als Kurstreiber erweisen sich auch immer wieder Übernahmen (M&A). Im Biotech-Sektor sind sie die Regel, denn die großen Pharmaunternehmen brauchen ständig neue Innovationen, um ihre Umsätze zu sichern. Viele ihrer Patente laufen aus und sie müssen sich gegen die Generikakonkurrenz behaupten. Die Entwicklung neuer Medikamente ist aber sehr teuer, langwierig und riskant. Deshalb kaufen sie lieber kleinere Biotech-Unternehmen, die bereits über vielversprechende Produkte oder Technologien verfügen. Besonders gefragt sind Biotech-Firmen, die sich auf seltene Krankheiten spezialisieren, da diese oft staatlich gefördert werden und von den geplanten Preissenkungen in den USA ausgenommen sind.
Auf der jährlichen Healthcare-Konferenz der US-Bank J.P. Morgan, die kürzlich in San Francisco stattfand, wurde neben den aktuellen Trends für die kommenden Monate und Jahre vor allem das Thema Fusionen und M&A diskutiert. Nach zuletzt schwachen Jahren nehmen die Aktivitäten seit der zweiten Jahreshälfte 2023 wieder deutlich zu. Von den zehn größten M&A-Deals des Jahres fanden sechs im vergangenen Quartal statt, vier davon in den letzten sechs Wochen des abgelaufenen Jahres. Allein die beiden US-Schwergewichte Bristol-Myers Squibb und AbbVie tätigten laut Euro am Sonntag Übernahmen im Gesamtwert von knapp 37 Milliarden US-Dollar.
Milliarden-Deals voraus
Ein schnelles Ende dieses Trends ist auch 2024 nicht abzusehen: Rund 1,37 Billionen Dollar stehen den 25 größten Pharmakonzernen für Deals zur Verfügung, schätzt die Unternehmensberatung EY. Einige Pharmakonzerne haben bereits zugeschlagen. So hat der Pharmariese Johnson & Johnson für zwei Milliarden Dollar die Firma Ambrx übernommen, die sich auf die Entwicklung von Krebsmedikamenten spezialisiert hat. Dem Schweizer Konzern Novartis wird die Übernahme des Biotech-Unternehmens Cytonetics nachgesagt.
Die Healthcare-Spezialisten der amerikanischen Investmentbank Stifel mutmaßten kürzlich, dass nach zwei technologiegetriebenen Jahrzehnten nun eine Periode bevorsteht, die von den Biowissenschaften geprägt sein wird. Auch andere Experten teilen diese optimistische Einschätzung. Julia Angeles, Managerin des Baillie Gifford Health Innovation Fund, zeigt sich aufgrund der jüngsten Erfolge, insbesondere auf dem Gebiet mRNA und Crispr/Cas, zuversichtlich. Diese Technologien hätten in extrem kurzer Zeit zu den ersten zugelassenen Medikamenten geführt, die auf völlig neuen Ansätzen basieren.
Zudem könnte sich mit dem Erreichen des Zinsgipfels und möglicherweise bevorstehenden Zinssenkungen das Sentiment weiter verbessern. Die stark kapitalintensiven Biotech-Unternehmen waren in der Vergangenheit von steigenden Zinsen besonders betroffen, da diese die Bewertung zukünftiger Cashflows beeinflussen und damit den Unternehmenswert mindern können. Michael Reuss, Anlagespezialist bei HRK Lunis, sieht daher die potenziellen Gewinner im Jahr 2024 in den Aktien, die im vergangenen Jahr hinterherhinkten, insbesondere in der Pharma- und Biotechnologiebranche.
Breit gestreut investieren
Wer langfristig vom Potenzial profitieren will, kann die aktuelle Schwäche zum Einstieg nutzen. Da Berg- und Talfahrten für Pharma- und Biotechwerte nicht untypisch sind und Privatanleger die spezifischen Entwicklungen der Branche kaum vorhersehen können, ist es sinnvoll, breit in eine Vielzahl aussichtsreicher Biotech-Unternehmen zu investieren. Dadurch sollte sich auch der eine oder andere Flop im Sektor nur marginal auf die Performance auswirken. Einerseits bieten sich ETFs an, wie der Invesco Nasdaq Biotech ETF, der iShares Nasdaq US Biotechnology ETF und der L&G Pharma Breakthrough ETF. Die Indextracker enthalten eine Vielzahl von Titeln und ermöglichen es den Anlegern, auf die Marktrendite zu vertrauen.
Aktiv verwaltete Fonds haben hingegen den Vorteil, dass Fondsmanager in direktem Kontakt mit den Unternehmen stehen und besser beurteilen können, wie vielversprechend einzelne Medikamente sind. Allerdings müssen sie auch höhere Gebühren überkompensieren und unterliegen Restriktionen, wie beispielsweise Ucits-Richtlinien, die keine zu großen Einzelpositionen erlauben. Es kann daher vorkommen, dass gewinnträchtige Titel ohne fundamentale Gründe abgestoßen werden müssen.
Wer sein Risiko sehr breit über den gesamten Gesundheitssektor streuen möchte, greift zu Gesundheitsfonds, die neben dem Biotech-Sektor auch defensivere Marktsegmente wie Medizintechnik oder Gesundheitsdienstleister berücksichtigen. Hier haben sich beispielsweise der Janus Henderson Global Lifesciences oder der AB International Healthcare bewährt (siehe Chart oben).
Die folgende Klickstrecke zeigt die zehn erfolgreichsten Biotech-Fonds der zurückliegenden zehn Jahre. Der renditestärkste Fonds konnte seinen Wert in diesem Zeitraum mit einem Plus von 316 Prozent mehr als verdreifachen und liegt über 130 Prozentpunkte vor dem zweitplatzierten Fonds.

