Die drohende Rezession hängt wie ein Damoklesschwert über den Börsen und hat das Zeug, die gute Stimmung zu verderben. Das Wirtschaftswachstum ist mau, die Inflation noch nicht unter Kontrolle, die Finanzstabilität fragil. Doch die Börsianer scheint das alles nicht zu stören. Die Aktienmärkte steigen und steigen. Der Juli zählt ohnehin zu den traditionell starken Börsenmonaten. Seit 1928 hat der amerikanische S&P 500 im Schnitt um 1,15 Prozent zugelegt. In diesem Jahr legte der Index, der die 500 größten US-Unternehmen abbildet, sogar noch einen drauf und notiert rund 3 Prozent höher als vor einem Monat. Für das laufende Jahr summiert sich das Plus auf 19 Prozent. Etwas schwächer verlief die Entwicklung des deutschen Leitindex Dax, der um 2 Prozent zulegte und rund 16 Prozent über dem Niveau von Anfang Januar notiert. Der japanische Nikkei 225 liegt leicht mit 0,4 Prozent im Plus. Seit Jahresbeginn stieg das Barometer um 26 Prozent.
Der Angst- und Gier-Index von CNN-Money, der die Stimmung der Investoren an den Märkten misst, zeigt seit Wochen extreme Gier an. Selbst die stets düsteren Prognosen von Nouriel Roubini klangen schon beängstigender. Der als Crash-Prophet verschriene US-Ökonom hatte vor einem Jahr einen Absturz der Märkte um 50 Prozent vorausgesagt – wegen der stagflationären Tendenzen. Die Schuldenkrise drohe schlimmer zu werden als in den siebziger Jahren. Ein Jahr später erwartet Roubini nur noch eine milde Rezession.
Fear & Greed Index: Investoren zeigen extreme Gier
Signale für kommende Entwicklungen: Rückgänge in Ifo-Index und Einkaufsmanagerindizes deuten auf Eintrübung hin
Aber wie passt das alles zusammen? Spielen die Börsen verrückt? Keineswegs, wenn man den Märkten die eine oder andere irrationale Übertreibung nachsieht. Vielmehr folgen die Finanzmärkte ihrer eigenen Logik. Das Sprichwort „An der Börse wird die Zukunft gehandelt“ ist keine hohle Floskel, sondern entscheidend für deren Verständnis. Um die Frage zu beantworten, wie sich eine Volkswirtschaft entwickeln wird, schauen Börsianer auf Vorlaufindikatoren wie Einzelhandelsumsätze, Gewinnerwartungen oder Lagerbestände.
„Im Fahrwasser der im ersten Halbjahr gestiegenen Frühindikatoren wie der Ifo-Index oder die Einkaufsmanagerindizes im Dienstleistungssektor haben sich auch die Gewinntrends an den Aktienmärkten positiv entwickelt. Lieferengpässe haben sich entspannt, Energiepreise sind wieder gefallen, China hat die strengen Covid-Regeln gelockert und viele Unternehmen haben ihre hohen Auftragsbestände stetig abgearbeitet“, berichtet Andreas Hürkamp, Aktienmarktstratege der Commerzbank.
Zudem haben die Unternehmensgewinne im ersten Halbjahr 2023 positiv überrascht. Die jüngsten Rückgänge des Ifo-Index und der Einkaufsmanagerindizes werden von den Commerzbank-Experten jedoch als Signale gewertet, dass sich die Gewinnaussichten der Unternehmen eintrüben werden. Gewinnwarnungen gab es beispielsweise aus der deutschen Chemieindustrie. Vor dem Hintergrund der Gewinnrevisionen rechnen sie für die kommenden Monate mit einer Konsolidierung an den Aktienmärkten.
Suche nach Rendite: Warum die Aktienmärkte trotz Zinswende florieren
Nadine Heemann, Portfoliomanagerin des FU Multi Asset Fonds sieht die Gründe für die anhaltende Rally an den Aktienmärkten darin, dass es trotz der Zinswende schlicht an renditestarken Anlagealternativen fehle. Im Interview mit dem Fernsehsender N-TV sagt sie: „Wer heute sein Geld für zwei oder zweieinhalb Prozent auf einem Festgeldkonto parkt, macht nach Abzug der Inflationsrate ein Minusgeschäft. Wer stattdessen in Unternehmen investiert, die ihre Preise erhöhen und damit ihre Gewinne stabil halten oder steigern können, profitiert von einer Art Inflationsausgleich, den Anleger auf dem Sparkonto nicht bekommen. Wer zu Beginn des Jahres Aktien gekauft hat: Der hat einen schönen Gewinn gemacht. Warum sollte er sie jetzt am Hochpunkt abstoßen, wenn es so aussieht das die Rally weitergehen könnte?“
Die Expertin der Berliner Vermögensverwaltung rät jedoch, Investments breit zu streuen und auch mal über den Tellerrand zu schauen, mit Blick auf die Wachstumsprognosen des IWF gerne auch in Schwellenländer wie China oder Indien, aber auch in die USA oder Japan. Im FU-Multi Asset Fonds setzt Heemann vor allem auf Aktien, die derzeit zu 45 Prozent aus den Vereinigten Staaten kommen. Größter Wert ist der Chiphersteller Nvidia mit einer Gewichtung von 5 Prozent. Rund 1,1 Prozent legte der dynamische Mischfonds auf Monatssicht zu. Über zehn Jahre hat sich der Fondspreis fast verdoppelt, während der Vergleichssektor nur um 60 Prozent zulegte.
Techwerte verantwortlich für Großteil der Index-Performance
Der Juli war vor allem durch große Unterschiede zwischen den einzelnen Titeln in den großen Indizes geprägt. Während Mega-Cap-Tech-Werte wie Microsoft oder Nvidia vom Hype um künstliche Intelligenz profitierten, schnitten die übrigen Titel vergleichsweise schlechter ab.
Die 15 größten Aktien des bei ETF-Käufern so beliebten MSCI World Index sind in diesem Jahr für 69 Prozent der Performance verantwortlich. Die restlichen 1.497 machen den Rest aus, weiß Kapitalmarktstratege Stefan Risse von Acatis und warnt: „Wird die Aufwärtsentwicklung eines Aktienmarktes nur noch von wenigen Werten getragen, folgt absehbar eine Schwäche des Gesamtmarktes. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn es in nächster Zeit zu einem größeren Rückschlag kommt“, so Risse. Hinzu kommt, dass viele Technologiewerte von der KI-Fantasie getrieben wurden, die erst noch beweisen muss, dass sie gerechtfertigt ist.
Die Top-Fonds des Monats Juli haben sich im Vergleich zu den Top-Performern des Gesamtjahres kaum verändert. Sie investieren vor allem in Technologie und Blockchain. Stellvertretend seien hier der aktiv gemanagte Bit Global Crypto Leaders und der Wisdom Tree Blockchain Ucits ETF genannt, die auf Monatssicht gut 25 Prozent zulegen konnten. Ob sich die Aufwärtsbewegung der Blockchain-Themenprodukte in den kommenden Monaten in diesem Tempo fortsetzen wird, darüber lässt sich bekanntlich nur spekulieren.
Stimmung im Kryptosektor gedämpft: Bitcoin-Schwäche und ETF-Verzögerungen belasten
Fakt ist: Der Bitcoin zeigte zuletzt Schwäche, nachdem er lange Zeit über der Marke von 30.000 Dollar und damit nahe am Jahreshoch notierte. Aktuell pendelt die Digitalwährung um die Marke von 29.000 Dollar und liegt auf Monatssicht mit knapp 5 Prozent im Minus. Die Euphorie um die geplanten Bitcoin-ETFs ist vorerst verflogen. Die Genehmigung der Anträge durch die US-Börsenaufsicht zieht zunächst ein weiteres, langwieriges Prüfverfahren nach sich. Dass einem solchen ETF nun keine Stolpersteine mehr im Weg stehen, sollte aber keinesfalls so verstanden werden. Das scheint mittlerweile auch bei den Anlegern angekommen zu sein.
Krypto-Fans sehen hingegen Potenzial für eine weitere Rallye durch das Halving, das im ersten Halbjahr 2024 stattfinden soll. Dann wird die Belohnung für Miner und damit die Anzahl der geschürften Bitcoins von derzeit 900 auf 450 pro Tag halbiert.
Ausgewählete Indizes im Überblick:
| Index | Entwicklung im Juli | Entwicklung 1 Jahr |
| MSCI World | 2,3 Prozent | 5,5 Prozent |
| MSCI Emerging Markets | 5,2 Prozent | 0,5 Prozent |
| S&P 500 | 2,5 Prozent | 5,1 Prozent |
| Dax | 2,0 Prozent | 22,2 Prozent |
| M-Dax | 4,4 Prozent | 5,4 Prozent |
| MSCI Turkey | 18,0 Prozent | 72,0 Prozent |
| S&P China 500 | 6,5 Prozent | -12,3 Prozent |
| Nasdaq 100 | 3,1 Prozent | 14,2 Prozent |
| Nikkei 225 | 0,5 Prozent | 6,0 Prozent |

