DAS-INVESTMENT-Redakteur Andreas Harms Foto: Nadine Rehmann

Aktien-Einsteiger aufgepasst

Die Börsen-Scharlatane sind wieder unterwegs

Es ist Jahreswechsel, und wieder läuft das übliche Programm: Wollen Sie nicht mit dem Rauchen aufhören? Wollen Sie nicht ein bisschen abnehmen? Vielleicht etwas mehr Sport? Und suchen Sie sich doch endlich mal einen Partner! Vielleicht sogar einen, der sich selbst für elitär hält. Ungefähr einen Monat lang werden uns diese Werbesprüche noch traktieren, dann haben wir endlich wieder elf Monate lang Ruhe.

Auch in Sachen Geldanlage kriechen die Scharlatane wieder aus den Löchern. „Diese 7 Aktien werden steigen“ verspricht mir eine Anzeige auf einem Finanzportal. Hinter dem Link verbirgt sich immerhin kein Trojaner, sondern der Brief des alten Börsengrummlers Michael Mross.

Ein anderes Portal vermeldet „3 Top-Wachstumsaktien aus Europa“. Um schon mal zu petzen: Es sind ein Online-Zahlungsdienstleister (erinnert das jemanden an etwas ganz Bestimmtes?), ein Online-Glücksspiel-Anbieter (!) und der Essenbringdienst Delivery Hero. Und das alles ist auch noch ernst gemeint.

Nun haben Corona-Krise und Nullzinsniveau dafür gesorgt, dass sich tatsächlich einige Menschen erstmals mit Aktien befassen. Das ist auch gut so, denn Aktien sind grundsätzliche eine gute Sache und eine prima Geldanlage. Doch Neueinsteiger sind extrem gefährdet, auf solche vermeintlich brandheißen Tipps hereinzufallen.

Auch ich war vor langer und leider auch gar nicht so langer Zeit noch sehr anfällig dafür. Auch ich dachte, ich könnte die richtigen Aktien erwischen und sei schlauer als der Markt. Der Hightech-Crash ab dem Jahr 2000 belehrte mich sehr unnachgiebig eines Besseren (Stichwort: EM.TV), ebenso wie die Finanzkrise 2008. Das ist nichts, wofür ich mich schämen müsste, denn ich war ganz sicher keine Ausnahme. Ich habe aber daraus ein paar Dinge gelernt, die ich Einsteigern gern weitergeben möchte (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Durch diese Grundsätze werden Aktien vom Spekulations- zum Anlageobjekt:

  1. Niemand weiß ganz genau, welche Aktien wann steigen werden
  2. Wachstum ist nicht alles. Unternehmen müssen auch profitabel sein
  3. Und selbst wenn das Unternehmen profitabel arbeitet, sollte die Aktie auch günstig sein. Dabei helfen noch immer solche Kennzahlen wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Buchwert-Verhältnis und Kurs-Cashflow-Verhältnis
  4. Der wichtigste Faktor für die Aktienanlage ist Zeit. Und zwar nicht Monate, sondern Jahre
  5. Ein Aktienfonds ist für Normalo-Anleger im Vergleich zu einzelnen Aktien die bessere Wahl. Ob das ein aktiver oder ein passiver Fonds (also ein ETF) ist, ist Geschmackssache
  6. Mehrere Fonds sind besser als ein einziger Fonds
  7. Es ist selten bis nie eine gute Idee, durch geschicktes Aus-, Ein-, Aus- und wieder Einsteigen den Markt schlagen zu wollen. Lieber einen langen Atem mitbringen (Grundsatz Nummer 4) und einmal im Jahr (ich mache das im März) die ursprüngliche Depot-Struktur wiederherstellen (Rebalancieren)
  8. Man muss die Börse nicht jeden Tag verfolgen, um Geld in Aktienfonds anzulegen. Das macht nur nervös. Man sollte aber wissen, was für Produkte man hat und welchen Ansatz sie grundsätzlich fahren

Wer diese Grundsätze beherzigt, wird im kommenden Jahr und den folgenden Jahren keine großen Probleme mit der Börse haben. In diesem Sinne: Kommen Sie gut rein und auf ein gutes, gesundes und schönes neues Jahr!

Mehr zum Thema
Kommentar zu Delivery Hero im DaxLieber Baumarkt als Essen auf Rädern Grundsätzlich geringe MargenDie wahre Substanz von Delivery Hero Wachtendorf-KolumneDrei Lehren aus einem völlig verrückten Halbjahr