Die Debütanten

Immer mehr Vermögensverwalter legen erstmals eigene Fonds auf. Damit wollen sie bestehende Depotkunden vor der Abgeltungssteuer schützen. Experten zufolge sind jedoch längst nicht alle neuen Angebote eine Empfehlung wert 


Als der Gesetzgeber 1998 in Deutschland Dachfonds zuließ, nutzten viele Vermögensverwalter die Gunst der Stunde und legten erstmals eigene Fonds auf. Einer der Debütanten damals: Eckhard Sauren, heute einer der bekanntesten und erfolgreichsten Dachfondsmanager der Republik. Andere bewiesen weniger Geschick: Manche Vermögensverwalter-Fonds, deren Manager um die Jahrtausendwende zu sehr auf steigende Börsen vertrauten, sind mittlerweile längst wieder geschlossen oder verwalten Volumina von weniger als 10 Millionen Euro.  

Nun rollt die nächste Welle. Allein zwischen Anfang August und Mitte Oktober debütierten sieben unabhängige Vermögensverwalter und zwei Maklerpools mit eigenen Fonds. Weitere Premieren stehen bevor: Allein über die Gesellschaft Frankfurt-Trust will etwa ein Dutzend Verwalter bis zum Jahresende erstmals eigene Fonds auflegen. Konkurrrent Universal-Investment hat für diesen Zeitraum noch mehr Erstlingswerke in der Pipeline.  

Lutz Gebser hat für den neuen Trend eine einfache Erklärung. „Das ist eine Abgeltungssteuer-Umgehungsstrategie“, sagt der Vorsitzende des Verbandes unabhängiger Vermögensverwalter Deutschland (VuV). Derzeit gibt es seiner Schätzung zufolge rund 200 Vermögensverwalter-Fonds in Deutschland. Der Grund für die plötzliche Zunahme: Ab Januar 2009 müssen Anleger sämtliche Erträge aus Kursgewinnen pauschal mit 25 Prozent versteuern – unabhängig von der Investitionsdauer. Gebser zufolge packen die Vermögensverwalter ihre bewährten Strategien nun in Fondshüllen, um ihre Kunden vor der Abgeltungssteuer zu schützen. Denn verkauft der Verwalter nach 2009 Wertpapiere innerhalb eines Kundendepots in der bisherigen Form, fallen bei Kursgewinnen Steuern an. Bei Umschichtungen innerhalb eines Fonds ist das erst beim Verkauf der Fondsanteile der Fall. Wer vor 2009 in einen Fonds investiert, muss Kursgewinne auch nach 2009 nicht versteuern. 

Von den Debütanten selbst kommen ähnliche Erklärungen.  „Ohne die Abgeltungssteuer hätten wir keinen eigenen Fonds aufgelegt“, sagt etwa Bernd Hashemian von der Kroos Vermögensverwaltung aus Münster. Seit Ende August managt er gemeinsam mit Georg Kroos den Aktien-Dachfonds Fondspicker Global UI von Universal-Investment. Das Portfolio besteht zu etwa drei Vierteln aus globalen Aktienfonds ohne besonderen Schwerpunkt, den Rest machen derzeit Schwellenländer- und Rohstofffonds aus.  

Neben der steuerlichen Änderung gibt es einen zweiten Grund für die zunehmende Verlagerung der Vermögensverwaltung in Fonds. So lassen sich auf diese Weise mit einer Transaktion gleichzeitig Umschichtungen in mehreren Kundendepots vornehmen – das erspart Zeit und Arbeit. Ulrich Keller, Geschäftsführer der Keller, Grunert, Nebeling Wertpapierberatung und Vermögensverwaltung: „Wenn ab November die Mifid-Beraterrichtlinie gilt, kommt mehr Verwaltungsaufwand auf uns zu. Da ist es gut, wenn wir bei den Transaktionen Zeit einsparen können.“ Daher haben Keller und seine beiden Kollegen aus dem hessischen Buseck ihr Standard-Vermögensverwaltungsdepot Anfang September über Universal-Investment in einen Fonds gegossen. Herausgekommen ist der flexible Mischfonds KGN Global UI. Damit kann das Trio je nach Marktlage ganz oder gar nicht in Aktien, Renten, den Geldmarkt, Derivate und Zielfonds anlegen. Der Aktienanteil soll im Schnitt 50 Prozent betragen.  

Mit Ausnahme des Fondspicker Global UI sind auch die übrigen Erstlingswerke flexible Mischfonds, die in verschiedene Anlageklassen investieren können. Neu ist dieser Ansatz nicht: „Das ist die ursprünglichste Form des Investmentfonds, quasi die Vermögensverwaltung des kleinen Mannes“, sagt Jens Wetter vom Analysehaus Feri. Bei der Umsetzung des flexiblen Ansatzes gibt es jedoch Unterschiede: Gerhard Meier und Günter Roidl von der R&M Vermögensverwaltung aus dem bayerischen Wackersdorf vertrauen beim RM Select Invest Global der Hansainvest ausschließlich auf Fonds. Dabei beschränkt sich die Doppelspitze auf die Gewichtung der Anlageklassen und der Regionen, die Auswahl der Branchen überlässt sie den Zielfondsmanagern. „Für die Bewertung der Branchen fehlen uns die nötigen Analysekapazitäten“, sagt Meier. Sein angestrebtes Portfolio besteht zu 60 Prozent aus Aktienfonds. Offene Immobilienfonds machen darin 20 Prozent aus, Rentenfonds und alternative Investments wie Zertifikate auf Hedge-Fonds je 10 Prozent. Damit spiegelt der Fonds das spekulativ ausgerichtete Strategie-Depot Dynamic der Vermögensverwaltung wider. Auch das Trio Keller, Grunert und Nebeling investiert mangels Kenntnis und Zeit nicht in Einzelwerte und spezielle Branchen.  

In Tino Friebes Portfolio hingegen kommen auch Branchenfonds. Der Schwabe sitzt mit seiner Vermögensverwaltung Die Fondsionäre in Holzgerlingen. Seit Anfang Oktober managt er den Die Fondsionäre – Global Invest UI, der nach dem Vorbild seines spekulativen Dynamik-Depots aus bis zu 10 Aktienfonds bestehen soll. Erscheint Friebe der Aktienmarkt unattraktiv, schichtet er ausschließlich in den Geldmarkt um. Rentenfonds und offene Immobilienfonds sind zwar theoretisch möglich, sollen in der Praxis aber keine Rolle spielen.  

Beim JS Premium Comfort UI bilden offene Immobilienfonds gemeinsam mit Wandelanleihenfonds dagegen das konservative Sicherheitsnetz. Die restlichen 75 Prozent steckt Manager Jürgen Selsam je nach Marktlage in andere Anlageklassen. Dabei hat er zunächst vor allem Fonds mit europäischem Schwerpunkt im Visier, Einzeltitel mischt er zu 5 bis 10 Prozent bei. Diese Strategie entspricht Selsams wachstumsorientiertem Kundendepot.  „Mit unserem Fonds investieren wir zu höchstens 10 Prozent in Zielfonds“, sagt dagegen Torsten Reidel. Er feierte Anfang Oktober gemeinsam mit Geschäftspartner Thomas Grüner sein Debüt als Fondsmanager. Das Duo der Rodenbacher Gruener Fisher Investments setzt lieber auf einzelne Aktien und Renten sowie Derivate. Dabei erhält es Unterstützung aus der Ferne: US-Milliardär und Vermögensverwalter Ken Fisher mischt als Dritter im Bunde bei den Anlageentscheidungen des Grüner Fisher Global UI mit.   

Aber nicht nur die kleinen, regionalen Vermögensverwalter versuchen sich als Fondsmanager. Auch Deutschlands größter Maklerpool BCA hat Mitte September erstmals eigene Fonds aufgelegt. Dabei handelt es sich um gemischte Dachfonds mit unterschiedlich hohen Aktienquoten: Beim Alpha Topselect Dynamic machen Aktienfonds rund 80 Prozent aus. Bei der Balance-Variante sind es 50 Prozent, beim Alpha Topselect Defensiv 30 Prozent. Manager aller drei Produkte ist BCA-Vorstand Michael Keilholz. Auch der Maklerpool Argentos, der Ende 2006 aus der BCA hervorgegangen ist, will es wissen: Gemeinsam mit Sauren hat er Mitte Oktober über die DWS zwei Dachfonds aufgelegt, die in erster Linie als Kernbausteine für Kundendepots gedacht sind. Dabei bestimmt Argentos die Gewichtung der Anlageklassen, während Sauren entsprechende Zielfonds auswählt.  

Alle Fonds-Debütanten haben seit mehreren Jahren Erfahrung im Portfoliomanagement: Keller, Grunert und Nebeling sind seit 1984 im Geschäft, Jürgen Selsam als jüngster Anbieter in der Gruppe ist seit 2002 dabei. Einen unabhängigen Leistungsnachweis über die Wertentwicklung seiner Kundendepots hat jedoch keiner der erwähnten Vermögensverwalter. Fünf von ihnen können immerhin Performance-Zahlen für die vergangenen Jahre liefern. „Aber wie soll man als Anleger sicher gehen, dass die Verwalter für diese Zahlen nicht nur die besten Kirschen herausgepickt haben“, gibt Feri-Analyst Wetter zu bedenken. Zudem reichen nur die Performance-Zahlen von Gruener Fisher Investments bis zum Beginn der Baisse-Phase im Jahr 2000 zurück. Bei den anderen Anbietern ist unklar, wie sie sich in Phasen übertriebener Euphorie oder stark fallender Kurse geschlagen haben.  

Thierry Feltgen zufolge ist außerdem nicht sicher, dass die Verwalter ihre bisherige Depotstrategie tatsächlich im Fonds umsetzen können. „Denn wer einen Fonds verwaltet, muss gewisse Einschränkungen beachten, die er vorher nicht hatte“, sagt der Analyst von Fund-Market, dem Fondsspezialisten der Banque du Luxembourg. Zum Beispiel dürfen offene Immobilienfonds in luxemburgischen Mischfonds höchstens 10 Prozent ausmachen.  

Thomas Portig, der das Fondsanalyse-Team bei HCM Capital Management leitet, sieht bei den neuen Fonds einen weiteren Nachteil: „Die Vermögensverwalter werden es mangels Bekanntheit schwer haben, ein ausreichendes Vermögen einzusammeln.“ Daher sei das Risiko groß, dass viele der Produkte mangels Volumen bald wieder vom Markt verschwinden. Ein Blick auf die bestehenden Vermögensverwalter-Fonds in Deutschland zeigt, dass 57 Prozent von ihnen weniger als 20 Millionen Euro Kapital haben. Im In Hinblick auf die Abgeltungssteuer sind Fondsauflösungen besonders problematisch. Denn wer extra vor 2009 investiert hat, um beim Verkauf der Anteile Steuern auf Kursgewinne zu umgehen, muss sich dann einen neuen Fonds suchen – und kommt damit nicht mehr um die Besteuerung herum.   

Portig gibt Anlegern zwei Kriterien mit auf den Weg, den Vermögensverwalter-Fonds erfüllen sollten: Erstens müssten die Manager als Vermögensverwalter mindestens 100 Millionen Euro für ihre Kunden betreuen – unter den Debütanten trifft das auf die BCA, Argentos, Gruener Fisher Investments und die Kroos Vermögensverwaltung zu. Zweitens sollten sie mindestens fünf Mitarbeiter im Portfoliomanagement beschäftigen. Dieses Kriterium erfüllen nur die BCA-Fonds. Ob sich die neuen Produkte dennoch behaupten können, bleibt abzuwarten.

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