Hans Christoph Binswanger

Hans Christoph Binswanger

„Die deutsche Wirtschaft wächst zu schnell“

DAS INVESTMENT.com: Deutschlands Wirtschaft wächst um 3,3 Prozent. Die „Bild“-Zeitung meldet Aufschwung XXL. Wir sind auf einem stabilen Wachstumspfad.

Hans Christoph Binswanger: Nein, überhaupt nicht. Die deutsche Wirtschaft wächst zu schnell. Ein mäßigeres Wachstum wäre besser.

DAS INVESTMENT.com: Wirtschaftswachstum ist aber doch einer der wichtigsten Indikatoren für Wohlstand. Je mehr davon, umso besser, heißt es seit eh und je. Was ist daran falsch?

Binswanger: Regierungen und Wirtschaftsforscher schielen immer nur auf das Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandindikator. Dabei weiß man längst, dass die Zahl wenig über den tatsächlichen Wohlstand einer Gesellschaft aussagt. Sie misst nur das, was man kaufen kann. Aber auch Dinge, die man nicht kaufen kann, bringen Wohlstand, wie eine intakte Natur, gute Nahrung, frische Luft. Diese Dinge müssen in den Begriff des Wohlstands mit einbezogen werden. Die Wachstumsversessenheit muss ein Ende haben.  

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DAS INVESTMENT.com: Und wenn wir so weiter machen?

Binswanger: Dann steuern wir direkt auf den ökologischen GAU zu und damit auf weitere viel schwerere Wirtschafts- und Finanzkrisen als die aktuelle. Die Staaten sind hoch verschuldet und können künftig keine großen Konjunkturpakete mehr schnüren. 

DAS INVESTMENT.com: Also lieber kein Wachstum?

Binswanger: Das nun wiederum auch nicht. Ohne Wachstum funktioniert das ganze System nicht. Firmen brauchen Geld – Eigen- oder Fremdkapital. Banken und Investoren sind aber nur bereit, Geld vorzuschießen, wenn das Risiko, das sie dabei eingehen, bezahlt wird. Darum muss der Unternehmenssektor in seiner Gesamtheit Gewinne machen. Und schon braucht man Wachstum. 

DAS INVESTMENT.com: Bitte erklären Sie das genauer.

Binswanger: Gibt es kein Wachstum, nehmen die Firmen im Schnitt genauso viel ein, wie sie für Löhne, Energie und Maschinen ausgegeben haben. Das eingesetzte Kapital wird nicht entlohnt. Es lohnt sich also nicht, zu investieren.

DAS INVESTMENT.com: Wie viel Wachstum braucht die Welt?

Binswanger: 1,8 Prozent pro Jahr, nach meinen Berechnungen. Angesichts eines weltweiten Wachstums von aktuell 5 Prozent ist das wenig. Aber so wie jetzt kann es nicht weitergehen. Europa, auch Deutschland, muss künftig ganz langsam wachsen, die Schwellenländer dürfen etwas schneller sein.

DAS INVESTMENT.com: Wie bremst man das Wachstum, ohne die Wirtschaft abzuwürgen?

Binswanger: Vor allem dürfen die Banken nicht mehr die Schaltzentrale der Wirtschaft sein. Aktuell können sie Geld schöpfen, so viel sie wollen. Künftig muss die Zentralbank wieder das Monopol auf die Kredit- und damit die Geldschöpfung haben. Und diese muss ihre Ziele erweitern: keine Inflation der Vermögenswerte und Aktien, keine Spekulationsblasen, und die Ressourcen unserer Erde dürfen nicht überbeansprucht werden. 

DAS INVESTMENT.com: Sie wollen die Banken entmachten? Ihrem ehemaligen Doktoranden Josef Ackermann dürfte das nicht gefallen.

Binswanger: Solange die Banken über das Tempo der Volkswirtschaft entscheiden, werden wir von einer Krise in die nächste stolpern. Ganz entmachten will ich die Banken aber nicht: Sie behalten ihre wichtige Handelsfunktion. Schließlich sammeln sie kleine Beträge und geben große weiter. Und sie machen kurzfristig investiertes Geld zu langfristigem. 

DAS INVESTMENT.com: Viele Firmen besorgen sich Geld über die Börse. Steigen die Gewinne, steigen die Kurse. Wie soll man das bremsen?

Binswanger: Die Aktiengesellschaft ist ein Produkt des 19. Jahrhunderts, wir müssen sie modernisieren. Mein Vorschlag: Ihr Kapital wird in Namensaktien und Inhaberaktien aufgeteilt. Erstere haben eine unendliche Laufzeit, werden aber nicht an der Börse gehandelt und dürfen außerbörslich frühestens nach drei Jahren verkauft werden. Die Inhaberaktien hingegen haben eine Laufzeit von 20 bis 30 Jahren und werden dann wieder zum ursprünglichen Kaufpreis zurückgenommen. Sie sind an der Börse handelbar.

DAS INVESTMENT.com: Ähnlich wie Anleihen.

Binswanger: Genau. Das würde Spekulationen deutlich verringern, die sinnlose Maximierung der Gewinne bremsen und künftige Wirtschafts- und Finanzkrisen verhindern.

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