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KPMG-Spezialist sagt „Die Distributed-Ledger-Technologie wird den Kapitalmarkt grundlegend verändern“

Finanzzentrum in Frankfurt
Finanzzentrum in Frankfurt: Eine neue Technologie wird die Finanzindustrie so gründlich umwälzen wie die Elektromobilität es mit der Autoindustrie getan hat, ist KPMG-Experte Jens Siebert überzeugt. | Foto: imago images/YAY Images

Vorbei sind die Zeiten, in denen sich ausschließlich Krypto-Enthusiasten für digitale Vermögenswerte (Digital Assets) interessiert haben. Banken (beispielsweise Dekabank, DZ Bank), Asset Manager (Union Investment, DWS, Hauck Aufhäuser Lampe) und Marktinfrastrukturanbieter (Deutsche Börse, Börse Stuttgart) bauen eigene Digital-Asset-Produktangebote auf und investieren signifikant in die neue Technologie. Auch Family Offices, Privatpersonen und institutionelle Investoren stehen digitalen Anlageformen zunehmend offen gegenüber.

Jens Siebert
Jens Siebert © KPMG/Jens Siebert

Digitale Assets basieren regelmäßig auf der sogenannten Distributed-Ledger-Technologie (DLT), also der gemeinsamen Führung von Vermögenswerten in einem geteilten Register. Damit bietet die DLT eine neue Grundlage, um Wertpapiere in gemeinsamen Kapitalmarktinfrastrukturen abzubilden. Während klassische Anleihen bei ihrer Begebung bisher in einer Globalurkunde verbrieft und anschließend im Effektengiro eingebucht werden, macht die DLT es möglich, programmierbare, tokenisierte Bonds zu begeben.

In diesen smarten und digitalen Wertpapieren wird der gesamte Lebenszyklus des Finanzinstruments abgebildet. Ereignisse, wie etwa Zinszahlungen, werden vollkommen automatisiert durchgeführt. Dadurch hat die DLT das Potenzial, bestehende Kapitalmarktinfrastrukturen so grundlegend zu transformieren wie einst der Elektroantrieb die Automobilbranche. Für die Finanzindustrie bringt diese Transformation große Chancen – aber auch gewisse Herausforderungen.

DLT: Potenzial erkannt, doch noch fehlt ein Pull-Effekt

Welches Potenzial in der DLT steckt, erkennen immer mehr Finanzmarktakteure. Zunächst waren es vorrangig Fintechs, die mutig vorangeschritten sind. Mittlerweile haben viele Banken in Deutschland angekündigt, Lizenzen und Produktlösungen für die Verwahrung und die Emission von digitalen Vermögenswerten aufzubauen, oder haben dies bereits getan.

Eine flächendeckende Umsetzung in Deutschland steht aber noch aus. Warum? Aus Sicht vieler Institute gibt es keine ausreichende Nachfrage und leistungsfähigen Handelsplätze. Es mangelt an Investoren und damit auch an Liquidität. Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist, dass es bislang keine einheitlichen Technologie-Standards gibt. E-Autos ließen sich zu Beginn auch nur schwer verkaufen, weil die Ladesäulen-Infrastruktur fehlte. Ebenso braucht es nun in der Finanzbranche eine gemeinsame, einheitliche Infrastruktur für digitale Vermögenswerte.

 

Um die Suche nach den geeigneten Standards und Normen zu beschleunigen, spielen Verbände und Institutionen wie etwa die Europäische Zentralbank, die Esma oder die EU-Kommission eine wichtige Rolle. Damit ist nicht gemeint, dass Marktstandards oder sogar Marktinfrastruktur hoheitlich bereitzustellen sind. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, einen Rahmen für Innovationen zu schaffen, in dem die Finanzbranche nach den besten privatwirtschaftlichen Lösungen suchen und ihnen zum Durchbruch verhelfen kann. Sobald gemeinsame Marktstandards und einheitliche Abwicklungswege für tokenisierte Wertpapiere gefunden sind, wird dies sowohl das Angebot wie auch die Nachfrage ankurbeln.

Hinzu kommt: Die Technologie ist noch immer recht neu und Best Practices für die Implementierung, an denen sich die Akteure orientieren können, bilden sich erst aus. Das verstärkt die eher zögerliche Haltung einiger Banken und Asset Manager zusätzlich.

Regulierung markiert Meilenstein für digitale Kapitalmärkte

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Eine klare Regulierung bildet die Grundlage für Innovation in der Finanzbranche. Der deutsche und der europäische Gesetzgeber haben hierbei für digitale Vermögenswerte in den letzten Jahren Pionierarbeit geleistet.

  • So hat die EU mit der Verordnung zum DLT Pilot Regime 2022 den Grundstein gelegt, um DLT-basierte Finanzmarktinfrastrukturen (Handelssysteme, Abwicklungssysteme) zu erproben.
  • Ergänzende Bestimmungen finden sich, je nach Art des digitalen Vermögenswertes, in unterschiedlichen Regelwerken: Für Wertpapiere, die auf einer DLT begeben werden, ist die Markets in Financial Instruments Directive II (Mifid II) maßgeblich. Sie wurde im Frühjahr 2023 erweitert und stellt nun klar, dass jedes Finanzinstrument im Sinne der Mifid II grundsätzlich auch mithilfe von Distributed Ledger Technologie emittiert werden kann.
  • Mit dem Gesetz zur Einführung von elektronischen Wertpapieren (eWPG) hat Deutschland die rechtliche Basis geschaffen, um klassische Inhaberschuldverschreibungen und Fondsanteile bereits jetzt als digitale Wertpapiere zu begeben.
  • Digitale Vermögenswerte, die keine DLT-Finanzinstrumente im Sinne der Mifid II sind, fallen unter die Vorgaben der ab 2024 geltenden europäischen Markets-in-Crypto-Assets-Verordnung (Mica).

DLT: Nicht den Anschluss verlieren

Der Aufbau der Voraussetzungen, um digitale Vermögenswerte künftig abzubilden und in das eigene Geschäftsmodell zu integrieren, erfordert von Finanzinstituten insbesondere zwei Dinge: Engagement und Ressourcen. Zu den Ressourcen zählen neben Kapital vor allem Know-how. Letzteres lässt sich zwar in gewissem Maße intern aufbauen. Dennoch werden Institute auch auf die Einstellung neuer, speziell ausgebildeter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen sein.

Finanzinstitute, die zu lange warten und sich nicht frühzeitig auf dem Markt positionieren, könnten als Zauderer wahrgenommen werden. Junge Talente und erfahrene Kompetenzträger entscheiden sich dann eher für die Häuser, die sie als Vorreiter wahrnehmen. Hier gilt: Wer zu spät einsteigt, wird es deutlich schwerer haben, die Transformation erfolgreich zu meistern. Mangelnde oder späte Entschlossenheit wirkt sich nicht nur negativ auf den Kompetenzaufbau in der eigenen Organisation aus, sondern kann auch schon heute negative Auswirkungen auf die Kundenbindung haben.

In einer im Oktober 2022 durchgeführten Umfrage unter mehr als 1.000 institutionellen Investoren weltweit durch den Asset Manager Fidelity gaben 81 Prozent der Befragten an, dass digitale Assets ein Bestandteil ihrer Investmentportfolien bilden sollten. Damit wird die Möglichkeit, digitale Vermögenswerte neben klassischen Financial und Real Assets prozessieren zu können, mehr und mehr zur Basiskompetenz an der Kundenschnittstelle. 

Damit der Einstieg in das neue Geschäftsfeld gelingt, sollte am Anfang eine kohärente strategische Positionierung stehen. „Digital Assets“ ist ein weit gefasster Begriff. Er reicht von Bitcoins bis zu tokenisierten Wertpapieren. Banken oder Asset Managern sollten daher zunächst eine klare geschäftspolitische Haltung gegenüber digitalen Vermögenswerten und insbesondere im Hinblick auf sogenannte Kryptowährungen (Bitcoin, Ether et cetera) finden.

Ausgehend von dieser klaren strategischen Positionierung erfolgt die Ableitung konkreter Anwendungsfälle und Leistungsangebote. Stehen diese fest, können sie im dritten Schritt den konkreten Veränderungsbedarf an ihrem Betriebsmodell ableiten und definieren, welche Kompetenzen und Infrastrukturen aufzubauen sind.

Klar ist also: Digitale Vermögenswerte und die zugrundeliegende DLT werden den Finanzmarkt grundlegend transformieren. Institute, die den neuen Möglichkeiten aufgeschlossen begegnen, können die eigene Zukunft und die der Branche aktiv mitgestalten.


Über den Autor:
Jens Siebert ist Partner im Bereich Financial Services Management Consulting und Spezialist für die Transformation von Geschäfts- und Betriebsmodellen von Banken, Asset Managern und Marktinfrastrukturanbietern. Darüber hinaus leitet er die Digital Assets Practice in Financial Services von KPMG Deutschland. 

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