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Aktualisiert am in VersicherungenLesedauer: 10 Minuten

Nach dem Hype Die größten Insurtechs Deutschlands – und ihr Erfolgsgeheimnis

Beratungsgespräch: Laut Wefox schließt Insurtech persönliche Beratung nicht aus.
Beratungsgespräch: Laut Wefox schließt Insurtech persönliche Beratung nicht aus. | Foto: Imago Images / Westend61

„Gründertum und warum Scheitern so wichtig ist“ – unter diesem Titel lädt Dominik Groenen Mitte Januar zu einem Treffen für potenzielle Start-up-Gründer in Hildesheim ein. Groenen muss es wissen. Schließlich hatte der geprüfte Versicherungsfachmann, der mehrere Projekte, darunter den Nischenversicherer und Finanzdienstleister Mass-Up, erfolgreich zum Laufen brachte, 2020 eine grandiose Bauchlandung hingelegt.

Es fing 2016 an. Zusammen mit John David Scharnofske rief Groenen mit Flypper einen digitalen Versicherer, auch Insurtech genannt, ins Leben. Ihr Projekt bezeichneten Scharnofske und Groenen selbstbewusst als „Versicherer der Zukunft“. Als Startdatum hatten die beiden Gründer das erste Quartal 2018 anvisiert. Bis dahin wollten sie nach eigenen Angaben 125 Millionen Euro von Geldgebern einsammeln.

Das grosse Fintech-Sterben

Doch nach den großen Ankündigungen wurde es immer ruhiger um Flypper. Im Januar 2020 kam dann das Aus: Groenen und Scharnofske gaben bekannt, nicht genügend Mittel eingesammelt zu haben.
Peter Loisel und Herbert Sedlmair, die Flypper leiten sollten, wechselten zum ebenfalls neu gegründeten Sachversicherer Selosc, der später in Scira umgenannt wurde. Doch auch dieses Projekt der Gothaer und der Flypper-Muttergesellschaft Scira Unternehmensberatung scheiterte: Noch bevor es zu einer Genehmigung der Finanzaufsicht Bafin kam, nahmen die beiden Gesellschaften den Gründungsantrag Anfang 2022 zurück.

Damit folgen Flypper und Selosc/Scira einem regelrechten Trend: dem großen Fintech- und Insurtech-Sterben, das auf den Gründungs-Hype folgte. So berichtete Michael Klüttgens, Leiter der Versicherungsberatung bei WTW Deutschland, im Jahr 2020 von insgesamt 184 Start-ups, die zwischen 2017 und 2020 den Geschäftsbetrieb einstellen mussten. Auf der anderen Seite wurden aber auch viele Start-ups gegründet. So zählte die Beratungsgesellschaft Capgemini im Jahr 2018 gerade einmal 120 Insurtechs in Deutschland. 2020 wuchs diese Zahl auf 160, 2022 waren es 155 Unternehmen.

Investorenliebling Wefox

Ein Beispiel für ein in der Finanzierung erfolgreiches Insurtech-Start-up ist Wefox. Das Unternehmen wurde 2015 unter der Marke Financefox von Julian Teicke, Dario Fazlic und Fabian Wesemann gegründet und 2017 in Wefox umbenannt. Nach zwei Jahren zählte das Insurtech bereits über 100.000 Endkunden. 2018 rief Wefox den digitalen Versicherer One Insurance ins Leben, der 2021 zu Wefox Insurance wurde.

Während Konkurrenten wie Flypper an der Finanzierung scheiterten, schaffte es Wefox immer wieder, neue Investorengelder einzusammeln. Nach einer größeren Finanzierungsrunde im Jahr 2019 wurde Wefox erstmals mit über einer Milliarde Euro bewertet und stieg damit als erstes deutsches Insurtech zu den sogenannten Einhörnern auf. Als Einhorn bezeichnet man Start-up-Unternehmen mit einer Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar oder Euro, deren Anteile nicht an einer Börse gehandelt werden. In den Jahren 2021 bis 2023 folgten mehrere weitere Finanzierungsrunden sowie ein Kredit der Großbanken JP Morgan und Barclays. Seit 2022 wird das Unternehmen mit 4,5 Milliarden US-Dollar bewertet. Sein Umsatz lag 2022 bei 580 Millionen US-Dollar. Heute bedient Wefox nach eigenen Angaben mehr als zwei Millionen Kunden in Österreich, Deutschland, Italien, Polen, den Niederlanden und der Schweiz.

Drei Gruppen von Marktteilnehmern

Eines hatten Wefox und Flypper gemeinsam: Beide Unternehmen wollten sich nicht ausschließlich auf den digitalen Versicherungsvertrieb beschränken, sondern ihre Kunden bei Bedarf auch ergänzend persönlich beraten. „Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass die Grundidee eines Insurtechs ausschließlich in der digitalen Abwicklung von Versicherungsgeschäften liegt“, erklärt Wefox-Deutschlandchef Günther Blaich. Man solle vielmehr digitale Effizienz und persönliche Beratung kombinieren.

Doch wenn es nicht um den rein digitalen Vertrieb versus persönliche Beratung geht, wo verläuft dann die Grenze zwischen einem Insurtech und einem herkömmlichen Versicherer? Capgemini hat hierfür eine klare Definition festgelegt. Demnach muss ein Insurtech einen Bezug zur Versicherungsbranche haben – entweder, indem es sich auf einen oder mehrere Teile der Versicherungswertschöpfungskette spezialisiert oder indem es die speziellen Probleme der Branche zu lösen versucht. Gleichzeitig ist auch der Tech-Teil entscheidend: Die Lösung des Insurtechs muss auf digitaler Technologie basieren. Und um dem Start-up-Charakter eines Insurtechs gerecht zu werden, betrachtet Capgemini nur solche Unternehmen als Insurtechs, die weniger als zehn Jahre alt sind.

Darüber hinaus teilt Capgemini Insurtechs je nach Geschäftsmodell in drei Gruppen auf. Die als Enabler bezeichneten Dienstleister versuchen, spezifische Herausforderungen von Versicherern zu meistern, zum Beispiel durch Zusatzleistungen, die sogenannten Add-On-Services an der Kundenschnittstelle. Die Distributoren agieren als Intermediatoren im Vertrieb zwischen Versicherer und Kunde. Vom digitalen Makler bis zur zielgruppenspezifischen Produktentwicklung nehmen sie dabei unterschiedlichste Rollen ein. Sie vereint jedoch ein Versicherungspartner im Hintergrund, der die Produkte in seine Bücher schreibt. Enabler machen laut Capgemini mit 47 Prozent den größten Anteil am Insurtech-Markt aus, dicht gefolgt von den Distributoren mit 46,5 Prozent.

Digitale Versicherer mit Bafin-Zulassung 

Insurtechs aus der dritten Gruppe, die die Capgemini-Forscher als Full Carrier bezeichnen, treten als digitale Versicherer mit Bafin-Zulassung in den direkten Wettbewerb zu den etablierten Versicherungsunternehmen. Sie decken alle wesentlichen Teile der Wertschöpfungskette ab. Der Versichererverband GDV unterscheidet dabei zwischen Insurtechs mit einer Bafin-Zulassung in Deutschland und Start-ups mit Sitz in einem anderen Land des europäischen Wirtschaftsraums, die ihr Geschäft in Deutschland betreiben. Zu den Letzteren zählen beispielweise die Wefox Insurance, die ihren Sitz in Liechtenstein hat, die Insurtech-Tochter der Baloise-Gruppe Friday Insurance mit Luxemburger Lizenz oder das US-Insurtech Lemonade, das das europäische Versicherungsgeschäft über eine Tochter in den Niederlanden betreibt.

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Eine Bafin-Zulassung in Deutschland haben Ottonova Krankenversicherung, Andsafe, Element Insurance, Neodigital Versicherung, Getsafe Insurance, Mailo und Luko Insurance. Luko Insurance wurde 2016 als Coya gegründet und 2022 vom französischen Insurtech Luko übernommen. 2023 meldete Luko Insolvenz an, seinen deutschen Kundenbestand übernahm Getsafe. Mailo schied 2022 aus dem Markt aus, sein Bestand wurde von Element Insurance übernommen.

Insurtechs haben mittlerweile ihren Schrecken als Jäger der Platzhirsche am deutschen Versicherungsmarkt verloren. Sie seien angetreten, um die Versicherungsbranche auf den Kopf zu stellen, heißt es im aktuellen Insurtech-Report von Capgemini. „Die Analyse der Geschäftsmodelle zeigt jedoch, dass es kaum Insurtechs gibt, die in direkte Konkurrenz zu etablierten Versicherern treten“, schreiben die Forscher. Nur wenige der Start-ups können es so wie Wefox mit den etablierten Unternehmen der Branche aufnehmen.

Open Insurance liegt im Trend

Die meisten sehen sich mittlerweile vielmehr als IT-Partner der etablierten Gesellschaften. Dies gilt nicht nur für Enabler und Distributoren: Auch bei Full-Carriern erkennen die Forscher eine erhöhte Tendenz zur Zusammenarbeit mit traditionellen Versicherern. 

Auch Insurtechs arbeiten immer häufiger mit anderen Insurtechs zusammen. „Die Kooperation verschiedener Insurtechs eröffnet den Zugang zu innovativen Ideen, Technologien und Lösungen, die im Alleingang möglicherweise nicht verfügbar wären“, heißt es beispielsweise in einer gemeinsamen Mitteilung von Hepster und Element Insurance, in der die beiden Start-ups Ende 2023 ihre Kooperation bekannt gaben. Die gemeinsame Nutzung von Technologieplattformen und Datenquellen steigere die Effizienz und reduziere Entwicklungskosten, so die Unternehmen.

Gleichzeitig könnten umfangreiche Datensätze unterschiedlicher Anbieter kombiniert werden, um fundiertere Einblicke in Risiken und Kundenverhalten zu erhalten, was zu genaueren Prämien und besseren Versicherungspaketen führe. In der Kooperation übernimmt Hepster sämtliche Produktfunktionen, während Element Insurance als Risikoträger agiert. Und auch Wefox strebt derzeit eine ähnliche Arbeitsteilung an. Nach massiven Verlusten, die im Geschäftsjahr 2022 bei 32,1 Millionen Euro lagen, will das Berliner Insurtech keine eigenen Policen mehr vertreiben. Das Unternehmen ließ viele Sachversicherungsverträge zum Jahresende 2023 auslaufen. Im Gegenzug gründete es einen Assekuradeur. Dieser übernimmt zwar die meisten Tätigkeiten eines traditionellen Versicherers, arbeitet jedoch mit einem Drittversicherer zusammen, der das Risiko absichert.

Mehr als 80 Prozent der Insurtechs mit kooperativem Geschäftsmodell 

Mittlerweile verfügen mehr als 80 Prozent der Insurtechs über ein kooperatives Geschäftsmodell gegenüber Versicherern und Maklern, heißt es von Capgemini. Unter dem Begriff „Affinity Insurance“ fassen die Forscher Insurtechs zusammen, die Versicherungen für andere Unternehmen und deren Produkte zur Verfügung stellen. Hierzu zählen vor allem die Trendthemen „Embedded Insurance“ und „White Label Insurance“. Eine Embedded Insurance ist eine Versicherungspolice, die in ein anderes Produkt oder eine andere Dienstleistung integriert ist. Als White-Label-Produkt bezeichnet man Policen, die unter dem Markennamen eines anderen Versicherers oder eines Versicherungsvermittlers im Markt angeboten werden. Aktuell verfügen laut Studie 30 Prozent der Full-Carrier und 19 Prozent der Distributoren über eine solche Angebotspalette.

Darüber hinaus bezeichnen die Capgemini-Forscher Open Insurance und API-Technologie als große Trends der kommenden Jahre. APIs (Application Programming Interfaces oder Programmierschnittstellen) sind Schnittstellen, die es unabhängigen Anwendungen ermöglichen, miteinander zu kommunizieren und Daten auszutauschen. Das Konzept von Open Insurance umfasst den Einsatz von API-Technologie und den Datenaustausch innerhalb der Versicherungsbranche.

Wachstum vor Gewinn

Neben Wefox zählen Friday, Neodigital, Clark, Getsafe und Schutzklick/Simplesurance, der mittlerweile von der Allianz übernommen wurde, zu den bekanntesten und erfolgreichsten Insurtechs in Deutschland. Doch trotz zum Teil hoher Umsätze schreibt kein einziges Insurtech in Deutschland schwarze Zahlen (Stand: Januar 2024). Das liegt laut Capgemini unter anderem daran, dass sich vor allem Insurtechs mit eigenem Produktangebot nach wie vor durch günstige Produkte von der Konkurrenz abgrenzen müssen.

„Die Großen der Szene wie Clark oder Wefox könnten dieses Jahr erstmals eine schwarze Null schreiben“, sagt Daniel Feyler. Feyler hat das Insurtech E-Primus mitgegründet und investiert als Business Angel in weitere Insurtechs. Die Verluste der Vergangenheit sieht Feyler relativ entspannt. „Wir dürfen nicht vergessen, dass es bis 2022 nicht wichtig war, Gewinne zu schreiben“, sagt er. In dynamischen Märkten sei Wachstum wichtiger als Gewinn – zu frühe Gewinne würden Wachstum kosten. „Wie in jeder Hype-Phase führte es aber natürlich auch bei Insurtechs dazu, dass viele schwache Player lange am Markt mitgeschleift wurden“, so Feyler weiter. Seit 2022 trenne sich nun die Spreu vom Weizen.

Ob ein Insurtech erfolgreich sein wird oder nicht, hängt laut Feyler vor allem vom Gründerteam ab. „Ich suche Unternehmertypen mit ‚Stallgeruch‘: Die Mehrzahl der großen Erfolgsgeschichten wurde von solchen Personen geschrieben“, sagt der Start-up-Finanzierer. Außerdem müsse laut Feyler die Team-Zusammensetzung stimmen: „In einem Technologie-Start-up sollte einer der Gründer Programmierer sein.“ Nur Wirtschaftswissenschaftler im Team seien keine gute Mischung. Die Zukunft sieht Feyler indes optimistisch: „Insurtechs, die die schwierigen Jahre ab 2022 überlebt haben oder in dieser Zeit gegründet wurden, haben aus meiner Sicht gute Aussichten auf Erfolg.“

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