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Anlage-Profi meint
Die Fed dürfte eine Zinspause einlegen
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Anlage-Profi meint Die Fed dürfte eine Zinspause einlegen

Jerome Powell bei einer Pressekonferenz in Washington
Jerome Powell bei einer Pressekonferenz in Washington: Der Fed-Chef hat die Inflation lange unterschätzt.

Das hat es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben: Die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) hat seit März vergangenen Jahres die Leitzinsen elf Mal auf zuletzt 5,25 bis 5,5 Prozent hochgeschraubt. Dabei ist weniger das absolute Niveau, sondern mehr das Rekordtempo bemerkenswert. Die Fed hat sogar den rekordverdächtigen Zinserhöhungszyklus von 2004 bis 2006 getoppt, bei dem sie die Leitzinsen auf immerhin 5,25 Prozent erhöht hatte.

Jerome Powell unterschätzt die Inflation

Fed-Chef Jerome Powell sah sich zum drastischen Anziehen der geldpolitischen Zügel gezwungen, weil er die Inflation gewissermaßen verschlafen und unterschätzt hatte. Lange Zeit hatten viele Marktteilnehmer und auch Geldpolitiker geglaubt, dass es sich bei der anziehenden Teuerungsrate um ein temporäres Phänomen handele, dass sich quasi von selbst wieder zurückbilden würde.

Bekannterweise hat Powell sich ziemlich geirrt. Jetzt könnte sich der amerikanische Notenbank-Chef mit seiner Einschätzung der Inflation erneut irren. Denn die Teuerungsrate ist in den Vereinigten Staaten im Sommer stärker zurückgegangen als von den meisten Marktteilnehmern und auch vielen Geldpolitikern erwartet.

 

Für ein weiteres Absinken spricht die sogenannte Breakeven-Inflationsrate. Die Kennzahl errechnet sich aus der Differenz der nominalen Rendite einer herkömmlichen Anleihe mit einer Laufzeit von fünf Jahren und der realen Rendite einer inflationsindexierten Anleihe desselben Emittenten. Die Breakeven-Inflationsrate gilt als sehr treffsicherer vorauslaufender Indikator für die amerikanische Geldentwertung. Zuletzt notierte sie knapp über der Marke von 2 Prozent und damit ziemlich genau in dem Bereich, den die amerikanische Notenbank anpeilt.

Der Arbeitsmarkt verliert an Dynamik

Es gibt auch fundamentale Entwicklungen, die für ein Nachlassen des Inflationsdrucks sprechen. Im Juli wurden in den USA außerhalb der Landwirtschaft nur noch 187.000 neue Stellen geschaffen. Das war spürbar weniger als erwartet. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten im Durchschnitt mit 196.000 neuen Jobs gerechnet. Schon im Juni hatten die 209.000 neu geschaffenen Arbeitsplätze unter den Erwartungen gelegen. Zum Vergleich: Im März lag die Zahl der neu geschaffenen Jobs bei 217.000 und im April bei 294.000.

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Gleichzeitig ließ das Lohnwachstum zuletzt nach. Das ist vor allem für den in den USA dominierenden Dienstleistungssektor von großer Bedeutung. Zwar betonte Powell immer wieder, dass die Notenbank an ihrer restriktiven Geldpolitik festhalten würde, bis die Inflation im Griff sei. Ob und wann noch eine weitere Zinserhöhung erfolgen könnte, ließ er allerdings offen. Vielmehr legt Powell Wert darauf, dass die Entscheidung datenabhängig sei.

 

Die Fed verfolgt also eher einen pragmatischen Kurs. Vor diesem Hintergrund scheint es eher wahrscheinlich, dass die Notenbanker in den kommenden Monaten erst einmal wieder eine Zinspause einlegen und abwarten, wie sich die Wirtschaftsdaten entwickeln. Die Fed hatte schon einmal im Juni die Leitzinsen unverändert gelassen bevor dann der nächste Zinsschritt im Juli erfolgte.

Zinserhöhungen wirken zeitversetzt

Natürlich wissen auch die amerikanischen Geldhüter, dass Leitzinserhöhungen circa neun Monate brauchen, bis sie in der Realwirtschaft ankommen. Die Fed begann ihren Zinserhöhungszyklus im März des vergangenen Jahres. Wenn man ein dreiviertel Jahr zurückrechnet, wirken sich bislang erst die bis Oktober getätigten Leitzinserhöhungen aus. Damals lagen sie noch bei 3 bis 3,25 Prozent. Die mehr als 2 Prozentpunkte, die dann noch Ende 2022 und in diesem Jahr folgten, haben die Wirtschaft also noch gar nicht erreicht. Und die Fed will bestimmt nicht die USA in eine Rezession zwingen.

Was ein Ende der Zinserhöhungen für die Finanzmärkte bedeutet, liegt ziemlich klar auf der Hand. An den Rentenmärkten dürfte das Top bei den Renditen mehr oder weniger erreicht sein. Hier ist also eher mit steigenden als mit fallenden Kursen zu rechnen. Gleichzeitig dürfte an den Aktienmärkten der Zinsdruck an Bedeutung verlieren. Anleger, die aufgrund ähnlich hoher Renditen von den risikoreicheren Aktien in risikolose US-Staatsanleihen wechseln wollten, dürften dies längst umgesetzt haben. Für eine Korrektur an der Wall Street müssten schon eine andere Entwicklung oder ein exogener Schock herhalten. Und für Gold hellen sich die Aussichten angesichts wahrscheinlich nicht weiter steigender Zinsen wieder auf.


Über den Autor: Michael Wittek leitet das Portfoliomanagement bei Albrecht, Kitta & Co. und ist für die Anlegestrategie der Vermögensverwaltung verantwortlich.

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