Jeremy Lawson, Chefvolkswirt bei Standard Life Investments.

Jeremy Lawson, Chefvolkswirt bei Standard Life Investments.

Die Finanzmärkte und der Faktor Arbeit

„Sinken die Lohnquoten weiter, könnten Firmen weitere Gewinne einfahren“

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In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich die Verteilung des Volkseinkommens in den Industriemärkten deutlich verschoben. Der Anteil des Arbeitseinkommens ist in den meisten OECD-Ländern stark gefallen, und die Einkommensunterschiede haben zugenommen. Dieser Trend war ein Segen für den Unternehmenssektor. Der Anteil der Unternehmensgewinne am Sozialprodukt ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das hat die Aktienkurse gestützt und natürlich den Reichtum derjenigen gefördert, die Aktien direkt oder indirekt, zum Beispiel über Pensionspläne, halten.

Für Investoren ist es daher wichtig zu wissen, ob dieser Trend anhält. Sinken die Lohnquoten weiter, können Firmen attraktive Gewinne einfahren, selbst wenn die Wirtschaft gar nicht wächst. Das würde die Aktienkurse weiter beflügeln. Würde sich der Trend hingegen drehen, der Anteil des Arbeitseinkommens also wieder anziehen, dann würden ohne Wirtschaftswachstum die Gewinnmargen dahin schmelzen und mit ihnen die Aktienkurse.

Ebenfalls entscheidend für Investoren ist die Entwicklung des Lohngefälles. Eine Untersuchung des Internationalen Währungsfonds hat ergeben, dass das zunehmende Auseinanderdriften der Arbeitseinkommen in den vergangenen Jahrzehnten das Wirtschaftswachstum gebremst hat.

Die Kehrseite des technologischen Fortschritts

Wie werden sich also der Anteil des Arbeitseinkommens und seine Verteilung künftig entwickeln? Hier sind verschiedene Faktoren zu betrachten. Einer davon ist der technologische Fortschritt. Gesunkene Kosten für Investitionsgüter haben Firmen ermutigt, menschliche Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen. Das hat den Anteil des Arbeitseinkommens sinken lassen.

Zudem dürfte der technologische Wandel die ungleiche Verteilung des Arbeitseinkommens verstärkt haben. Die Nachfrage nach hoch- sowie niedrigqualifizierten Arbeitskräften hat zugenommen – auf Kosten der Mitte. Die Arbeit von Beschäftigten mit durchschnittlichen Fähigkeiten, etwa die von Maschinenarbeitern oder gewisse Büroangestellten, können eher automatisiert werden. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen und das Lohngefälle verstärken.

Globalisierung am Wendepunkt

Ein weiterer zentraler Faktor ist die Globalisierung. Durch das Zusammenwachsen der Welt ist das Arbeitskraftangebot vor allem im niedrigen und mittleren Lohnsektor enorm gestiegen. Allein aus Asien stehen der Weltwirtschaft eine Milliarde Arbeiter zu günstigen Löhnen zur Verfügung. Das hat viele Unternehmen veranlasst, ihre Produktion in die Schwellenländer auszulagern.

Diese Entwicklung setzt sich jedoch nicht ungebremst fort. Zwar nimmt der Anteil der Emerging Markets am Welthandel weiter zu, in den vergangenen drei Jahren aber weniger dynamisch. Zudem sind in vielen Schwellenländern die Lohnkosten gestiegen, die Produktionsauslagerung verliert an Attraktivität. Setzt sich dieser Gegentrend fort, nimmt der Druck aus der Globalisierung auf das Arbeitseinkommen und seine Verteilung in den Industriemärkten ab.

Einflussfaktoren Lohn- und Steuerpolitik   

Weitere Faktoren sind die Lohn- und Steuerpolitik. Es gibt einerseits den Ruf nach deutlich höheren Mindestlöhnen in Großbritannien und den USA. Und Deutschland hat gerade den Mindestlohn eingeführt. Andererseits geht der Gesamttrend zu einer stärkeren Deregulierung des Arbeitsmarktes. In 28 der 32 OECD-Länder haben die Gewerkschaften in den vergangenen zehn Jahren an Einfluss verloren. Zudem ist die Verhandlungsmacht der Arbeiterschaft vom Konjunkturzyklus abhängig. In schlechten Zeiten mit höherer Arbeitslosigkeit ist es schwieriger, Lohnsteigerungen durchzusetzen.

Der gestiegene Anteil der Unternehmensgewinne ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass viele Länder die Unternehmenssteuern gesenkt haben, um die Wirtschaft zu stützen. Daneben ermöglicht es die Globalisierung Unternehmen, ihre Gewinne auf verschiedene Länder zu verteilen.

Regierungen müssen mit Bedacht handeln

Nimmt man alle Faktoren zusammen, erwarten wir, dass die wirtschaftliche Erholung in den meisten Staaten zu einem leichten Anstieg des Anteils des Arbeitseinkommens oder anders gesagt zu steigenden Löhnen führen wird. Dieser Anstieg wird aber sicherlich nicht die Einbußen der vergangenen Jahrzehnte ausgleichen können, und der Anteil der Unternehmensgewinne sollte kaum sinken.

Der Abwärtsdruck auf den Niedriglohnsektor durch die Globalisierung dürfte abnehmen, aber hochqualifizierte Arbeitskräfte profitieren im Gegenzug vom technologischen Fortschritt. Die Marktkräfte dürften daher nicht reichen, um der zunehmend ungleichen Verteilung der Arbeitseinkommen Einhalt zu bieten. Die Forderung nach politischem Eingreifen könnte laut werden. Die Regierungen sollten dann mit Bedacht handeln und Maßnahmen wählen, die einen doppelten Effekt haben: die ungleiche Verteilung zu mindern und das Wirtschaftswachstum zu fördern. Denn die Maßnahmen werden auch Einfluss auf die Kapitalmarkterträge und damit auf das Einkommen von Sparern und Rentnern haben.

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