Vertriebskosten machen einen erheblichen Anteil an den Kosten von Investmentfonds aus, doch wie hoch ist dieser Anteil eigentlich genau? Dieser Frage ist die europäische Wertpapieraufsichtsbehörde Esma nachgegangen. In ihrem aktuellen „Report on total costs of investing in UCITS and AIFs“ geben Esma-Autoren einen umfassenden Einblick in Vertriebs- und Kostenstrukturen europäischer Investmentfonds.
Demnach fließt fast die Hälfte aller Kosten, die Anleger beim Investieren in einen Ucits-Fonds tragen, an den Vertrieb – durchschnittlich sind es 48 Prozent. Bei alternativen Investmentfonds (AIFs) sind es immerhin noch 27 Prozent.
Die Untersuchung basiert auf einer umfangreichen Datenbasis: Die Aufsichtsbehörde hat in Zusammenarbeit mit den nationalen Aufsichten Ucits-Vermögen von rund 7,2 Billionen Euro analysiert – das entspricht 66 Prozent des gesamten europäischen Ucits-Marktes. Bei AIFs umfasst die Stichprobe 2,6 Billionen Euro oder 40 Prozent des Marktes.
Was Anleger wirklich zahlen
Eine Erkenntnis: Die Gesamtkosten für Privatanleger fallen sehr unterschiedlich aus, sie hängen stark mit der Art der Fonds zusammen. Esma rechnet beispielhaft vor: Bei einer Investition von 10.000 Euro über ein Jahr zahlen Anleger im Durchschnitt
- 50 Euro für passive Rentenfonds
- 200 Euro für aktiv gemanagte Aktienfonds
Das entspricht Kostenquoten zwischen 0,5 und 2 Prozent des investierten Betrags. Bei AIFs liegen die Gesamtkosten zwischen 144 Euro (1,4 Prozent) für „sonstige Fondstypen“ und 280 Euro (2,8 Prozent) für Immobilienfonds.
Vertriebszuwendungen: Die versteckte Provisionsflut
Einen speziellen Blick innerhalb ihrer Kostenanalyse werfen die Autoren auf sogenannte Inducements, Provisionsvereinbarungen zwischen Fondsanbietern und Vertriebspartnern. Sie stellen fest: Diese Form von Vertriebsanreizen ist in der EU weit verbreitet. Bei Ucits-Fonds machen sie durchschnittlich 45 Prozent der laufenden Produktkosten aus, bei AIFs sind es 34 Prozent.
Nicht ganz überraschend: Die Kosten von Investmentfonds hängen auch stark an den Vertriebskanälen. Hier entdeckten die Esma-Autoren große Unterschiede: Als teuersten Vertriebskanal identifizierten sie Wertpapierfirmen, danach folgen Banken. Unter „Wertpapierfirmen“ wurden spezialisierte Finanzdienstleister wie Wertpapierhandelshäuser, klassische Broker oder Vermögensverwalter mit Vertriebslizenz zusammengefasst – also keine Banken im klassischen Sinne.
Sogenannte „Neo-Broker“ wurden in der Esma-Studie als separater Vertriebskanal behandelt - aufgrund ihres rein digitalen Geschäftsmodells. Diesen Kanal identifizierte Esma als vergleichsweise günstig. Bei Ucits-Fonds etwa machen die Vertriebskosten hier nur 25 Prozent der Gesamtkosten aus – gegenüber 48 Prozent im Durchschnitt über alle Vertriebskanäle hinweg. Allerdings spielen Neo-Broker mit nur rund einem Prozent Marktanteil am europäischen Fondsvertrieb noch eine marginale Rolle. Sie verzeichnen aber hohe Wachstumsraten – vor allem bei ETFs und Aktienfonds.
Insgesamt wird der Fondsvertrieb in Europa laut der Esma-Studie klar von traditionellen Akteuren beherrscht: 86 Prozent des Ucits-Volumens wird indirekt über Drittvertriebe verkauft, davon gehen mehr als 60 Prozent über Banken und Wertpapierfirmen an den Kunden.
Die Studie belegt zudem die Kostenunterschiede zwischen unterschiedlichen Anlegergruppen: Institutionelle Investoren zahlen zum Beispiel für AIFs zwischen 12 und 56 Prozent weniger als Privatanleger.
Priips-Dokumente: Maximale Verwirrung
Eine weitere Erkenntnis: Die in den Priips-Basisinformationsblättern ausgewiesenen maximalen Ausgabeaufschläge spiegeln nicht die tatsächlich von den Kunden gezahlten Gebühren wider. Vielmehr können die real erhobenen Ein- und Ausstiegsgebühren erheblich von den Priips-Werten abweichen.
Die Esma-Autoren räumen dabei ein methodisches Problem ein: Die Daten wurden bei den Fondsherstellern erhoben. Diese können jedoch nur die Gebühren melden, die sie selbst erhalten. Ausgabeaufschläge, die direkt an Vertriebspartner fließen, tauchen in den Herstellerdaten nicht auf. Die tatsächlichen Gesamtkosten für Anleger könnten also höher liegen als in der Studie dargestellt.
Als ein Manko identifizieren die Esma-Autoren zudem, dass die Informationen zu Vertriebskosten von Fonds in unterschiedlichen EU-Regelwerken uneinheitlich wiedergegeben werden – was den Vergleich erschwere. Die Behörde stellt angesichts der Inkonsistenzen fest: „Ohne die Angabe von Vertriebskosten ist eine erschöpfende Analyse der Gesamtkosten für Anleger nicht möglich.“
Zudem beobachtet die Esma, dass die Kosten von Investmentfonds zwischen den Mitgliedstaaten sehr heterogen ausfallen. Weil sich die Daten daher kaum konsistent wiedergeben ließen, verzichteten die Autoren jedoch bewusst auf nationale Aufschlüsselungen.
Hintergrund der Studie
Der Report entstand auf Grundlage einer einmaligen Ad-hoc-Datenerhebung, die Esma im Rahmen der AIFMD- und der Ucits-Richtlinienreform durchführte. Die Studie ergänzt das jährliche Monitoring der Behörde zu Performance und Kosten von EU-Anlageprodukten. Erstmals wurden auch die Vertriebskosten näher in den Blick genommen. Der Zeitraum der Analyse umfasst das Jahr 2023.

