Die Kapitalismuslüge: Warum der Kapitalismus nicht die Ursache, sondern die Lösung der Finanzkrise ist

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Die Kapitalismuslüge
 
Die Tragik der aktuellen Finanzkrise besteht darin, dass Politiker und Notenbanker es fertiggebracht haben, die Ursache der Finanzkrise dem Kapitalismus zuzuordnen, wobei im Kapitalismus im Sinne von freier Marktwirtschaft eine Krise dieses Ausmaßes überhaupt nicht entstehen kann.

In einer freien Marktwirtschaft führen Investitionen, die den Bedürfnissen der Gesellschaft nicht entsprechen, zu einer Rezession. Falls die Rezession nicht von der Zentralbank aufgehalten wird, leitet sie einen – wenn auch schmerzhaften – Gesundungsprozess ein und lässt somit eine tiefgreifende Dauerkrise wie die heutige nicht erst aufkommen.

Die staatlichen Eingriffe in das Marktgeschehen werden häufig damit begründet, dass die Politiker durch den öffentlichen Druck keinen Gesundungsprozess zulassen können. Auch wenn dies zweifelsfrei stimmt (vor allem, wenn die Krise derart weit fortgeschritten ist, wie das heute der Fall ist), ist es nur die halbe Wahrheit. Es gibt noch andere Beweggründe, warum Politiker und Notenbanken versuchen, die ökonomischen Gesetze außer Kraft zu setzen.

Die Finanzmärkte werden für politische Zwecke instrumentalisiert


Der Hauptgrund besteht darin, dass Politiker und Notenbanker die Finanzmärkte immer mehr dazu benutzen, politische Ziele gegen den Willen der Bevölkerung durchzusetzen. Wäre das nicht der wahre Hintergrund für die zahlreichen wirtschaftswissenschaftlichen Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre, müsste man den meisten führenden Politikern und Notenbankern mangelnde Fachkompetenz unterstellen, was jedoch höchst unwahrscheinlich ist angesichts ihrer Biografie und der ihrer Berater.

Das Diktat der "Troika"

Eines der deutlichsten Beispiele der Manipulation der Finanzmärkte als Mittel zum Zweck politischer Ziele ist die Eurokrise. Als zwischen 2005 und 2008 die europäische Bevölkerung bei den zahlreichen Referenden zum Lissabon-Vertrag zum Ausdruck brachte, dass sie gegen eine Ausweitung der Macht Brüssels auf Kosten der nationalen Parlamente sei, wurde das Projekt der „Vereinigten Staaten von Europa“ auf eine subtilere Art vorangebracht.

Nach dem Ausbruch der Griechenlandkrise sind die Anleihemärkte der Länder Südeuropas sukzessive zusammengebrochen, wodurch diese Länder sich nicht mehr an den Kapitalmärkten finanzieren konnten. Der Auslöser der Krise war die Nachricht, dass Griechenlands Haushaltsdefizit deutlich höher ausfiel als bisher angenommen.

Dabei bleibt bis heute ungeklärt, welche Rolle die Investmentbank Goldman Sachs bei der Verschleierung der wahren Haushaltsdefizite Griechenlands gespielt hat, und inwieweit Mario Draghi darin verwickelt war, der als ehemaliger Vizepräsident bei Goldman Sachs zwischen 2002 und 2005 für „Unternehmen und Staaten in Europa“ verantwortlich war, und heute Chef der Europäischen Zentralbank ist.

Trotz dieser Unklarheiten wurden zusätzliche Nachforschungen durch eine kontroverse Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs blockiert, welche die Einsicht in Unterlagen diesbezüglich verwehrte, weil "die Veröffentlichung dieser Dokumente das Gemeinwohl gefährden würde".

Den von den Kapitalmärkten abgetrennten Ländern blieb nichts anderes übrig, als die Bedingungen der sogenannten Troika, bestehend aus IWF, Europäischer Kommission und Europäischer Zentralbank, zu akzeptieren, um einen Staatsbankrott zu vermeiden. Diese Bedingungen zu akzeptieren, bedeutet nichts anderes, als die nationale Souveränität abzugeben.

Die amerikanische Immobilienkrise: geduldet oder sogar gewünscht...

Auch die amerikanische Immobilienkrise kann nicht so verlaufen sein, wie es von Politikern und Notenbankern dargestellt wird. So erklärte der Präsident der amerikanischen Federal Reserve, Ben Bernanke, Ende 2005, die steigenden Immobilienpreise wären nicht die Konsequenz der niedrigen Zinspolitik, sondern das Spiegelbild fundamentaler wirtschaftlicher Stärke (Zitat: „House prices have risen by nearly 20 percent over the past 2 years. Although speculative activity has increased in some areas, at a national level these price increases largely reflect strong economic fundamentals.“).
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Dabei war die Überhitzung des Immobilienmarktes so offensichtlich, dass der schon als Schüler hochbegabte Bernanke, der diplomierter Wirtschaftswissenschaftler der Harvard University und Inhaber eines Doktortitel des Massachusetts Institute of Technology ist und Dutzende von hochausgebildeten Akademikern zur Verfügung hat, eine solche Blase, die statistisch nur einmal in 100 Jahren auftritt (siehe Grafik), nicht übersehen kann. Die einzig mögliche Schlussfolgerung, die man daraus ziehen kann, ist die, dass diese Entwicklung von der Zentralbank geduldet wurde oder sogar gewünscht war.

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