Die Kunst des Fondsmanagements Warum Brexit und Donald Trump Anleger nicht beunruhigen sollten

Georg Graf von Wallwitz, Geschäftsführer bei Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement: „In den nächsten Monaten dürfte in der Hauptsache die Urteilskraft gefragt sein.“ | © Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement

Georg Graf von Wallwitz, Geschäftsführer bei Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement: „In den nächsten Monaten dürfte in der Hauptsache die Urteilskraft gefragt sein.“ Foto: Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement

Immanuel Kant war ein Titan der Philosophie, das heißt er genoss in seiner Zunft in etwa dasselbe Ansehen wie Oliver Kahn im modernen Profifußball. Kants Gedanken waren mindestens so gewaltig wie jene unvergessenen Paraden, mit denen Kahn die Deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 2002 beinahe allein im Spiel hielt. Kahn, der nun kurz davor steht, in die Vorstandsetage des FC Bayern einzuziehen, hat es auch stets verstanden, Theorie und Praxis unter einen Hut zu bringen, wie etwa bei der Antwort auf die Frage, wie die aktuelle Krise zu beenden sei: „Irgendwann mal wieder gewinnen, und das versuchen wir zu probieren.“ Das ist theoretisch richtig und verweist pointiert auf das Problem der praktischen Umsetzung. Mich hat diese titanische Einsicht sofort an eine der Schriften erinnert, mit denen sich Kant unsterblich gemacht hat und die den etwas sperrigen Titel „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ trägt.

Darin wehrt sich Kant gegen die Anwürfe seiner Gegner, seine Philosophie sei lebensfremd, unpraktisch und allein aus abstrakten Prinzipien gespeist.

Die Pflicht müsse sich an konkreten Situationen messen lassen, dürfe sich nicht auf eine unrealistische Position zurückziehen, in welcher der Handelnde sich am Ende ohnehin nie befinde. Ohne in die Einzelheiten gehen zu wollen: Kant sieht die Pflicht als eine Regel, die das Handeln anleitet, ohne es zu bestimmen. Es kommt ihm nicht in den Sinn, in der Theorie Handlungsvorschriften für konkrete Probleme zu geben. Die Theorie gibt Regeln an die Hand, mit deren Hilfe wir uns durch das Dickicht einer mitunter unübersichtlichen Realität schlagen können. Darin, lieber Leser, besteht der praktische Wert der Theorie: Sie gibt den ungeschminkten Tatsachen, die wir täglich, stündlich, minütlich aufsammeln, ein Raster, innerhalb dessen wir sie nicht nur ordnen, aufräumen und ablegen können, sondern das auch Prognosen ermöglicht.

Warum sollte das den Investor interessieren? Nun, ob sie es wollen oder nicht, Investoren sind immer auf eine Theorie angewiesen, weil sie sich mit einer prinzipiell unsicheren Zukunft beschäftigen. Der Begriff Investition kommt vom Lateinischen investigare und bedeutet so viel wie auskundschaften, ausfindig machen, erkunden, erforschen und hat damit eine ganz ähnliche Bedeutung wie speculari, das transitive Verb, von dem sich der heutige Begriff Spekulant ableitet, welcher aber etwas in Verruf geraten ist. Ein Kundschafter, der seinen Sold wert ist, muss wissen, wonach er Ausschau halten soll, bevor er loszieht. Ohne ein System von Begriffen lässt sich das Relevante nicht vom Überflüssigen trennen und der Kundschafter kommt mit Erzählungen über die Schönheit der Natur zurück ins Lager, anstatt mit Angaben über Ausrüstung und Stärke der feindlichen Truppen.

Investoren, Spekulanten, Anleger tun wenig anderes, als relevante von irrelevanten Informationen zu unterscheiden.

Im Zeitalter universal und sofort verfügbarer Informationen bedeutet dies, dass der Investor viel Zeit und Mühe auf die Pflege seines theoretischen Gerüsts verwenden sollte. Damit meine ich aber nicht nur jenes finanzmathematische Rüstzeug, welches den angehenden Analysten und Fondsmanagern an den Universitäten beigebracht wird. Die für den Investor relevanten Theorien sind erheblich lebensnäher: Sie fragen zunächst einmal nach den Interessen der relevanten Akteure. Das ist geradezu eine Berufsbeschreibung der ökonomischen Zunft: Wie gehen Menschen unter der Bedingung knapper Ressourcen ihren Interessen nach. Die Interessen sind in unserem Beruf das, was in der Mathematik die Axiome sind: Hat man sie erst einmal freigelegt, so findet sich der Rest durch logisches Nachdenken meist von ganz allein.