Die Lehman-Lehre

Die Lehman-Lehre

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Der 15. September 2008 ist für die Zertifikatebranche ein denkwürdiges Datum. Mit Lehman Brothers beantragt zum ersten Mal ein Emittent Gläubigerschutz nach Kapitel 11 (Chapter 11) des amerikanischen Insolvenzrechts. Wer von der Investmentbank Lehman noch Geld will, muss über das Insolvenzgericht gehen – auch die Inhaber von Zertifikaten. Der Schaden am deutschen Markt hält sich noch in Grenzen. Denn Lehman hatte lediglich geschätzte 200 Zertifikate auf dem Markt, die rund 130 Millionen Euro wert waren – plus weitere private Platzierungen und speziell für institutionelle Anleger und Vermögensverwalter aufgelegte Zertifikate. Zum Vergleich: Der Deutsche Derivate Verband (DDV) beziffert den Gesamtmarkt per Juli auf 124,5 Milliarden Euro. Zudem steht noch nicht fest, ob Zertifikateinhaber nicht doch etwas aus der Insolvenzmasse bekommen. Trotzdem: Die Branche ist gewarnt und reagiert. Ein wichtiges Mittel sind hierbei Credit Spreads. Diese Kreditspannen bilden täglich den Risikoaufschlag gegenüber risikofreien Anlagen ab, den Marktteilnehmer für bestimmte Schulden verlangen Sie reagieren viel schneller auf Marktveränderungen als die deutlich behäbigeren Rating-Agenturen. So hatte der Lehman-Spread bereits am 9. September durch einen Sprung um fast 150 Basispunkte (1,5 Prozentpunkte) eine extreme Situation angekündigt. „Wir hatten schon am 10. September die Zertifikate von unserer Plattform genommen“, sagt Sasa Perovic, der die Zertifikate- Abteilung beim Analysehaus Scope Group leitet. Seit Mitte September lässt Scope Credit Spreads zusätzlich in die Zertifikate-Ratings einfließen. Der DDV will sie fortlaufend auf seiner Internet- Seite veröffentlichen. Angst in Amerika Derzeit unterscheidet der Credit-Spread- Markt vor allem zwischen europäischen und amerikanischen Banken. Während selbst Vorzeigebanken wie Goldman Sachs schon mehr als 400 Basispunkte an Risikoprämie zahlen müssen, pendeln Basispunkten. Die Finanzkrise wütet nach Ansicht der Marktteilnehmer vor allem in den USA – trotz einiger Fast-Pleiten von europäischen Banken. Nicht nur den Credit Spreads sollten Zertifikateberater in Zukunft mehr Aufmerksamkeit schenken. „Wir haben bereits eine dreistellige Zahl an Mandanten, denen in diesem Jahr Lehman-Zertifikate empfohlen wurden, ohne auf die negative Berichterstattung in den Medien hinzuweisen“, sagt Rechtsanwalt Klaus Nieding von der Frankfurter Anlegerkanzlei Nieding + Barth. Die Stuttgarter Kanzlei Wüterich- Breucker sieht Probleme für Berater, die ihre Kunden nicht über negative Ratings informiert haben. Im Juli hatte Moody’s das Lehman-Rating herabgesetzt. Wer das in der Beratung verschwieg, hat unzureichend aufgeklärt und könnte schadensersatzpflichtig werden, heißt es von der Kanzlei. Was zu einem guten Beratungsgespräch gehört, fasst der Kasten oben zusammen.