Die neuen Standardmärkte

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Schwellenländer sind längst nicht mehr das, was sie einmal waren. Weil immer mehr von ihnen die Industrieländer abhängen, gehören globale Schwellenländerfonds in jedes Depot.

Brasilien: kaufen. Korea: kaufen. Malaysia: kaufen. Polen: kaufen. Taiwan: kaufen. Türkei: kaufen. Michael Keppler und Michael Hartnett sind sich einig. Zwar identifizieren der Chef der Fondsgesellschaft Keppler Asset Management und der Chefstratege für Schwellenländer bei der Investmentbank Merrill Lynch auch Börsen, von denen Anleger derzeit lieber die Finger lassen oder die sie zumindest untergewichten sollten. Doch ihr grundsätzlicher Optimismus für die aufstrebenden Volkswirtschaften ist ungebrochen. Auch nach fünfjähriger Hausse ist Keppler überzeugt: „Die Emerging Markets dürften noch einige gute Jahre vor sich haben.“ Hartnett schwärmt: „Die Anlageklasse ist unterkapitalisiert, unterbewertet und in den Anlegerportfolios unterrepräsentiert.“ Sein Ziel für den Schwellenländer-Index MSCI Emerging Markets: 2.010 Punkte im Jahr 2010. Aktuell steht der Index bei 1.338 Punkten und damit 180 Prozent höher als vor drei Jahren.

Vorbilder der Weltwirtschaft


Der Optimismus von Keppler und Hartnett ist weit mehr als bloßer Zweckoptimismus aus professionellem Interesse. Es gibt reichlich Gründe für den Boom der vergangenen fünf Jahre – und dafür, dass er weitergeht. Schwellenländer sind heute längst nicht mehr, was sie noch vor zehn Jahren waren: Von hoch verschuldeten, politisch instabilen, staatswirtschaftlich und protektionistisch organisierten Volkswirtschaften haben sich viele Länder zu Vorbildern der Weltwirtschaft entwickelt. Durch den Handel mit Rohstoffen und Konsumgütern erwirtschaftet ein Großteil von ihnen Überschüsse mit den Industrienationen, sammelt enorme Devisenreserven und hat die immensen Schuldenberge vergangener Jahre abgebaut. Immer mehr Menschen in den Schwellenländern können sich immer mehr Waren leisten, und sie bezahlen dafür heute nicht mehr als gestern: Die Mittelschicht wächst und damit der lokale Konsum, die Inflation ist auf Westniveau gesunken.
Längst hat die Aufholjagd begonnen, die Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O’Neill in seinem mittlerweile allzu häufig zitierten zitierten Bericht über die Bric-Länder Brasilien, Russland, Indien und China vorausgesagt hat. Schon heute stellt sich die Frage, ob nicht viele Schwellenländer weit besser dastehen als das Gros der saturierten Nationen der westlichen Welt. Der englische Ausdruck „Emerging Markets“ – aufstrebende Märkte – trifft die Lage vieler Länder viel besser: Die Schwelle zum blühenden Wirtschaftsraum haben viele Schwellenländer längst überschritten.

Umgekehrte Vorzeichen


So wundert es auch nicht, dass die Börsen der Schwellenländer die kurze Krise im Sommer bestens überstanden haben. Zwar hat der globale Schwellenländer-Index MSCI Emerging Markets zwischen dem 23. Juli und dem 16. August 19 Prozent verloren. Während aber die etablierten Börsen bis heute gerade einmal die Verluste wettgemacht haben, liegt der MSCI Emerging Markets bereits 15 Prozent über dem Stand vom 23. Juli. „Es ist wie 1998 – nur mit umgekehrten Vorzeichen“, erklärt Hartnett. 1998 wurde von den Zentralbanken Geld in den Markt gepumpt, um die Asien und die Russlandkrise zu bewältigen. Ein Großteil floss direkt in Technologiewerte. Heute pumpt die Federal Reserve Bank Geld in den Markt, um die US-Krise zu dämpfen – und das meiste davon landet direkt an den Börsen der Schwellenländer. Zu Recht, denn neben den volkswirtschaftlichen Daten überzeugen auch die Firmenbilanzen der Region. Im Schnitt wachsen die Gewinne der Unternehmen mit Sitz in den Schwellenländern weit schneller als die von denen in Industrienationen.
Kurz: Was Schwellenmärkte noch vor zehn Jahren charakterisierte, gilt heute nur noch für einen kleinen Teil. Schon suchen renditehungrige Investoren nach den letzten Märkten, die noch bieten, was in Schwellenländern früher Standard war: Geringe Transparenz, illiquide Börsen, undurchschaubare Unternehmensstrategien und extreme Schwankungen finden sie heute kaum noch in Lateinamerika und Asien, sondern vorwiegend in Afrika und anderen exotischen Märkten wie Vietnam oder Kasachstan.
Für das US-Branchenmagazin „Pensions & Investments“ sind Aktien aus den Schwellenländern mittlerweile bereits „die richtige Wahl für Anleger, die nachts ruhig schlafen wollen“. Tatsächlich folgen immer mehr Leser des Blattes, in erster Linie nicht eben für ihre Spekulationsfreude bekannte Pensionskassen, diesem Rat und verschieben einen Teil ihres Vermögens aus den USA und Europa nach Asien und Lateinamerika.
Klaus Martini, verantwortlich für das Geschäft mit wohlhabenden Privatkunden bei der Deutschen Bank, ist schon seit Jahren überzeugt: Für jeden Investor, der überhaupt in Aktien investiert sein will, sind Emerging Markets ein Muss. „Langfristig wird niemand darum herumkommen, die Region im Aktienportfolio ähnlich zu gewichten wie die USA und Europa“, sagt Martini und spricht dabei nur von den Schwellenländern Asiens. Klar ist dabei: Anleger sollten auch in Lateinamerika, im Nahen Osten und in Afrika investieren. Björn Drescher, Herausgeber des Branchendienstes „Fonds im Visier“, rät dazu, bis zu 40 Prozent des Aktienanteils in Schwellenländer zu investieren: „Selbst ein vorsichtiger An- leger sollte wenigstens 10 Prozent in einen Schwellenländerfonds stecken.“ Sparplan- Anleger, die durch die bis heute stärkeren Schwankungen an den Schwellenländer- Börsen besonders profitieren, weil sie immer einmal wieder zu Schnäppchenpreisen kaufen, können über eine noch höhere Gewichtung nachdenken.
Erste Wahl für ein Engagement in den Schwellenländern ist ein globaler Emerging- Markets-Fonds. Einer der profiliertes ten Manager solcher Fonds ist Michael Keppler; die Wahrscheinlichkeit, dass er hinter einem Fonds in einer Spitzenposition steckt, ist regelmäßig groß: Der Bayer mit Sitz in New York managt neben dem bekannten GAF Emerging Markets High Value den Kapitalfonds L.K. Schwellenländer der Luxemburger Kapitalgesellschaft im gleichen Stil. Außerdem ist er für Schwellenländerfonds von der Landesbank Berlin, HSBC und der Vermögensverwaltung Fiduka von Gottfried Heller verantwortlich.

Zahlen bestimmen die Länder


Für alle Fonds spielen Kennzahlen die entscheidende Rolle. Beim GAF-Fonds und dem L.K.-Fonds wählt Keppler zunächst die preiswertesten Länder aus. „Wir untersuchen Substanz und Ertragskraft jeder einzelnen im relevanten Index vertretenen Gesellschaft“, erklärt Keppler den Ansatz. „Dann aggregieren wir die Daten und kommen so zu einer Länderbewertung.“ Folge sind konkrete Kauf- und Verkaufssignale für einzelne Länder, die mit den wiederum nach Kennzahlen attraktivsten Aktien ge füllt werden. Ungewöhnlich ist, dass Keppler die Länder in den Fonds jeweils gleich hoch gewichtet. „Unsere Analysen zeigen, dass gleich gewichtete Portfolios besser abschneiden als kapitalisierungsgewichtete, und zwar deutlich besser“, sagt der Manager, für dessen Fonds häufig das Gleiche gilt.
Auf quantitative Filter vertraut auch Christopher Palmer. Seit Juni 2006 ist er für den Gartmore Emerging Markets verantwortlich, den er bereits von September 2000 bis Juli 2003 gemanagt hat. Um den Fonds, der unter dem Interims-Manager Philip Ehrmann eher enttäuscht hat, wieder nach vorn zu bringen, hat Palmer eine Länderklassifizierung eingeführt, die die Titelauswahl nun mitbestimmt. „Nur weil unser Modell gerade beispielsweise Korea favorisiert, heißt das allerdings nicht, dass wir den koreanischen Markt automatisch übergewichten“, erläutert Palmer. „Wir schauen uns die einzelnen Aktien genau an und suchen Unternehmen mit geringer Verschuldung und hohen Cashflows.“ Dabei setzt Palmer stärker als zuvor Ehrmann auf große Unternehmen aus den Schwellenländern, die im jeweiligen Index vertreten sind. Damit soll die Volatilität reduziert werden.
„Die Veränderungen haben sich als sehr effektiv erwiesen“, kommentiert Heiko Nitzsche von der Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P). Palmer, der auch den Lateinamerika-Fonds der britischen Gesellschaft managt, hat mit einem Schwerpunkt auf die Börsen Asiens, Brasiliens und Mexikos zu den Top-Performern unter den Schwellenländer- Fonds aufgeschlossen und liegt deutlich vor dem MSCI Emerging Markets.

Offensive Chinesin in Paris

Im laufenden Jahr liegt er sogar vor Wen Zhang-Goldberg. Die Chinesin, die von Paris aus den Carmignac Emergents managt, nimmt in fast allen Börsenphasen einen der Spitzenplätze ein. „Wir haben im laufenden Jahr vor allem auf sehr dynamische Märkte wie Brasilien, Hongkong, Südkorea und die Türkei gesetzt“, erklärt die Managerin, in deren Fonds sich auch Papiere aus Osteuropa, dem Nahen Osten und Afrika finden. So offensiv Zhang-Goldberg allerdings momentan ist: Auch in schwächeren Börsenphasen wie zuletzt 2002 hat sie es verstanden, die Verluste zu begrenzen.
Verlustbegrenzung ist auch für Vincent Strauss und Wojciech Stanislawski von zentraler Bedeutung. Die beiden Manager der französischen Fondsgesellschaft Comgest sind gemeinsam für einen Klassiker unter den Schwellenländerfonds zuständig: Der Magellan, benannt nach dem portugiesischen Seefahrer Ferdinand Magellan, zählt langfristig zu den erfolgreichsten globalen Schwellenländerfonds. „Der Fonds bietet Anlegern einen etwas anderen Zugang zu Schwellenländern“, erklärt Natalia Wolfstätter, Fondsanalystin bei Morningstar. „Die größten Vertreter des Anlageuniversums wie Samsung oder Gazprom sind dort nicht vertreten.“ Strauss und Stanislawski sehen sich eher abseits der Standardwerte der Region um. Frei von einem Vergleichsindex investieren sie mit langfristigem Horizont in 40 bis 50 Unternehmen, deren Gewinne auf Sicht von fünf Jahren unabhängig von der Weltkonjunktur deutlich wachsen sollten. Aktien, die die Kriterien der Fondsmanager erfüllen, bleiben im Schnitt vier bis fünf Jahre im Portfolio.
„Wir investieren in Länder, deren Börsen zum Teil sehr schwankungsanfällig sind“, sagt Stanislawski. „Daher begrenzen wir das Risiko auf Fondsebene.“ Der langfristige Fokus führt dazu, dass sich im Portfolio kaum Exporteure finden und Rohstoffunternehmen klar untergewichtet sind – beide sind zu abhängig von der Weltkonjunktur. Darunter hat der Comgest Magellan in den vergangenen Jahren etwas gelitten. Dass sich eine defensive Ausrichtung lohnen kann, haben Stanislawski und Strauss aber dennoch bewiesen: Im schwachen Aktienjahr 2002 lagen sie mit einem moderaten Verlust von 8,6 Prozent an der Spitze, und auch über die vergangenen fünf guten Jahre gehört der Comgest Magellan zu den zehn besten globalen Schwellenländerfonds.

Jain: Kein China, kein Russland

Noch defensiver als Strauss und Stanislawski, die neben dem Magellan auch den 2003 aufgelegten Comgest Emerging Markets im gleichen Stil managen, positioniert sich Rajiv Jain. Der Manager des Vontobel Emerging Markets investiert mit einem starken Fokus auf Kapitalerhalt in unterbewertete Unternehmen – und zwar nur dort, wo er sie findet. Aktien aus China und Russland beispielsweise suchen Anleger im Vontobel- Portfolio vergebens, teilweise wegen hoher Bewertungen, zum Teil wegen unklarer Eigentumsverhältnisse. Obwohl der Fonds in guten Zeiten häufig hinter der Konkurrenz zurückbleibt, hält Wolfstetter ihn für eine gute Wahl „für Anleger, die die Schwankungen der Anlageklasse nicht komplett mitmachen wollen, weder nach oben noch nach unten.“ Auch Drescher zählt den Fonds zu den empfehlenswerten Produkten der Kategorie: „Rajiv Jain investiert oft antizyklisch und verfolgt eine nachvollziehbare, aktive Investmentstrategie.“

Dass man mit einem Value-Ansatz auch deutlich weiter vorn landen kann, beweist neben Länderstratege Keppler auch Kristoffer Stensrud mit dem Skagen Kon-Tiki. Der Fonds, in Deutschland kaum bekannt, da er hier keine Zulassung zum öffentlichen Vertrieb hat, investiert unabhängig von Länderund Branchengewich tungen in den Schwellenländern. „Wir sind ständig auf der Jagd nach wenig bekannten und unpopulären Unternehmen, die unter ihrem Wert gehandelt werden“, sagt der Chefstratege der Fondsgesellschaft Skagen Fonder, Filip Weintraub. Große Teile der Anlegerbranche richteten die Nase nach dem Wind: „Wenn ein Militärputsch in Thailand die Aktienwerte in Brasilien in den Keller schickt, dann wird es für uns interessant“, sagt er.
Den bisherigen Erfolg führt Manager Stensrud auf besonnene Entscheidungen zurück. „Es ist kein Zufall, dass wir unseren Hauptsitz am Ende der Welt haben“, kommentiert er. „Hier finden wir die Ruhe, die wir für eine gute Arbeit brauchen.“ Allerdings findet er im norwegischen Stavanger nicht nur die nötige Ruhe, sondern in der näheren Umgebung – ungewöhnlich für einen Schwellenländerfonds – auch attraktive Unternehmen: Aktien aus Norwegen machen 5,5 Prozent des Portfolios aus.
Abgesehen von diesem Sonderfall, der vor allem Stensruds Freiheit widerspiegelt, spielt der Sitz des Fondsmanagements heute für den Erfolg eines Schwellenländerfonds keine Rolle mehr: Gleich drei der Top- Fonds werden von Paris aus gemanagt, und auch Keppler gesteht freimütig, nach seiner Zeit als Praktikant in Südafrika Schwellenländer „außer im Urlaub“ nicht mehr besucht zu haben.


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