Die Neuvermessung der Welt

Die Supermacht USA verliert Land im Aktienuniversum. Dafür trumpfen nun die Schwellenländer auf.

Der Aktienanteil eines Depots sollte über ein gut gemischtes internationales Portfolio dargestellt werden – das klingt sicherlich recht einfach. Nur ist die wichtigste Frage dabei nicht geklärt: Was ist eigentlich ein gut gemischtes internationales Aktienportfolio? Die ultimativ richtige Antwort gibt es nicht. Doch es gibt einige bewährte Techniken, um die Welt in griffige Aktienparzellen aufzuteilen.
Eine einfache und recht populäre Variante richtet sich nach der Größe der Einzelmärkte. Populär ist sie deshalb, weil die meisten gängigen Marktindizes nach diesem System gebaut werden. Schon fast traditionell stellt dabei der US-Aktienmarkt den größten Anteil. Doch die Weltmacht wird stetig entmachtet. Ende 1997 war von den weltweit 21,7 Billionen Dollar, die in Aktien notierten, fast die Hälfte in den USA gelistet. Das ermittelte die Börsenvereinigung World Federation of Exchanges (WFE).

USA-Anteil schrumpft

Inzwischen notieren weltweit rund 59,7 Billionen Dollar in Aktien, davon aber nur noch 34 Prozent in den USA. Dafür liegen nun schon mehr als 17 Prozent aller Aktienwerte an den Börsen der asiatischen Schwellenländer. Vor zehn Jahren waren es noch nicht einmal 5 Prozent. Wie die Welt heute nach Börsenkapitalisierung aufgeteilt ist, zeigt die Aktienweltkarte oben. Einziges Manko: Der russische Aktienmarkt ist nicht enthalten, weil die russische Börse RTS kein Mitglied der WFE ist.
Wenn Anleger nun vorbehaltlos ihr Depot nach den größten Aktienmärkten der Welt ausrichten, laufen sie Gefahr, vergangenen Trends blind hinterherzurennen oder auf Übertreibungen hereinzufallen. Denn steigende Aktienkurse erhöhen automatisch auch das Gewicht eines Marktes im weltweiten Börsengeschehen. Eine interessante Methode zur Aufteilung der Welt im Aktienportfolio stellt Gerd Kommer in seinem Buch „Souverän investieren mit Indexfonds, Indexzertifikaten und ETFs“ vor. Der Volks- und Betriebswirt empfiehlt, die Aktienquoten nach dem jeweiligen Bruttoinlandsprodukt (BIP) einer Region zu gewichten. Hintergrund: Dort, wo das meiste Geld verdient wird und die Wirtschaft boomt, wird auch das meiste investiert.

Dollar ist nicht gleich Dollar

Aber auch hier ist ein kleiner Kunstgriff nötig. Das wird am Beispiel des Big-Mac-Index deutlich, den das Wirtschaftsmagazin „The Economist“ berechnet. Demnach kostete ein solches McDonalds-Brötchen am 5. Juli in den USA 3,41 US-Dollar. In Hong­kong brauchte der Hungrige jedoch umgerechnet nur 1,54 US-Dollar auf den Tresen zu legen. Selbst wenn man eine gewisse Fehl­bewertung des Hongkong-Dollar einkalkuliert, wird an diesem Beispiel deutlich, dass ein US-Dollar in Hongkong mehr wert ist als in seinem Ursprungsland.
Bereinigt man die BIPs aller Länder um diese Kaufkraftunterschiede, entsteht eine neue Weltwirtschaftskarte, auf der die USA plötzlich nur noch ein Fünftel beherrschen. Allerdings ist auch diese nicht der Weisheit letzter Schluss. Denn beispielsweise würde China im Depot ein Gewicht von mehr als 18 Prozent erhalten. An den Aktienmärkten von Shanghai und Shenzhen wirken die Kursaufschwünge jedoch schon reichlich übertrieben.
Für die Jahre 1988 bis 2006 stellte Buchautor Kommer zumindest fest, dass die BIP-Methode sich um 3,8 Prozentpunkte im Jahr besser schlug als die Aufteilung nach Börsengröße – das dürfte für einige Big Macs zum Abendbrot reichen.