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Globale Anleihen- und Aktienmärkte

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In einer U-Bahn der 8-Millionen-Einwohner-Stadt Hefei in China Foto: imago images / ZUMA Wire

Konjunkturentwicklung in aufstrebenden Märkten

Die Pandemie spielt Schwellenländern in die Hände

Chetan Sehgal, Strategiechef bei Franklin Templeton

Während die entwickelten Länder mit der zweiten Welle der Pandemie zu kämpfen haben, stellen führende Schwellenländer bereits ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber der unsicheren Situation unter Beweis: Die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung könnten einige Schwellenländer daher früher als erwartet in die Normalität zurückführen.

Für Anleger ergeben sich vor diesem Hintergrund langfristige Anlagechancen, da China, Taiwan und Südkorea die Pandemie gut bewältigt haben. Geschuldet ist diese erfreuliche Entwicklung einer umsichtigen Staats- und Unternehmensführung sowie einem leistungsfähigen Gesundheitswesen in diesen Ländern.

Vor allem chinesische Aktien dürften über neues Potenzial verfügen: Sie würden von vorhersehbareren Beziehungen zwischen den USA und China unter der Regierung des gewählten US-Präsidenten Joe Biden profitieren. Ganz ähnlich bei mexikanischen Aktien: Hier versprechen wir uns aufgrund von Bidens Wahlsieg ebenfalls stabilere Beziehungen der USA zu Mexiko. Die Aussicht auf verbesserte Handelsbeziehungen sorgt auch im Fall Südkoreas für einen sprunghaft ansteigenden Optimismus der Anleger. Daneben sehen wir in anderen Ländern nach wie vor langfristige Anlagechancen, beispielsweise in Indien: Trotz des von Covid-19 bewirkten Abschwungs ist das Land mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern weiterhin ein großer Markt für Konsumgüter. Gleiches gilt für Brasilien (212 Millionen Einwohner) – hier wirken die im Vergleich mit den entwickelten Ländern jugendliche Altersstruktur der Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von 33,5 Jahren, weitere wichtige Reformen der Regierung und der Reichtum an Rohstoffen als Entwicklungstreiber.

Digitale Disruption sorgt für eine „New Economy“

Das Wirtschaftsmodell der Schwellenländer basiert inzwischen nicht mehr länger auf Rohstoffen, Energie und Industrieproduktion für die entwickelten Länder. Die tradierten Wirtschaftszeige werden ersetzt durch ein neues Wirtschaftsmodell auf der Grundlage von zyklischen sowie nichtzyklischen Konsumgütern, Informationstechnologie und Kommunikationsdienstleistungen.

Für Investitionen in diese „New Economy“ bevorzugen wir Unternehmen, die sich durch Widerstandsfähigkeit gegenüber wirtschaftlichen Krisen und anderen Unsicherheiten auszeichnen. Ein Trend, den wir besonders sorgfältig beobachten, ist die digitale Disruption – in diesem Bereich interessieren uns Unternehmen mit eindeutigen Wettbewerbsvorteilen bei Technologie und Innovation. So bauen Anbieter von Online-Bildung und -Ausbildung ihre Lernangebote rasch aus, kreieren Unternehmen interaktive Shopping-Erlebnisse per Livestreaming und sichern sich Gaming-Anbieter In-Game-Umsätze aus ihren Spieleplattformen. Dabei hat sich die Akzeptanz und Einführung neuer Technologien durch die Pandemie stark beschleunigt: Immer mehr Unternehmen verlagern Teile ihres Geschäftsmodell ins Internet. Dadurch erlebt der Einsatz technischer Hardware ebenfalls eine dynamische Entwicklung: Halbleiter werden in immer stärkerem Maße für das Cloud-Computing nachgefragt, weil Homeoffice, E-Commerce und Online-Spiele die Nachfrage nach Cloud-Lösungen befeuern. Und die wachsende Nachfrage nach E-Mobilität wiederum verlangt nach immer leistungsfähigeren Batterien.

Zukunftsfest diversifizierte Unternehmen sind Anlageziele

Für unsere Investitionen bevorzugen wir Unternehmen in verbraucher- und technologieorientierten Branchen – insbesondere dann, wenn sie als Reaktion auf die veränderte Nachfrage in neue Bereiche vordringen.

Dies gilt beispielsweise für Fintech-Unternehmen – Technologiefirmen, die zusätzlich zu ihren bestehenden technischen Dienstleistungen Finanzprodukte anbieten. Auf der Grundlage disruptiver Strategien setzen sie neue Geschäftsmodelle um und konkurrieren nun mit traditionellen und digitalen Banken. WeChat ist dafür ein herausragendes Beispiel: Ursprünglich ein Chat-Dienst für Smartphones, betrieben von Tencent in China, ist die App inzwischen um zahlreiche Funktionen erweitert worden. Nutzer haben Zugriff auf die sozialen Medien, können bei Lieferdiensten Essen bestellen und haben Zugang zu Bankdienstleistungen. Zugleich haben Unternehmen, die in der Lage sind, die entsprechenden Userdaten zu nutzen, einen Vorteil gegenüber traditionellen Wettbewerbern in der Offline-Welt.

Darüber hinaus verpflichten sich immer mehr Unternehmen zu guter Unternehmensführung und größerer Sorgfalt im Hinblick auf ESG-Kriterien. Dieser Aspekt ist aus unserer Sicht bislang noch ein unterschätzter unterstützender Faktor zugunsten von Schwellenländern.

In der Vergangenheit haben Krisen stets Innovationen, Resilienz und die Anpassung an neue Herausforderungen bewirkt. Unsere Beobachtung zeigt: Schwellenländer haben in Bereichen wie E-Commerce und E-Payment bereits höher entwickelte Volkswirtschaften überholt. Die globale Gesundheitskrise hat hier mit der breiten Akzeptanz neuer Technologien bestehende Trends beschleunigt – während in westlichen Ländern nicht selten noch Datenschutzfragen geklärt werden müssen. Wir gehen davon aus, dass sich viele dieser neuen Entwicklungen im laufenden Jahr weiter festigen werden.

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