„Das Einzige, was es bei der Kapitalanlage gratis gibt, ist die Diversifikation“, wusste schon der jüngst verstorbene US-Ökonom und Nobelpreisträger Harry Markowitz. „Es ist ein ausgewogenes Ganzes, das dem Anleger Schutz und Chancen im Hinblick auf zahlreiche Eventualitäten bietet.“ Markowitz, der als geistiger Vater der modernen Portfoliotheorie gilt, spricht hier einen wichtigen Punkt an: die fundierte Grundlage erfolgreicher Wertpapieranlage.

Eine solche Grundlage bietet die strategische Asset Allocation. Sie gibt Investoren einen Rahmen, an dem sie sich orientieren können, auch und gerade wenn Stress an den Märkten aufkommt. Aktuell ist der Zeitpunkt günstig, sich mit diesem Thema zu befassen. Denn die Situation an den Kapitalmärkten hat sich so drastisch und so schnell geändert, wie wir es bisher noch nicht gesehen haben: seien es Zinsen, Inflation, der Krieg in Europa – und das alles nach der Corona-Pandemie und deren massiven Auswirkungen. Bei fast allen Anlageklassen haben sich die Chancen und Risiken stark verändert.

Das Credo über lange Jahre seit der Finanzkrise lautete „There is no alternative“, kurz TINA. Gemeint war, dass es wegen der niedrigen Zinsen keine Anlagealternative zu Aktien gebe. Das führte zu hohen Aktienquoten in vielen Depots. Der massive Zinsanstieg verbunden mit Inflation hat nun zu Unsicherheit und einer drastischen Neubewertung von Anlageklassen geführt.

Ein neuer Blick auf Harry Markowitz' Portfoliotheorie

2022 war eines der schlechtesten Jahre in den vergangenen 100 Jahren für Multi-Asset-Anleger. Denn die meisten Anlageklassen mussten Verluste einstecken. Wenn nun aber sowohl Aktien als auch Anleihen teils deutlich verloren haben, heißt das auch, dass neues Potenzial besteht, wenn die Zinsen wieder zu sinken beginnen.

 

Es lohnt sich daher aus unserer Sicht, sich strategisch mit allen Anlageklassen neu zu befassen. Dabei sollte vor allem der Diversifikation, wie sie in der Portfoliotheorie von Harry Markowitz beschrieben ist, große Aufmerksamkeit zukommen. Investoren sollten auf die Ziele in ihrer Strategischen Asset Allocation blicken und dann überlegen, welche Anlageklassen ihnen helfen, diese Ziele zu erreichen.

Deutsche Investoren nutzen die Strategische Asset Allocation nach Erkenntnissen der Unternehmensberatung Oliver Wyman noch in deutlich geringerem Umfang als ihre Pendants in anderen Ländern wie den USA oder Großbritannien. Dieses Bild scheint sich aber allmählich zu wandeln, wie wir bei Berenberg feststellen. Zwar sind die Krisen, mit denen wir es zu tun haben, noch nicht überwunden, aber es ist teilweise etwas ruhiger geworden, so dass der Diskussionsbedarf steigt. Wir denken, es ist ein sehr guter Moment, sich mit strategischer Anlage zu befassen.

Aktien, Anleihen, Immobilien oder doch Private Debt?

Warum das langfristig so wichtig ist, zeigt allein ein Blick auf die jährliche Wertentwicklung verschiedener Anlageklassen über die vergangenen 30 Jahre. Die Gewinner und Verlierer variieren in den einzelnen Kalenderjahren deutlich. Erstellt man nun eine gleichgewichtete Kombination aller Anlageklassen und bezieht diese in Rückrechnung ein, so stellt man fest, dass die Volatilität der gesamten Schwankungsbreite bei dieser simplen Kombination bereits deutlich geringer ist. Es gibt also weniger Ausschläge nach oben wie nach unten (siehe Grafik). Für eine langfristige Prognose, um Investmentziele zu erreichen, ist dieser Aspekt sehr bedeutend.

Historische Wertentwicklung ausgewählte Anlageklassen über 30 Jahre
Historische Wertentwicklung ausgewählte Anlageklassen über 30 Jahre © Berenberg

Erst wenn der Ausgangspunkt beziehungsweise die strategische Asset Allocation definiert ist und auf einem soliden Fundament steht, haben Investoren den nötigen Rahmen, um über taktische Anpassungen des Portfolios zu diskutieren. Deshalb ist es wichtig, sich die Veränderung in den wichtigen Anlageklassen vor Augen zu führen:

Bei Anleihen sind die Renditen wieder deutlich attraktiver als Ende 2021, grundsätzlich kann es daher opportun sein, dieser Assetklasse im Gesamtportfoliokontext ein höheres Gewicht beizumessen. Aktien haben zum Teil deutliche Kursverluste erfahren, dadurch sind aber auch die Bewertungen gesunken. Aktuell spricht einiges für diese Anlageklasse im Vergleich zu Private Equity, wo noch Bewertungskorrekturen anstehen könnten. Der Bereich Private Debt bietet unserer Ansicht nach interessante Einstiegslevels, bei Immobilien sind wir der Meinung, dass aktuell noch Zurückhaltung angebracht ist.

Generell ist festzuhalten, dass Aktien nicht mehr alternativlos sind. Für Investoren rücken auch viele andere Anlageklassen wieder in den Blick. Diese im Rahmen einer strategischen Vermögensaufstellung klug zu kombinieren, bietet langfristige Orientierung – und eine gute Grundlage für künftige Gewinne.

Über den Autor:

Klaus Naeve ist Co-Head Wealth and Asset Management bei Berenberg