Frau Ambachtsheer, was halten Sie als ESG-Expertin von Ausschlüssen – also dem Verkauf von aus Nachhaltigkeitssicht schwierigen Unternehmen im Portfolio?

Jane Ambachtsheer: Natürlich ist das eine Möglichkeit. Aus meiner Sicht sollte die Desinvestition, also der Verkauf, aber das letzte Mittel sein. Bei uns geschieht das nur sehr selten: Wir sind als langfristige Investoren vielmehr der Meinung, dass wir unseren Einfluss nutzen sollten, um die Unternehmen in dieser Hinsicht positiv zu beeinflussen. Kurzum: Grundsätzlich halte ich Kooperation für effektiver. Abstimmungen und Engagement sind daher wichtige Komponenten und fest in unserer globalen Nachhaltigkeitsstrategie verankert. Wir sind davon überzeugt, dass wir dadurch Risiken reduzieren, Werte freisetzen und die Welt um uns herum positiv beeinflussen können.

Setzen Sie dabei auch auf externe Expertise?

Ambachtsheer: Ja. Um uns bei der Umsetzung unserer Abstimmungsrichtlinien zu unterstützen, arbeiten wir beispielsweise mit dem Stimmrechtsberater International Shareholder Service und Proxinvest zusammen, das Research zu französischen Unternehmen anbietet. Ganz wichtig aber ist: Wir delegieren keine Entscheidungen, sondern fällen alle Beschlüsse auf jeder Aktionärsversammlung selbst.

Gibt es Themen, bei denen Sie besonders oft gegen das Management stimmen?

Ambachtsheer: Ein Streitpunkt ist immer wieder die Vergütung der Führungsebene. In diesem Bereich haben wir vergangenes Jahr bei 60 Prozent aller Abstimmungen gegen die Anträge des Managements gestimmt. Gründe waren beispielsweise mangelhafte Transparenz der Vergütungsstruktur, zu laxe Leistungskriterien oder ein zu geringer Fokus auf langfristige Ziele. Bei der Zusammensetzung des Management-Boards haben wir in 37 Prozent der Fälle dagegen votiert, meist aufgrund unserer Diversitätspolitik. Anträge zu finanziellen Belangen – in der Regel ging es um Kapitalerhöhungen – wurden von uns zu 39 Prozent abgelehnt.

Anders sieht unser Abstimmungsverhalten bei Anträgen von Aktionären aus. Diese werden in der Regel vom Management abgelehnt. Daher ist eine Stimme für den Vorschlag eine Stimme gegen die Empfehlung der Unternehmensleitung. Wir stimmen für die Anträge der Aktionäre, wenn sie den langfristigen Interessen des Unternehmens entsprechen und angesichts der Situation im Unternehmen gerechtfertigt sind. Unsere Zustimmungsquote lag hier 2021 bei 70 Prozent – bei Vorschlägen zur Verbesserung sozialer Aspekte waren wir in 100 Prozent der Fälle dafür; bei Anträgen den Umweltschutz betreffend waren es 89 Prozent.

Sie gehören zu einem großen Finanzinstitut. Kann es da bei Abstimmungsangelegenheiten nicht zu Interessenskonflikten kommen?

Ambachtsheer: Das ist möglich – beispielsweise durch bestehende Geschäftsbeziehungen zwischen dem jeweiligen Unternehmen und der BNP Paribas Gruppe. Wir haben daher Mechanismen und Entscheidungsprozesse eingeführt, um sicherzustellen, dass Interessenskonflikte unsere Abstimmungen nicht beeinflussen. Alle Mitarbeiter sind verpflichtet, potenzielle Interessenskonflikte zu erkennen und zu melden. Werden diese als solche erkannt, beginnt ein Eskalationsprozess unter Einbeziehung des Top-Managements. Basis für die Entscheidung ist das beste Interesse unserer Kunden.

Welche Möglichkeiten haben Sie neben Ihren Stimmrechten noch, um Einfluss auszuüben?

Ambachtsheer: Direktes Engagement. Dabei verfolgen wir zwei Ansätze: Wir tauschen uns zum einen regelmäßig mit Unternehmen über Governance-, Sozial- und Umweltthemen aus, um den langfristigen Wert unserer Beteiligungen zu steigern. Zu diesem Zweck wirken wir bei Bedarf auch aktiv auf Veränderungen hin. Das tun wir zum anderen nicht ausschließlich allein: Wir arbeiten mit anderen langfristigen Anlegern und wichtigen Stakeholdern zusammen, um unsere gemeinsamen Ziele zu erreichen – insbesondere im Hinblick auf die Abschwächung systemischer Risiken. Wir sind Mitglieder in formellen sowie informellen Gruppen und Initiativen auf internationaler Ebene, die die Kommunikation zwischen Aktionären und Unternehmen zu ESG-Themen erleichtern.

Ein Beispiel für eine solche Kooperation ist die Investoreninitiative Climate Action 100+. Diese wurde 2017 ins Leben gerufen und soll sicherstellen, dass die weltweit größten Treibhausgasemittenten die notwendigen Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel ergreifen. Dafür engagieren sich in diesem Format mehr als 615 Investoren mit einem verwalteten Vermögen von über 60 Billionen US-Dollar.

Und wenn alle Bemühungen vergeblich sind?

Ambachtsheer: Zu einem Dialog gehören immer zwei Seiten. Manchmal sind durchaus robustere Mittel nötig, damit sich ein Unternehmen mit uns an den Tisch setzt. Wir können beispielsweise öffentliche Erklärungen abgeben, Anträge bei der Hauptversammlung stellen, eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen oder gemeinsam mit anderen Institutionen intervenieren. Zu solchen Maßnahmen müssen wir aber nur in absoluten Ausnahmefällen greifen.

Welches Verhältnis pflegen Sie zur Politik im Bereich nachhaltiger Umbau des Finanzsystems?

Ambachtsheer: Ebenso wie bei den Unternehmen engagieren wir uns auch auf der politischen Ebene, um Nachhaltigkeitsziele zu fördern, zu einem gut funktionierenden Finanzsystem beizutragen und Systemrisiken zu mindern. Wir arbeiten bereits seit vielen Jahren konstruktiv mit politischen Entscheidungsträgern zusammen, oft auf deren Wunsch hin. Unser Schwerpunkt liegt dabei auf Offenlegungspflichten von Unternehmen, der Klimapolitik und der Unternehmensführung. Wann immer möglich engagieren wir uns hier gemeinsam mit anderen Investoren.

Lassen Sie uns zum Abschluss einen kurzen Blick in die Zukunft werfen. Was steht in den kommenden Monaten bei Ihnen auf der Agenda?

Ambachtsheer: Mit unserem neuen Slogan „Der nachhaltige Investor für eine Welt im Wandel“ haben wir vergangenes Jahr einen mutigen Schritt gewagt. Gleichzeitig sind wir unseren Zielen ein gutes Stück näher gekommen. Das zeigt sich auch an den zahlreichen Preisen, die wir für unsere Arbeit gewonnen haben, darunter beispielsweise einen ESG Excellence Award von AsianInvestor.

Trotz allem liegt aber noch ein weiter Weg vor uns. In diesem Jahr werden wir ein Update unserer globalen Nachhaltigkeitsstrategie mit Blick auf die kommenden drei Jahre veröffentlichen. Diese wird unsere Vision, unsere Ambitionen und die konkreten Schritte darlegen, mit denen wir zu einer inklusiven, nachhaltigen Netto-Null-Wirtschaft beitragen wollen.